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Wirtschaftslage
12/12/2019

KSV1870-Experte Kantner: "Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft"

Die Firmeninsolvenzen werden um bis zu fünf Prozent steigen, Privatpleiten deutlich stärker

von Kid Möchel, Dominik Schreiber

Österreich surft auf einer Konjunkturwelle, ist besser als der EU-Durchschnitt, aber die Lage trübt sich ein“, sagt Ricardo-Jose Vybiral, Chef des Gläubigerschutzverbands KSV1870. „Die gute Geschäftslage der Unternehmen geht um ein paar Prozentpunkte zurück, sie werden künftig auch weniger investieren.“ Doch Österreichs Unternehmen sind kapitalkräftig, im Schnitt haben sie mehr als 50 Prozent Eigenkapital. Investitionen werden zu fast 60 Prozent mit Eigenkapital oder aus dem Nettozufluss liquider Mittel (Cashflow) finanziert, fast ein Viertel der Investitionen entfällt mittlerweile auch auf Beteiligungen. Letztere dienen meist der Erweiterung der Geschäftsfelder.

Doch es gibt derzeit auch Unsicherheiten – wegen des Brexits, wegen der schlechten Lage der europäischen Automobil- und Zulieferindustrie und wegen des Zollstreits zwischen den USA mit China. „Wohin wir blicken, sehen wir Unsicherheiten. Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft“, sagt KSV1870-Insolvenzexperte Hans-Georg Kantner. Obwohl die Unternehmenspleiten heuer nur ein marginales Plus (0,8 Prozent) verzeichnen, ist Kantner für das nächste Jahr eher pessimistisch. Aufgrund der Konjunkturabkühlung rechnet er mit einem Anstieg der Firmeninsolvenzen um drei bis fünf Prozent.

Rund 5.000 Firmeninsolvenzen wurden heuer bereits angemeldet, aber nur 3.026 Fälle konnten auch eröffnet werden, weil genügend Vermögen zur Deckung der Eröffnungskosten vorhanden war. Auffällig ist, dass die Fälle kleiner werden. Im Schnitt sitzt eine Pleitefirma auf rund 558.000 Euro Schulden.

Heuer gab es lediglich 30 Großinsolvenzen mit mehr als 10 Millionen Euro Schulden. Rekordhalter ist die steirische Fassaden- und Metallbau-Gruppe SFL Group mit 92 Millionen Euro Verbindlichkeiten, gefolgt vom Verpackungsspezialisten alufix Folienverarbeitung (41 Millionen Euro) und dem Reiseveranstalter Thomas Cook Austria (31 Millionen Euro).

Dienstleister, Baufirmen und Gastro-Unternehmen sind jedes Jahr Fixstarter im Insolvenzranking. Mittlerweile mischt eine weitere Branche mit: 145 Betriebe der Maschinen- und Metall-Branche mussten heuer Konkurs anmelden. Sie haben insgesamt 229 Millionen Euro Schulden angehäuft.

9.534 Privatpleiten

Indes haben die Privatkonkurse deutlich auf 9.534 Fälle zugelegt, der KSV1870 hat eine Steigerung von zwölf Prozent im Vergleich zu den Vorjahren hochgerechnet. Diese Tendenz wird sich weiter fortsetzen.

Vor allem die Novelle 2017 des Privatinsolvenzrechtes hat das Geschehen beeinflusst. So wurde im Abschöpfungsverfahren die Mindestquote von zehn Prozent abgeschafft und die Zahlungsdauer von sieben auf fünf Jahre verkürzt. Nicht zuletzt der KSV1870 haderte mit der Novelle, da man anfangs davon ausging, dass es dem Schuldner zu einfach gemacht wird. Doch diesen wurden per Gesetz weitere Auflagen erteilt. Ein Privatpleitier muss sich heute intensiv um eine Beschäftigung bemühen, die eine entsprechende Ratenzahlung ermöglicht.

„Irgendeine Beschäftigung ist fortan nicht mehr ausreichend“, räumt auch der KSV1870 ein. Dazu muss man aber wissen, dass rund 70 Prozent der privaten Schuldner mit ihren Gläubigern einen Zahlungsplan abschließen. Oder anders gesagt: Sie einigen sich vorab darüber, welche Summe der Schuldner zurückzahlen wird. Mit der Novelle ist die Zahl der Zahlungspläne auf 66 Prozent abgerutscht, jetzt ist diese Quote wieder auf 69 Prozent gestiegen.

Laut KSV1870-Chef Vybiral könnte man die Privatpleiten durch Finanzbildung im Klassenzimmer deutlich eindämmen. Vybiral: „Denn 20 bis 30 Prozent schlittern in die Insolvenz, weil sie keine Finanzbildung haben.“

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