Der alte Pezi: Braucht mehr Action und ist fast immer ausverkauft

GOLDENER RATHAUSMANN FÜR KASPERL UND PEZI
Alexandra Filla ist seit über 26 Jahren die Stimme von Pezi. Sie weiß, warum das Konzept von damals immer noch funktioniert.

Es braucht nur zwei Worte und Groß sowie Klein wissen, worum es geht. Mit dem Ausspruch Krawuzikapuzi, Gesang, fantastischen Geschichten und Mitmachaktionen begeistern Kasperl und Pezi seit über 75 Jahren ihr Publikum in der Wiener Urania. Alexandra Filla (52) ist seit sechs Jahren künstlerische Leiterin des Puppentheaters und die Stimme hinter Pezi. Im Interview erzählt sie, welche Inhalte sich besonders gut verkaufen und warum Pezi keine SMS schreibt.

Das Publikum wird seit über 75 Jahren mit den Worten „Kinder, seid ihr alle da?“ begrüßt. Der Humor ist gleich geblieben, die Sprüche ebenso. Wie sehr leben Kasperl und Pezi von der Nostalgie?

Alexandra Filla: Die Nostalgie liegt bei den Erwachsenen und diese bringen die Kinder hierher. Für die Kinder ist das reine Magie, die einmal zur Nostalgie wird. So erreichen wir Eltern und Kinder gleichzeitig.

Wie wichtig ist die Wiedererkennung fürs Geschäft? 

Mitunter das Wichtigste. Wir sind bemüht, Sprüche, Witze, Figuren und Bühnenbilder nicht großartig zu verändern. Die Magie der Märchenstadt soll so erhalten bleiben und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Figur der Großmutti ist ein gutes Beispiel dafür. So eine Großmutti mit grau aufgestecktem Haar, Spitzenhauberl und Bluserl, die zum Kakao und Gugelhupf einlädt, kennen viele Kinder im realen Leben gar nicht mehr.

Heißt, diese Wertevermittlung ist ein Alleinstellungsmerkmal und somit der USP?

Das ist der Kern des Ganzen. Jedes unserer Stücke beinhaltet die Macht und Kraft der Freundschaft. Kasperl und Pezi sind die allerbestesten Freunde und gemeinsam schaffen sie alles. Zudem kennt jeder jeden in der Märchenstadt und man hält zusammen. Auf das Wienerische legen wir auch großen Wert. Teppichbracker, Quarg’lbrot und Gugelhupf zeichnen Kasperl und Pezi aus.

Die Gesellschaft ist jedoch heute eine andere als vor 75 Jahren. Wie wurden die Stücke der Zeit angepasst?

Die Stücke von damals könnten wir heute nicht mehr eins-zu-eins zeigen. Es muss heutzutage mehr Action auf der Bühne passieren. Wir spielen auch keine Märchen mehr wie sie wirklich sind. Das wäre viel zu brutal. Der Frosch wird nicht gegen die Wand geknallt und das Monster auch nicht mit dem Schwert erstochen. Bösewichte sind bei uns nie von Grund auf böse. Sie haben ein Problem, mit dem sie falsch umgehen und Kasperl und Pezi lösen dies mit List, Tücke und Zauberei. So wollte eine Königin zum Beispiel einmal den Mond vom Himmel herunterholen, weil sie nicht schlafen konnte. Kasperl und Pezi haben ihr eine Augenmaske empfohlen und gesungen, damit sie einschläft.

Wie sehr muss man sich dennoch inhaltlich dem Zeitgeist beugen, um Tickets zu verkaufen?

Also Kasperl und Pezi werden nie ein Handy haben. Es gibt auch keinen Computer. Der kommt höchstens als Zauberkasten vor oder ist so groß, dass er den kompletten Raum ausfüllt. Im Gegenteil: Wir haben ein Telefon mit Wählscheibe und wir zeigen den Kindern, wie man Probleme anders als mit der Technik lösen kann. Bei uns googelt Pezi nicht, wenn er etwas sucht, sondern fragt seinen Freund. Er schreibt auch keine SMS, sondern geht direkt zu den Menschen und redet mit ihnen. Und ich glaube, das ist genau das, was sich gut verkauft.

Abseits der Werte, welche Geschichten sind die ersten, die ausgebucht sind?

Wenn Dagobert (der große grüne Drache) im Titel steht, das geht immer. Aber die Besucher buchen eher nach Datum und nicht nach Inhalt. Irgendwas scheinen wir aber komplett richtig zu machen, denn wir haben eine Auslastung von 96 bis 98 Prozent, unabhängig von der Jahreszeit.

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Alexandra Filla ist seit 2019 auch künstlerische Leiterin des Urania Puppentheaters.

Obwohl es de facto keine Pressearbeit, kein Marketing und keine Förderungen gibt. Wie gelingt dieser Erfolg?

Wir hatten auch immer wieder schlechte Zeiten, aber die haben wir einfach durchgetaucht ohne großartig etwas zu ändern. Aber ja, wir sind einer der wenigen Theater, die privat geführt sind und keine Förderungen beziehen. Ich kann es nicht genau sagen, das ganze Team ist einfach mit viel Herz und Liebe dabei und das spricht sich rum. Wir leben ja nur von Mundpropaganda. Außerdem expandieren wir nicht und machen noch mehr Vorstellungstermine. Da ist die Gefahr zu groß, dass der halbe Saal vielleicht dann doch einmal leer ist. Das geht dann auf Kosten der guten Stimmung und das spricht sich eben auch rum.

Die gute Stimmung ist auch der Tatsache geschuldet, dass die Kinder aktiv in die Vorstellung miteingebunden werden. Wie schreibt ihr die Geschichten so, dass sich alles ineinander fügt?

Außer den Liedern und Zaubersprüchen gibt es keine fixen Texte. Das geschieht alles aus dem Stegreif. Ich denke mir eine Geschichte aus, die erzähle ich theatralisch meinem Ensemble und dann spielen wir sie einfach. Auf diese Weise können wir auch auf die Kinder gut reagieren und sie einbauen.

Seit fast fünf Jahren gibt es auch ein neues Format, eine Kooperation mit den Science Busters. Werden noch weitere ähnliche Formate folgen?

Die Science Busters stehen vor der Bühne, machen Versuche und Kasperl und Pezi geben ihren Senf dazu. Kinder sind fasziniert, wenn es raucht, knallt und stinkt. Das Format ist sehr sehr beliebt. Aber das braucht auch sehr viel Zeit in der Vorbereitung neben den anderen Programmen. Was noch folgen wird, weiß ich nicht. Generell sind wir aber immer offen für Ideen.

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