Wirtschaft
27.11.2018

Minus 82 Prozent: Was hinter dem Bitcoin-Absturz steckt

Schwere Zeiten für "#HODLer". Was es mit dem Einbruch auf sich hat und wie sich die Fans trotz der Verluste Mut zusprechen.

Das Durchhaltevermögen der Bitcoin-Fans wird auf eine harte Probe gestellt. Wie so oft macht sich die eingeschworene Gemeinde der Kryptowährung gegenseitig mit der Parole #HODL Mut (Warum ausgerechnet #HODL? Eine witzige Story, Auflösung unten).

Die Devise: Nur die Schwachen verkaufen, die Harten hingegen bleiben am Bord und sitzen die Schwächephase aus. Deren Geduld wird aktuell aber heftig strapaziert.

Was ist passiert?

Im Herbst 2017 schien der Höhenflug von Bitcoin und Co kein Halten zu kennen. Erst wurden 2000 Dollar übersprungen, dann 5000, 10.000 Dollar – fast im Wochentakt wurden neue Bestmarken erreicht.

Der Hype

Reich werden im Handumdrehen, das schien plötzlich für Jedermann greifbar. Wie in der Hochphase des Internet-Booms vor 2000 („Dotcom-Blase“). Viele sprangen auf den Bitcoin-Zug auf – nicht alle im vollen Bewusstsein, was Kryptowährungen sind, wie sie funktionieren und was sie leisten.

Und die Rechnung ging für viele Spekulanten tatsächlich auf – zumindest jene, die rechtzeitig verkaufen konnten. Was andere Neueinstieger motiverte, es ebenfalls zu versuchen. Erst bei mehr als 19.500 Dollar war am 17. Dezember 2017 der Zenit erreicht.

Der Absturz

Seither ging es steil bergab, für Bitcoin (BTC), aber auch für so gut wie alle anderen Kryptowährungen. Zumindest bis Juni 2018. Da schien sich der BTC-Kurs zu stabilisieren, bei ungefähr 6500 Dollar schien der Boden erreicht, die Kurve verlief seitwärts weiter.

Allerdings war auch diese Ruhe trügerisch. Seit Anfang November hat sich der Absturz fortgesetzt. Und sogar beschleunigt. Je nachdem, welche Bitcoin-Börse man konsultiert, ist ein Bitcoin aktuell nur noch 3723 Dollar (coinmarketcap) oder 3666 Dollar wert (Coinbase). Gegenüber dem Höchststand hat Bitcoin aktuell knapp 82 Prozent seines Wertes eingebüßt.

Experten nennen mehrere Gründe.

1. Panik

Wie so oft bei hochspekulativen Investments verstärken sich Kursgewinne und –verluste von selbst. In der Boomphase springen viele auf den Zug auf, die im Absturz dann die Reißleine ziehen wollen. Bei Kryptos kommt erschwerend dazu, dass es gar nicht gesichert ist, dass der Anleger zu jeder Zeit seine Coins verkaufen kann. Je nach Marktplatz und Andrang kann es beträchtliche Verzögerungen geben – was die Unsicherheit noch erhöht.

2. Keine Diversifizierung

Viele Krypto-Fans beruhigten sich damit, dass sie nicht alle Eier in einen Korb gelegt haben, sondern mit allen möglichen Arten von virtuellen Coins und Tokens breit diversifiziert seien. Das ist freilich ein Trugschluss, wie die bisherigen Entwicklungen zeigen: Wenn Bitcoin abstürzt, dann sind auch die anderen Kryptowährungen wie Ethereum, Ripple, Litecoin und Co tief im roten Bereich.

Zum Höhepunkt des Aufschwungs, Anfang 2018, betrug der globale Gesamtwert der Kryptos knapp 800 Milliarden Dollar. Aktuell sind davon gerade noch 122 Milliarden übrig geblieben.

3. Glaubenskriege

Ein Grund für den jüngsten Preissturz ist ein sogenannter Hard Fork. Gemeint ist damit eine technische Aufspaltung, die aus einer Währung zwei unterschiedliche macht.

Da hat bereits mehrfach stattgefunden, weil sich die Anwendergemeinde nicht auf Fragen der  technologischen Fortentwicklung einigen konnte.

Aktuell betraf es  Bitcoin Cash, das seinerseits bereits eine von mehreren Bitcoin-Abspaltungen war. Das bedeutet, dass die Blockchain-Datenbank, in der alle Transaktionen verzeichnet sind, von Programmierern ab einem bestimmten Stichtag in zwei unabhängige Stränge aufgeteilt werden.

Die Anleger fürchten offenbar, dass dadurch der Gesamtmarkt destabilisiert wird. „Die Kryptobranche ist noch nicht erwachsen“, kommentierte Analyst Timo Emden. Das verlorene Vertrauen habe einen Verkaufsdruck ausgelöst, durch den sich eine Eigendynamik entwickelt habe.

