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Lenzing
12/15/2020

Lenzing-Chef: „Mein Appell: Europa first!“

Lenzing-AG-Vorstandsvorsitzender Stefan Doboczky sieht auch nach der Pandemie Markt für Masken und glaubt an Europas Klima-Chancen.

von Anita Kiefer

KURIER: Sie haben mit Palmers zu Beginn der Covid-Krise die Hygiene Austria gegründet. Wenig später gab es Kritik wegen der Nähe eines Palmers-Verantwortlichen zur ÖVP. Haben Sie den falschen Partner gewählt?

Stefan Doboczky: Es kümmert mich nicht. Die Hygiene Austria ist ein großartiges Joint Venture. Wir sind bei den großen Retailern gelistet, haben auch Aufträge der öffentlichen Hand gewonnen. Die Bedeutung der Politik im Geschäftsgebaren ist aber verschwindend gering.

Palmers-Chef Tino Wieser und Sie haben zu Beginn klargestellt, dass die Hygiene Austria nach der Krise weiterbestehen soll. Wer sind danach die Abnehmer?

Wir hatten in Europa immer einen Markt für Mund-Nasen-Schutz- und FFP2-Masken. Diesen wird es weiter geben, wenn auch kleiner. Aber: Ich bin überzeugt, dass die Pandemie hohe Sensibilität für Hygiene gebracht hat. Mit steigender Bekanntheit werden wir andere Produkte stärker verkaufen, etwa Hygienetücher.

Wie viele Masken produzieren Sie im Monat?

Mehr als 15 Millionen.

Ziel waren 25 Mio. Stück. Haben Sie sich verschätzt?

Wir sind davon ausgegangen, dass wir im Mund-Nasen-Schutz-Bereich stärker ausbauen werden. Wir sind jetzt eher im Bereich der FFP2-Masken. 25 Millionen Stück ist nach wie vor ein Ziel.

Das Lenzing-Geschäftsjahr war krisenbedingt durchwachsen. Sie haben nach den ersten neun Monaten eine Fortsetzung des positiven Trends des dritten Quartals prognostiziert. Ist das passiert?

Der Trend bestätigt sich. Die Textilindustrie wurde in der Covid-Krise sehr stark getroffen. In vielen Regionen sind die Aufträge um 50 Prozent und mehr eingebrochen. Es bleibt ein schwieriges Jahr, aber der Trend ist positiv.

Sie haben von Jänner bis September den Mitarbeiterstand gegenüber dem Vorjahr um 200 erhöht.

Der Nettoaufbau kommt aus dem Mitarbeiteraufbau für die Werke in Brasilien und Thailand.

Werden Sie nach der Krise Mitarbeiter abbauen?

Wir werden alles daran setzen, dass wir unseren Mitarbeiterstand auch in den nächsten Quartalen weiter auf- und nicht abbauen.

Sind Ihre Mitarbeiter noch in Kurzarbeit?

Wir haben in einigen Bereichen nach wie vor Kurzarbeit, allerdings  ein kleiner Anteil.

Die Lenzing AG ist stark um Klimafreundlichkeit ihrer Fasern bemüht. Wie sieht denn die Zukunft des Fasermarkts aus?

Weltweit werden mehr als 100 Millionen Tonnen Fasern produziert, die alle im Müll oder den Ozeanen landen oder verbrannt werden. Es gibt kein Recyclingkonzept. Zwei Drittel der Fasern sind synthetisch. Nachhaltigkeit in der Mode ist ein sich erst stark entwickelndes Thema. Wir haben hier Antworten, als einer der wenigen. Unsere Fasern sind aus erneuerbarem Rohstoff. Das gibt uns eine Werthaltigkeit, die auch für Investoren interessant ist. ESG-Ratings (Nachhaltigkeitsratings, Anm.) sind wesentliches Kriterium dafür, wo Investoren in Zukunft Geld anlegen.

Sie stehen unter starkem Preis- und Margendruck. Gleichzeitig muss man sich Nachhaltigkeit in der Mode leisten können. Kann Lenzing rasch von diesem Trend profitieren?

Ich glaube nicht, dass bald nur nachhaltige Mode verkauft wird. Wir decken mit unseren Fasern aber nur ein Prozent des globalen Marktes ab. Da gibt es enormes Potenzial.

Die Industrie war beim Thema Klima immer stark in der Kritik. Haben Sie den Eindruck, dass die Industrie durch die Pandemie mehr geschätzt wird?

Es ist je nach Polarisierung der Themen mal der eine, mal der andere der Buhmann. In Summe ist sich Gesamtösterreich bewusst, dass ein starker Wirtschaftsstandort und eine starke Industrie sehr wichtig sind. In vielen Bereichen ist die österreichische Industrie Vorreiter. Wir sind beim nachhaltigen Agieren als Industriestandort gut unterwegs und haben enormes Potenzial.

Diese Meinung teilen nicht viele Ihrer Kollegen.

Es gibt vieles, an dem wir arbeiten können. Aber ich und die meisten meiner Kollegen wissen: Wir diskutieren, was wichtig ist, um weiterhin ein guter Standort zu sein. In Summe ist Österreich ein guter, teilweise hervorragender Wirtschaftsstandort.

Sie haben kürzlich erklärt, dass Sie das Ende der Globalisierung noch nicht ausrufen würden. Also keine Rückholung von Produktion nach Europa?

In einigen sensiblen Bereichen wird es vermehrt Anstrengungen der Politik geben, etwa in der pharmazeutischen Industrie. Gleichzeitig sind die globalen Wertschöpfungsketten sehr komplex. Der Green Deal bringt für Europa eine enorme Chance. Wir müssen die Initiative nützen, um stärker in Nachhaltigkeit und die Stärkung der Wertschöpfung und der Wettbewerbsfähigkeit zu investieren.

Was kann Österreich beitragen?

Beim Green Deal ist wichtig, dass Österreich als Teil Europas agiert und in einigen Bereichen eigene Interessen hintanstellt, um gemeinsam weiterzukommen. Ich glaube, wir haben eine große Chance bei der nachhaltigen Wirtschaft, weil wir mit dem Rohstoff Holz sehr gut positioniert sind. Holz wird eine wichtige Rolle in der Dekarbonisierung spielen. Der Appell aber ist: Europa first.

  • Das Unternehmen 
    aus Oberösterreich ist Produzent von Fasern, darunter holzbasierte Spezialfasern wie Tencel und Lenzing Ecovero. Der Umsatz sank in den ersten drei Quartalen 2020 um 26,1 Prozent auf 1,19 Milliarden Euro, das EBITDA um 47,4 Prozent auf 140,4 Millionen Euro. Aktuell investiert Lenzing in den Neubau von Werken in Brasilien (Zellstoff) und Thailand (Lyocell).
     
  • Gemeinsam mit Palmers 
    gründete Lenzing  im 2. Quartal das Joint Venture „Hygiene Austria LP GmbH“ in Wiener Neudorf zur Schutzmaskenproduktion (50,1 Prozent-Anteil).
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