Landwirtschaftsmesse: Österreich wirbt in Berlin um deutsche Gaumen
Aus Berlin
Französischer Schimmelkäse und Rohschinken aus Italien – die heimischen Bauern haben bei den benachbarten Messeständen auf der „Grünen Woche“ in Berlin starke Konkurrenz. Trotzdem zeigen sich die Landwirte aus ganz Österreich dieser Tage selbstbewusst, wenn es darum geht, die vorrangig deutschen Besucher von den eigenen Produkten zu überzeugen.
Anna Kaiblinger von Mayer & Mayer aus Krems ist heuer etwa zum ersten Mal auf der Messe und bietet ihren Balsamico-Essig an. „Ich bin hier, um deutsche Kundschaft zu gewinnen“, sagt sie dem KURIER. Aktuell sei der Exportanteil an ihrem Umsatz noch einstellig. Durch die Messe soll dieser steigen.
Steirisches Kürbiskernöl und Wachauer Marillen
Neben Kaiblinger haben die Steirer Sandra und Martin Pronnegg ihren Stand. Auch für sie ist es die Premiere auf der „Grünen Woche“. „Wir produzieren Kürbiskernöl. Das ist in Deutschland nicht so bekannt“, sagt Sandra Pronnegg. Das Nachbarland sei „ein wichtiger Markt“. Um ihn zu erreichen, betreibt das Paar etwa einen Onlineshop.
Anna Kaiblinger aus Krems ist zum ersten Mal auf der "Grünen Woche".
Die Messe
Die „Grüne Woche“ (bis 2024 auch „Internationale Grüne Woche“) gilt als international wichtigste Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau. Sie findet jährlich in der Messe Berlin statt (heuer vom 15. bis zum 26. Jänner) und richtet sich an Fachbesucher und das allgemeine Publikum.
100-jähriges Jubiläum
Die erste „Grüne Woche“ fand 1926 statt, weswegen die Messe heuer ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Trotzdem findet sie 2026 wegen Unterbrechungen während des Weltkriegs und wegen der Maul- und Klauenseuche 1938 erst zum 90. Mal statt.
Hunderttausende Besucher
Die Messe zählt laut Angaben des Veranstalters rund 1.600 Aussteller aus mehr als 50 Ländern und insgesamt rund 300 Fachkonferenzen. 2025 besuchten ungefähr 310.000 Menschen die „Grüne Woche“.
Alfred Kausl vom Marillenhof Kausl will auf der Messe die Bekanntheit der Wachauer Marille steigern. Er verkauft Getränke wie etwa Nektar oder Likör. Dass sein Betrieb sich verstärkt auf den Export ins Nachbarland eingestellt hat, zeigen die Etiketten auf den Glasflaschen. Auf diesen ist in kleiner Schrift das Wort „Aprikose“ aufgedruckt. „Damit unsere deutschen Kunden wissen, was drinnen ist“, erklärt Senior-Chef Leopold Kausl.
Dass gerade der deutsche Markt so interessant ist, liegt an seiner Größe von mehr als 83 Millionen Einwohnern. Zudem ist er der wichtigste ausländische Markt für die heimische Landwirtschaft. Laut Statistik Austria gehen 40 Prozent der Agrar-Exporte in das Nachbarland.
Auch bei Niki Rettenbacher von der Bio-Hofkäserei Fürstenhof haben die Exporte nach Deutschland in den vergangenen Jahren stetig zugenommen – vor allem im Bio-Bereich. Vom ausländischen Mitbewerb zeigt sich der Salzburger unbeeindruckt: „Mit meinem Weichkäse gehe ich in Konkurrenz mit jedem Franzosen. Da brauchen wir uns wirklich nicht verstecken“, sagt er dem KURIER.