4. Regulierung

Das ständige Damokles-Schwert ist, wie sich die Regulatoren verhalten. Eine zweischneidige Angelegenheit: Kurzfristig würden strengere Regeln den Handel zwar beschränken, auf lange Sicht wären sie aber hilfreich, damit sich die Spreu vom Weizen trennt. Momentan kann praktisch jeder Anbieter eine eigene Cyberdevise an den Markt bringen über eine Art virtuellen Börsengang (Initial Coin Offering, ICO) das Geld von Investoren einsammeln, ohne dass solche Transaktionen einer Aufsicht unterliegen würden. Die heimische Finanzmarktaufsicht FMA und ihr deutsches Pendant, die  Finanzaufsicht BaFin, haben mehrfach vor Geldanlagen in die Instrumente gewarnt, da sie zum Totalverlust führen können.

5. Offene Zulassungsfragen

Noch immer gibt es kein grünes Licht der großen Börsen für die Auflage von Bitcoin-ETFs, also Fonds, die auf der Wertentwicklung der Kryptos basieren würden. Die Zulassung entwickelt sich allmählich zu einer unendlichen Geschichte. Am Dienstag kam Unterstützung von der Technologiebörse NASDAQ, die trotz der Kursturbulenzen an Plänen für Bitcoin-Futures festhalten möchte. Das könnte der virtuellen Wertanlage einen Aufschwung bei institutionellen Anlegern bescheren.

6. Systemerhalter

Der Absturz des Bitcoin-Kurses führt zu Unsicherheit, ob viele Geschäftsmodelle gefährdet sind, die auf hohe Kurse angewiesen waren. Um das System aufrecht zu erhalten und Transaktionen zu bestätigen, ist nämlich enorm viel Computerleistung erforderlich. Diese wird von "Minern" zur Verfügung gestellt, die mit dem "Schürfen" neuer Bitcoins belohnt wurden. Viele davon haben sich für die nötigen Computer (bzw. Hochleistungsgrafikkarten) in Unkosten gestürzt, haben eigene Kleinkraftwerke zugemietet oder Stromverträge abgeschlossen. Für viele wird sich das Bitcoin-Schürfen bei den aktuellen Kurstiefs nicht mehr rentieren.

Wie geht es weiter?

Zwischen den einzelnen Kryptowährungen wird es einen harten Verdrängungswettbewerb geben, erwarten die Analysten von Raiffeisen Research. Wer dabei als Sieger hervorgehen wird, sei nicht absehbar – womöglich ist dieser noch gar nicht auf dem Markt.

Dass Bitcoin, das aktuell noch immer gut die Hälfte des gesamten Kryptomarktes repräsentiert, sich durchsetzen wird, sei eine „riskante Annahme“: Bitcoin zeigt viele praktische Schwächen und eignet sich kaum als tägliches Zahlungsmittel. Für den Fall, dass sich eine Krypto-Coin als Standard durchsetzen sollte, wäre obendrein mit einem Eingreifen der staatlichen Regulatoren und Notenbanken zu rechnen.

Fazit: Weil nicht absehbar ist, welche virtuellen Zahlungsmittel sich am Ende durchsetzen, ist das „langfristige Totalverlust-Risiko beträchtlich“. Die eingefleischten #HODLer wird aber auch das vermutlich nicht abschrecken.

Die Geschichte des #HODLers

Aber was hat es damit auf sich? Warum heißt das Mantra der Kryptofans ausgerechnet #HODL?

Das beruht auf einem Tippfehler. Im Dezember 2013 gab es bereits einmal einen abrupten Absturz nach einer vorangegangenen Boomphase. Auch damals warfen enttäuschte Spekulanten ihre Kryptos übereilt auf den Markt.

Nicht so Forumsuser GameKyuubi, der seinem Unmut in einem Bitcoin-Forum launig (und, wie er selbst einräumte, durch Whisky-Genuss deutlich illuminiert) kundtat. Weshalb er sich gleich mehrfach vertippte.  „I AM HODLING“ lautete sein Beitrag, der sich rasend schnell verbreitete. Und so wurde die Titelzeile zum Manifest aller Krypto-Jünger.

Sie machen sich damit Mut, dass alles schon einmal vorgekommen ist. Tatsächlich ist der jüngste Kurseinbruch mit rund 82 Prozent gar nicht der Schlimmste, sondern nur auf Platz vier der fürchterlichsten Abstürze in der Bitcoin-Historie. Den dramatischsten verzeichnete BTC nämlich im September und Oktober 2010. Damals waren die Kurse um 94 Prozent in die Tiefe gerasselt.