Akademiker: „Wir haben uns ins Aus manövriert“
Fünf Fünfer in der HTL machten ihn zum Schulabbrecher. Sein Glück fand Mario Derntl mit einer Lehre bei der Voest. Ein „Gamechanger“, wie er heute sagt, weil der Ausbildner sein Talent erkannt hat. Er wurde gefordert, gefördert, setzte die Matura auf die Lehre, studierte, lebte und arbeitete in den USA.
KURIER: Also doch noch eine akademische Ausbildung.
Mario Derntl: Ja, aber erst später. Der Grundstein für alles war meine Lehrlingsausbildung. Sie hat mir den Weg gezeigt und mich letztlich zum Unternehmer gemacht.
Mario Derntl
Er brach die Schule ab und ging als Mechatronik-Lehrling zu Voest. Derntl studierte Personalmanagement, lebte in den USA, arbeitete bei Mercedes. Grundstein für alles war die Lehre.
Talents and Company
Mit Fabian Doppler gründete er 2023 Talents and Company. Kein einfacher Personalberater, sondern ein Dienstleister, der für Firmen die Suche, Entwicklung und Bindung von Mitarbeitern übernimmt.
Sie sind seit jeher ein Förderer der Lehrlingsausbildung. Jetzt haben auch die USA erkannt, dass diese Ausbildung wertvoll ist. Die Zahl der registrierten Lehrlinge in den USA soll bis 2029 auf eine Million wachsen. Was steckt dahinter?
Der große Bedarf. In Wirklichkeit haben sie das Riesenthema, dass sie keine Workforce haben, die komplexe Themen und Maschinen bedienen kann. Es fehlen die Facharbeiter mit Problemlösungskompetenz. Sie haben entweder Führungskräfte oder angelernte Hilfskräfte – dazwischen ist da in den USA nicht viel.
Sie sagen, das neue Motto in den USA lautet: „Weniger College für alle“.
Das ist meine Wahrnehmung. Mit der Executive Order des Präsidenten gibt es die klare Vorgabe, im Blue Collar Bereich zu wachsen. In der Schweiz gibt aktuell es fast jede Woche eine Delegation aus einem US-Bundesstaat, die sich das dortige Lehrlingsmodell ansieht.
Die Lehre, gerade in Österreich, hat seit Jahrzehnten ein Imageproblem. Wir haben die Höherbildung, das Studium stark forciert. Wo stehen wir heute?
Wir stehen vor einem Scherbenhaufen. Wir haben die Realität, dass noch nie so viele Menschen im höherqualifizierten Bereich Arbeit suchen. In den Massenfächern haben wir viele Absolventen, die wir am Arbeitsmarkt nicht mehr unterbringen. Ein Treiber dieser Entwicklung ist sicher die KI. Es werden in den Firmen viel weniger Juniors eingestellt, daraus werden auch keine Seniors mehr entwickelt. Gleichzeitig sind Menschen mit Berufsausbildung, vor allem Handwerker, die gefragteste Gruppe am Arbeitsmarkt. Die könnten Tag und Nacht durcharbeiten.
Haben wir zu viel akademischen Hochmut?
Es wurde immer die Geschichte erzählt: Wenn du wirklich erfolgreich sein willst, dann brauchst du ein Studium. Dieses Narrativ ist aber heute auserzählt. Es gibt diese Geschichte einfach nicht mehr. Man hat der Lehre damit auch immer den Nimbus der zweiten Klasse gegeben. Diese Abwertung muss aufhören. Wir haben uns damit ins Aus manövriert, haben zu viele Akademiker, die niemand braucht und zu wenige Fachkräfte, die den Firmen fehlen.
Trotzdem sind die Unis voll: Bilden wir am Bedarf vorbei?
Bin davon überzeugt, dass wir hier nicht richtig unterwegs sind. Wir haben uns kaputtstudiert. Der Bedarf und das Angebot am Arbeitsmarkt passen nicht zueinander. Wir bilden nicht treffsicher aus.
Auch auf dem Verdienstsektor ist das ablesbar: Fachkräfte haben richtig gute Einkommen, können als Unternehmer erfolgreich sein.
Wir brauchen die Fachkräfte und diese Umkehr im Markt verändert auch die Verdienstchancen: Der Markt gibt die hohen Gehälter für Akademiker einfach nicht mehr her.
Auch die Fähigkeiten von Fachkräften haben sich stark verändert. Sie sprechen von „Köpfen, die mit den Händen denken“. Weil Technologie und KI heute schon überall dabei ist. Wie muss sich die Ausbildung in der Lehre verändern?
Ehrlich gesagt, passiert hier viel zu wenig. Das Thema Ausbildung hat überhaupt keinen Drive. Wir lassen strukturell das Thema Ausbildung komplett hängen und sehen nicht, was für ein Wert dahinter steckt. Wann gab es die letzte Ausbildungsreform? Was ist in den vergangenen Jahren passiert? Wir haben etwa nicht die Durchlässigkeit nach oben, wie es sie in der Schweiz gibt. Dass man mit der Lehre startet und dann ganz normal ein Studium macht.
Akademikerarbeitslosigkeit, Fachkräftemangel – das muss doch auch gesehen werden, wenn man sich für eine Ausbildung entscheidet.
Noch ist die Lehre mit knapp 40 Prozent Anteil die größte Ausbildungsreform. Aber in Krisenzeiten suchen die Menschen die Sicherheit – sie bleiben also in der Schule. Drei Zielgruppen haben noch großes Wachstumspotenzial auf dem Fachkräftesektor: Migranten, weil sie das Modell Lehre zu wenig kennen. Frauen, weil die Lehre immer noch viel zu männlich ist. Und die Lehre nach der Matura, weil man sonst kaum noch in den Arbeitsmarkt kommt.
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