Der letzte Bürstenmacher Wiens: Was das Handwerk vor dem Aus bewahrt
G. Duchac führt Meier Bürsten in der Taubergasse, 1170 Wien.
Die Europäischen Tage des Kunsthandwerks stehen an: Vom 7. bis 12. April 2026 öffnen Wiener Kunsthandwerksbetriebe ihre Werkstätten für Führungen. Darunter sind auch seltene Betriebe: traditionelle Uhrmachermeister, eine der wenigen verbliebenen Silberschmieden Europas – und Wiens letzter Bürstenmacher in der Taubergasse, 1170 Wien.
Warum das Bürstenmacherhandwerk kaum noch Nachwuchs findet und Gerhard Duchac, Inhaber des letzten Wiener Bürstenmacherbetriebs, trotzdem seinen Konzernjob dafür aufgegeben hat.
KURIER: 1918 startete Hans Meier seine Bürstenproduktion. Sein Sohn Norbert Meier übernahm 1973 den Betrieb. Herr Duchac, Sie sind seit November 2024 der neue Inhaber – wie kam es dazu?
Gerhard Duchac: Die Liebe hat mich zu den Bürsten geführt. Der Vater meiner Lebensgefährtin ist der letzte Bürstenmacher Wiens. Ich habe das Handwerk von ihm gelernt und führe es sozusagen in dritter Generation weiter. Das Handwerk ist eine seltene G‘schicht. In Österreich gibt es nur mehr eine Handvoll davon.
In Wien sind Sie aktuell sogar der Einzige: Wie ist es, als letzter Bürstenmacherbetrieb bezeichnet zu werden?
Einerseits ist es eine Ehre, wenn man die Fahne noch hochhält. Andererseits macht man sich schon auch Sorgen um die Zukunft. Wenn ich den Betrieb nicht übernommen hätte, wäre das Handwerk in Wien ausgestorben. Mein Schwiegervater ist der Letzte, der es in Wien noch kann. Den Lehrberuf gibt es seit 2007 nicht mehr. Wie es weitergeht, ist also eine gute Frage.
Warum haben Sie sich für diese Karriere entschieden?
Ich habe Betriebswirtschaftslehre an der WU Wien studiert und war später Betriebsleiter in mehreren Produktionsunternehmen. Das Bürstenhandwerk ist mein zweiter Bildungsweg. Darüber bin ich sehr froh. In Großunternehmen ist man oft nur eine Nummer, in meinem Betrieb bin ich mein eigener Herr, habe mehr Freiheiten und kann meinen Tag flexibel planen. Das ist sehr viel wert.
Sie machen Haarbürsten, Nagelbürsten, Schuhputzbürsten und Massagebürsten – wer sind Ihre Kunden?
Unser Hauptgeschäft machen wir mit technischen Bürsten für Industrie- und Gewerbekunden. Denn in fast jeder Produktionsanlage finden sich Bürsten, z. B. zur Oberflächenbehandlung. Ein Privatkundengeschäft mit allen Bürsten, die man im Haushalt benötigt, haben wir auch. Wir bieten sogar Restaurierungsarbeiten an, etwa bei alten Haarbürsten.
Wie lange arbeitet man an einer Bürste?
Bei einer klassischen Haarbürste ist eine halbe Stunde schnell um. Insofern darf man die Arbeitszeit gar nicht rechnen. Aber genau das zeichnet uns aus: die Qualität. Eine gute Arbeit verkaufe ich zweimal, eine schlechte nur einmal. Das unterscheidet uns von den großen Händlern. Genauso wie die Beratung. Diese zwei Punkte lassen uns seit Jahrzehnten am Markt bestehen.
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