Gründen soll kein Privileg sein – was viele trotzdem abschreckt
2025 war für Wien ein Rekordjahr: Rund 11.000 Unternehmerinnen und Unternehmer wagten den Schritt in die Selbstständigkeit. Es gibt aber noch Luft nach oben, es könnten noch mehr sein, sind Start-up-Experte Kambis Kohansal Vajargah und Finanzmathematikerin Tetyana Kohansal sicher. Ihr neu erschienenes Buch soll zum Gründen motivieren.
Gründer-Ängste
„Gründen soll kein Privileg sein. Man kann es erlernen“, ist der Tenor des Buches „Start-up Code“. Man wollte weg von den komplexen Inhalten, die man oft mit Unternehmertum in Verbindung bringt. „Wir haben das Buch so geschrieben, dass es für jeden und jede verständlich ist“, sagt Kambis Kohansal Vajargah. Tetyana Kohansal ergänzt: „Uns ging es nicht darum, Begriffe aus dem Start-up-Bereich zu definieren, sondern Geschichten zu erzählen, von unseren Erfahrungen zu berichten, damit andere gewisse Fehler vermeiden können.“ Kurz: Man will Gründen nahbarer machen und die Angst vor dem Schritt in die Selbstständigkeit nehmen. Zwei Jahre lang haben heimische Gründerinnen, Steuerberater und Personen mit PR-Expertise unter der Leitung von Ivan Topic für den „Start-up Code“ ihr Wissen zusammengetragen.
Gründen sei zwar riskant, aber bei Weitem nicht so gefährlich wie viele denken, betont Kohansal Vajargah. Den Mut fassen hierzulande dennoch nicht viele: Österreich verzeichnete im Vorjahr rund 37.000 Neugründungen. „Im Europa-Vergleich, gemessen an der Bevölkerungsgröße, sind wir im unteren Drittel.“
Auffällig ist jedoch, dass die heimische Scheiterquote deutlich niedriger ist. Tetyana Kohansal nennt dafür einen möglichen Grund: die Fehlerkultur. In den USA sei man offener, während in Europa, vor allem aber in Österreich, die Mentalität immer noch eine andere ist. „Scheitert man einmal, ist es vorbei“, sagt sie nüchtern. Man überlegt es sich also besonders gut, bevor man gründet und wagt den Schritt oft nur dann, wenn man sich absolut sicher ist, dass es auch gelingen kann. Wie aber nimmt man diese Angst?
Alles steht und fällt mit dem Team, ist sich das Autoren-Duo einig. Gemeint sind zum einen eine gute Zusammenarbeit und Atmosphäre, zum anderen ein ausgewogener Mix an Kompetenzen. „In einem Team braucht es jemanden, der Expertise im technischen Bereich hat, jemanden, der sich im Marketing auskennt, im Sales und so weiter“, sagt Tetyana Kohansal.
Ein weiterer Punkt ist die gründliche Markenrecherche: „Arbeitet man an einem Produkt oder einer Lösung, muss man schauen, ob es auch einen Markt dafür gibt“, sagt Kambis Kohansal Vajargah. Gibt es eine Zielgruppe, wie groß ist sie und ist sie bereit, dafür zu zahlen? Auch das Thema Liquidität spielt eine wichtige Rolle, wie Tetyana Kohansal betont. Oft begegnen ihr Start-ups, die klare Visionen, starke Investoren, Netzwerke und einen guten Pitch haben. „Das Problem ist nur, dass sie zu wenig Zeit in den Finanzplan investieren und darin keine Risiken berücksichtigen.“ Bedeutet: Wenn etwas Unerwartetes passiert, man etwa eine geplante Förderung nicht erhält, fällt der Finanzplan auseinander. Deswegen sollte man sich mit erfahrenen Gründern austauschen und nachschauen, was der Standort bietet.
Hat man das alles im Blick, fehlen nur mehr Mut und Konsistenz für den unternehmerischen Erfolg. Geduld sei hier ein zentrales Stichwort. Auch wenn die Welt schnelllebiger wird, ist es besser, langfristig zu planen, als bei einem Trend mitzumachen und nur kurzfristig Erfolg zu haben, raten die beiden Experten.RS
Zum Gründen veranlagt
„Entrepreneurship hat auch viel mit der Erziehung zu tun“, ist Kambis Kohansal Vajargah sicher. Welches Bild man von Gründern und Unternehmern hat, hänge stark von der eigenen Umgebung ab: „Wenn Eltern Unternehmer sind, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Kinder sich auch für diesen Weg entscheiden“, weiß er. „Aber das heißt nicht, dass nur sie erfolgreich werden können.“ Jeder, der es wirklich möchte, könne mit den richtigen Instrumenten ein eigenes Unternehmen erfolgreich aufbauen.
Man müsse nur früh ansetzen, wie Tetyana Kohansal anmerkt. „Wir haben auch genau deswegen im Vorjahr ein eigenes Kinderbuch über Finanzen geschrieben.“ Das Ziel war es, Kinder zu inspirieren und ihnen Finanzbildung von klein auf näherzubringen – nämlich genau dann, wenn in jungen Jahren das Interesse am Unternehmertum entsteht.
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