Neben Export wird auch Tourismus für Bauern immer wichtiger
Für ihn gehe es auf der Messe nicht nur darum, Käse zu verkaufen und Kontakte zu knüpfen. Rettenbacher will den Berlinern einen Urlaub in Salzburg schmackhaft machen. Denn die heimische Landwirtschaft ist eng verbunden mit dem Tourismus, wie auch Johann Hörtnagl, Bundesobmann bei „Urlaub am Bauernhof“, dem KURIER berichtet.
Sandra und Martin Pronnegg wollen steirisches Kürbiskernöl auch in Deutschland bekannt machen.
Sein Verband ist bereits seit 30 Jahren auf der Grünen Woche vertreten. Es gehe um „Imagepflege“, sagt der Obmann. Immerhin werde nicht nur der Export, sondern auch der Tourismus für die heimischen Landwirte immer wichtiger. Rund ein Drittel der Bauern könnte den eigenen Betrieb Umfragen zufolge ohne Zimmervermietung aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr weiterführen, berichtet Hörtnagl.
Die Aufgabe der Landwirte sei auf der Messe also auch, Touristen für die heimischen Regionen zu begeistern. Das weiß man auch bei der AMA-Marketing, die die Stände der Bauern organisiert hat und auch selbst vor Ort vertreten ist. Um das österreichische Lebensgefühl nach Berlin zu bringen, setzt die Marketingorganisation hinter dem AMA-Gütesiegel auf Volksmusik, Hütten-Feeling und Schmankerln wie Speckknödel und Kaiserschmarrn.
„Auch unsere Produkte kennen die deutschen Kunden vor allem aus dem Urlaub und sie freuen sich, wenn es sie dann auch in ihrer Heimat gibt“, sagt Simon Humer vom Biohof Thomabauer dem KURIER. Er ist zum vierten Mal auf der „Grünen Woche“. In den vergangenen Jahren sei die Messe für ihn immer erfolgreich verlaufen. So habe er etwa mehrere Geschäfte mit deutschen Gastronomen abgeschlossen.
Kleinbäuerliche Struktur soll erhalten bleiben - auch wegen des Mercosur-Deals
Die wachsende Bedeutung der Agrarexporte betont auch Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) bei einer Pressekonferenz zum Messeauftakt. Diese seien „zunehmend wichtig und unverzichtbar für das Einkommen der Bauern“.
„Agrarexporte sind zunehmend wichtig und unverzichtbar für das Einkommen der Bauern.“
Landwirtschaftsminister (ÖVP)
Es sei wichtig, die kleinbäuerliche Struktur der heimischen Landwirtschaft zu erhalten. Und das nicht nur wegen der Touristen, sondern auch im Hinblick auf den EU-Mercosur-Deal, der am Samstag unterzeichnet wurde. „Österreichs Landwirtschaft muss auf Qualität setzen. Wir können gar nicht so günstig produzieren wie die Mercosur-Staaten.“
Der Minister untermauerte in Berlin erneut seine Ablehnung gegen das Freihandelsabkommen. Auch dem Bauernbund-Präsidenten Georg Strasser und dem Präsidenten der Landwirtschaftskammer (LKÖ), Josef Moosbrugger, stößt der Mercosur-Deal sauer auf.
Mercosur-Staaten waren auf der Messe nur sporadisch vertreten
Moosbrugger kritisiert, dass man in den südamerikanischen Staaten Produktionsbedingungen vorfinden würde, die mit europäischem Recht nicht vereinbar seien. Und Lebensmittel, die nicht nach EU-Standards produziert wurden, „gehören nicht auf den europäischen Markt“, so der LKÖ-Präsident.
Die Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay sind auf der Landwirtschaftsmesse trotz Mercosur-Deal nur sporadisch vertreten. Und die wenigen Stände drehen sich weder um Rindfleisch noch um Soja, sondern um Cocktails und Spirituosen.
Redaktioneller Hinweis: Die Reise nach Berlin erfolgte auf Einladung der Landwirtschaftskammer Österreich (LKÖ).
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