Ungewöhnliche Karrierewege: Warum Akademiker sich für eine Lehre entscheiden
Ein Studium und ein Lehrabschluss? Diese Kombination kommt immer wieder vor und ist am Arbeitsmarkt auch gefragt, berichtet Michael Ludwig, Partner beim Recruiter Odgers. Was den erfahrenen Headhunter jedoch stutzig macht, ist die Reihenfolge der Abschlüsse: Zuerst ein Studium und dann eine Lehre. Einen solchen Fall habe er bisher selten bis gar nicht auf dem Tisch gehabt.
Aber es gibt sie, sagt Alfred Freundlinger, Lehrlingsexperte der Wirtschaftskammer Österreich (WKO). „In absoluten Zahlen gesehen ist es sogar eine nennenswerte Gruppe.“ Aktuell liege ihr Anteil bei 0,2 Prozent der Lehrlinge – das entspricht 212 Personen in Österreich, die studiert haben – und sich später dazu entschließen, eine Berufsausbildung zu machen. „Was ich faszinierend finde: 157 von ihnen haben ihr Studium auch abgeschlossen.“
Was also steckt hinter diesem Karriereweg?
Der praktische Weg
Das Phänomen beobachtet Martina Kainz schon länger. Sie koordiniert beim Arbeitsmarktservice (AMS) die BerufsInfoZentren und weiß: „Einige Menschen mit einer höheren Ausbildung wollen nach mehreren Jahren im Beruf etwas völlig Konträres machen.“ Ihrer Erfahrung nach entscheiden sie sich häufig für eine Lehre im Bereich neue Technologien, im Handwerk, im Gartenbau oder auch im Umweltbereich.
Der Wunsch nach einem Karrierewechsel habe oft gute Gründe. Kündigungswellen sowie ein Mangel an Jobangeboten und beruflichen Netzwerken machen das Arbeiten in manchen Bereichen nicht leicht, sagt Kainz. Dennoch rät sie nicht jedem zu einem Wechsel in die Lehre. „Die Lehre ist speziell für eine jüngere Zielgruppe konzipiert. Die Frage ist also, ob ein Lehrbetrieb einen älteren Absolventen ausbilden möchte“, sagt sie. Ein zweiter Bildungsweg oder sogenannte externe Lehrabschlüsse seien hier geeigneter. Jenen, die aber einen Lehrbetrieb finden, steht grundsätzlich nichts im Weg. Im Gegenteil: Mit einer Reifeprüfung könne die Lehrzeit sogar um ein Jahr verkürzt werden.
Laut dem Online-Bildungsportal „Studieren.at“ gibt es drei Formen des dualen Studiums:
- Beim ausbildungsintegrierten Studium wird eine Berufsausbildung mit einem Studium kombiniert. Absolventen haben danach sowohl einen Bachelorabschluss als auch einen Lehrabschluss.
- Das praxisintegrierte Studium ist wiederum eine Kombination aus Langzeitpraktikum und Studium. Wer sich für dieses Modell entscheidet, schließt „nur“ mit einem Bachelor ab.
- Das berufsbegleitende Studium richtet sich vorrangig an Berufstätige, die ihre Ausbildung bereits abgeschlossen haben und bereits arbeiten. Sie können mit diesem Modell studieren und weiterarbeiten.
Wichtig sei laut Martina Kainz und Alfred Freundlinger vor allem die Motivation hinter dem Wechsel. „Man muss es sich individuell ausmachen und gut überlegen“, so Freundlinger. „Viele wollen statt der Theorie etwas Handfestes. Es gibt Gruppen, die ein Studium abgeschlossen haben und sich zusätzlich facheinschlägig praktisch vertiefen wollen.“ In Deutschland komme so etwas häufiger vor (Stichwort: duales Studium – mehr Infos im Kasten oben). Außerdem stehe man mit einem Lehrabschluss am Arbeitsmarkt sehr gut da: „Das sind gefragte Kräfte“, sagt Freundlinger.
Trotzdem fühlen sich viele von ihren Eltern und ihrer Umgebung in Richtung Studium gedrängt, beobachtet Beraterin Martina Kainz – auch das scheint beim Karrierewechsel ausschlaggebend zu sein, wie der KURIER von Goldschmiedin Stefanie Glatz erfährt.
Von den Eltern beeinflusst
„Meine Eltern wollten, dass ich etwas Gescheites studiere“, erzählt Glatz. Sie entschied sich für internationale Wirtschaftswissenschaften – ihr Traum war das jedoch nie. Erst einige Jahre nach ihrem Abschluss beschloss sie, das zu tun, „worauf sie wirklich Lust hat.“ Statt einer klassischen Lehre absolvierte sie eine private Erwachsenenausbildung mit einem Goldschmiedelehrgang. Heute ist sie selbstständig tätig und entwirft Schmuck unter ihrem eigenen Label Obizzi. Ob sie die Entscheidung bereut? „Absolut nicht. Ich rate jedem, das zu tun, was einen ruft.“
Nurit Davidowicz sieht das ähnlich. „Meine Familie ist sehr akademisch geprägt, deswegen war für mich klar, dass ich studieren werde“, erzählt die WorldSkills-Medaillengewinnerin. Nach ihrer Matura inskribierte sie in Physik, merkte aber schnell, dass es nicht wirklich passte. „Es war viel zu theoretisch, mir hat das Praktische gefehlt.“ Davidowicz brach ihr Studium ab und stieß stattdessen auf ein außergewöhnliches Angebot: ein ausbildungsintegriertes Studium. Untertags absolvierte sie eine Lehre in Mechatronik für Automatisierungstechnik, abends studierte sie Computer Science. Das Beste aus beiden Welten – wenn auch nicht unbedingt einfach: „Um das durchzuziehen, braucht man viel Disziplin, Zeitmanagement und vor allem Leidenschaft für das Fach“, sagt sie.
Letzteres betont auch Beraterin Martina Kainz. Sinn im Job zu bieten, werde künftig auch ein Anspruch an viele Unternehmen sein: „Unser aller Antrieb ist es, etwas zu machen, das Bewegung, Sinn und Weiterentwicklung bietet. Bis zu einem gewissen Grad erfüllt uns das.“
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