Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

KI in der Arbeitswelt: Wissen wir, worauf wir uns da einlassen?

Die Künstliche Intelligenz automatisiert Aufgaben, steigert die Effizienz – und macht zunehmend auch Jobs obsolet. Firmen riskieren damit aber mehr als „nur“ Arbeitsplätze.
Eine menschliche Hand und eine Roboterhand nähern sich einander mit ausgestreckten Zeigefingern.

Die erste Euphorie ist vorüber. Die künstliche Intelligenz hinterlässt spätestens seit den ersten KI-bedingten Kündigungswellen einen bitteren Nachgeschmack. Trotzdem halten sich Firmen an eine Strategie: volle Kraft voraus. KI frisst Einstiegsjobs, heißt es etwa in einem brand-eins-Beitrag. Einsteiger werden obsolet, der Jobstart somit umso härter. Aber: Was heißt das für Jobsuchende? Für Mitarbeitende? Welche Fähigkeiten gelten noch als wertvoll für den Arbeitsmarkt?

„Ich arbeite mit Unternehmen zusammen, rede mit Managern und beobachte: Sie fühlen sich dem Druck ausgesetzt, KI einzusetzen“, berichtet Thomas Grisold, Leiter der WU-Forschungsgruppe „Applied Artificial Intelligence“, dem KURIER. Als Firma müsse man am Puls der Zeit bleiben, um auch Shareholdern und Kunden die richtigen Signale zu senden. Er spricht von der „Fear of Missing Out“, also der Angst, etwas zu verpassen. „Es ist die Sorge, nicht auf den einen Zug aufzuspringen, der einen potenziell weiter voranbringt.“ Also nimmt man Risiken in Kauf und trifft vielleicht auch voreilige Entscheidungen.

Das KI-Experiment

Die Sorge rund um KI sei laut Trendforscher Franz Kühmayer absolut berechtigt. „Was heute Effizienzgewinne verspricht, könnte morgen zu riskanten Kompetenzlücken führen“, sagt er. Die Erosion von Einstiegsjobs betreffe längst nicht nur niedrig qualifizierte Routinejobs. „Mittelfristig stellt sich die Frage, wie das klassische Senioritätsprinzip aufrechterhalten werden kann, wenn diese Rollen zunehmend an KI übertragen werden“, führt er aus. Die eigentliche Gefahr liege also nicht nur im Jobabbau – wobei der ebenfalls Konsequenzen haben könnte.

„Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass die Arbeit so wie sie aktuell durchgeführt wird, immer eins zu eins von einer KI übernommen werden kann“, ist Thomas Grisold überzeugt. Er bezeichnet die Situation am Arbeitsmarkt als Experimentierphase. Firmen probieren aus, was funktioniert und was nicht. „Unternehmen, die Entry-Level-Positionen gestrichen haben, müssen nicht automatisch dabei bleiben“, erklärt er. Manche würden später darauf kommen, dass gewisse Anteile fehlen, und Leute wieder einstellen – nur mit angepassten Rollen und Verantwortlichkeiten. „Welches Wissen wertvoll ist, ist eine zentrale Herausforderung, mit der Unternehmen aktuell konfrontiert sind.“ Was Grisold hier jedoch beobachtet: Die Rolle des Menschen wird stark unterschätzt.

Thomas Grisold moderiert eine Podiumsdiskussion und Franz Kühmayer steht vor einem blauen Hintergrund und schaut in die Ferne.

Was KI (noch) nicht kann

Seit die KI am Arbeitsmarkt eine Konkurrenz darstellt, häuft sich auch der Rat, nach handfesteren Jobs wie Installateur Ausschau zu halten. Laut Thomas Grisold ist das jedoch nicht der richtige Weg. „Vielmehr sollte man darauf achten, in welchen Aufgaben es menschliche Komponenten gibt, die nicht automatisiert werden können. Wo ist man einzigartig?“ Grisold bezieht sich hier auf eine Studie, in der KI als eine sich bewegende Grenze bezeichnet wird, eine „moving frontier“. Tätigkeiten, die ein Chatbot zur Gänze übernehmen kann, liegen innerhalb dieser Grenze. Außerhalb liegen Fähigkeiten, die eine KI noch nicht beherrscht. Dazu gehören kontextuelle Schlüsse zu ziehen, Erfahrungen einzubeziehen, Zusammenhänge zu finden und zu beurteilen.

„Leute unterschätzen, wie leicht etwas outside the frontier (Anm.: außerhalb der Grenze) liegen kann. Wie viel wir in Situationen hineinnehmen, was nicht automatisch in kodifiziertes Wissen umgewandelt werden kann.“ Ein Beispiel: Informationen, die man im Flur mit Kollegen ausgetauscht hat und bei der Lösung von Aufgaben einsetzt.

Entscheidend für die Zukunftssicherheit von Jobs sei noch etwas anderes, ergänzt Franz Kühmayer, und nennt den Begriff Agency: „Darunter verstehe ich den Grad an autonomer Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit: Kann jemand selbstständig Ziele definieren, Prioritäten setzen, Verantwortung übernehmen und unter Unsicherheit wirksam handeln?“ Dort sieht er nach wie vor das Hoheitsgebiet menschlicher Arbeitsleistung. „Das umfasst Berufsbilder von Führungsarbeit über Krisenmanagement bis hin zu Pflege oder Sozialarbeit. Genau dort bleibt der Mensch stark.“ Die Herausforderung: Für Agency-Kompetenzen braucht es Erfahrungswissen.

Hier setzte die Podiumsdiskussion der WU Wien am Mittwoch an, die Grisold moderierte. Vor allem Jugendliche würden zunehmend die KI verwenden, bevor sie selbst denken. Eine gefährliche Entwicklung, wie das Podium meinte. Dem KURIER sagt Grisold: „Die KI ermittelt den statistischen Durchschnitt und wenn mehr Menschen KI verwenden, führt es dazu, dass Texte ähnlich klingen und Leute vielleicht beginnen, ähnlich zu denken. Damit geben wir unsere Fähigkeit, einzigartig zu sein auf.“

Kommentare