Bernhard Hofer von Talentify bietet Nachhilfe für SchülerInnen.

© KURIER/Gilbert Novy

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09/12/2014

Nachhilfe auf die gute Art

Bernhard Hofers "talentify" fördert Lernen unter Schülern – und ihre späteren Jobchancen.

von Nicole Thurn

30 Euro kostet eine Nachhilfestunde. Geld, das viele Familien nicht einfach so ausgeben können. Schon als 18-Jähriger tat Bernhard Hofer etwas dagegen. In seiner HTL in Innsbruck gründete er mit Schulkollegen die Junior Company "Easy Learning". Um acht Euro pro Stunde bekamen Schüler Nachhilfe von guten Schülern. Ein voller Erfolg. Doch als Bernhard Hofer maturierte, war es mit dem Projekt bald vorbei.

Jetzt, mehr als zehn Jahre später, gründet Bernhard Hofer gerade sein Social Business nach ähnlichem Konzept: "talentify" bringt besonders gute Schüler mit bildungsbenachteiligten zusammen, "solche, die gefährdet sind, aus dem System zu fallen." Pünktlich zum Erscheinen des OECD-Bildungsberichtes, der die vererbte Bildung in Österreich kritisiert – Kinder von Akademikern maturieren und studieren, Kinder von Arbeitern machen eine Lehre. Nur ein Viertel schafft den sozialen Aufstieg durch Bildung. Das will der 29-Jährige ändern: "Alle Kinder müssen die gleichen Chancen haben, um ihre Talente zu entwickeln." Bildungsbenachteiligte Kinder, die sogenannten "Karlis", bekommen über talentify Nachhilfe von guten Schülern, den "Susis". "Die Schüler vermitteln Wissen intuitiver als Erwachsene es tun – und damit verständlicher", sagt Hofer.

Sozial statt Manager

talentify ist mit seinem Kernteam von vier fixen Mitarbeitern und weiteren acht freien gerade in der Gründungsphase zur GmbH. Um sein soziales Unternehmen aufzubauen, hat der umtriebige Wirtschaftsinformatiker im Juli seinen Job als Geschäftsstellenleiter einer Softwarefirma gekündigt. "Dabei hatte ich alles im Job, was ich mir als Student vorgestellt habe", erzählt er. Nur zufrieden war er nicht. Das merkte er im November 2013, als er auf den "Austrian Business Angel Days" eine Podiumsdiskussion zum Thema Social Entrepreneurship anhörte. "Danach konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen, habe den Geschäftsbericht von Easy Learning herausgekramt und begonnen, ein Konzept zu schreiben."

Er ging auf Veranstaltungen, Konferenzen, nahm mit Schulen Kontakt auf, wurde Mitglied im Impact Hub Vienna. "Kontakte sind alles, man muss sich nur von unten nach oben durcharbeiten", sagt er. Im Februar 2014 gründete er einen Entwicklungsbeirat, um Experten im Hintergrund zu versammeln. Wie den Chef des WIFI Tirol, den Hofer auf einer Veranstaltung ansprach, und der mit Tipps und Kontakten weiterhalf. Hofer konnte vier Partnerschulen für ein Pilotprojekt gewinnen, das im Mai startete. Mit dabei ist die Vienna Business School Schönborngasse.

Vorteil für alle

Über die Nachhilfe lernen auch die "Susis" vieles, glaubt Bernhard Hofer: "Sie aktivieren ihr Wissen, können ihre sozialen Fähigkeiten trainieren." Die Nachhilfe können sie gratis anbieten oder bis zu zehn Euro pro Stunde verlangen. Außerdem erhalten die "Susis" kostenlose Trainings in sozialer Kompetenz, Berufsorientierung und Persönlichkeitsbildung. Im Idealfall sollen auch die "Karlis" zu "Susis" werden. Auch interessierte Lehrer bindet talentify mit einem Coach-Programm ein, damit sie die "Susis" an ihren Schulen ehrenamtlich begleiten können.

Ab Oktober können sich interessierte Schüler auf www.talentify.co registrieren, um Nachhilfe zu geben oder zu erhalten. Gleichzeitig startet das Unternehmen offiziell mit der "talentify Academy" – mit Workshops in sozialer Kompetenz, grafischem Storytelling, Design Thinking und Finanzbildung. Die ehrenamtlichen Trainer kommen aus Unternehmen. IBM, SAP und die Erste Bank konnte Hofer von seiner Idee überzeugen – mit seinem Enthusiasmus und guten Argumenten: Die Konzerne erhalten Zugang zu späteren High Potentials, die Schüler die Option auf ein Praktikum im Konzern. Für beide Seiten eine Chance, meint er: "Immer mehr Firmen stellen Berufseinsteiger nach der Matura ein." Die Unternehmen will Hofer künftig in Sachen junge Zielgruppen beraten. Damit, mit einer Vermittlungsgebühr der Unternehmen, und über Crowdfunding will sich talentify finanzieren.

Bernhard Hofers Vision geht weit über Nachhilfe hinaus: Er will das Bildungssystem von innen heraus verändern. "Wir können nicht warten, bis die politischen Voraussetzungen passen", sagt er. Mit anderen Bildungsinitiativen hat er daher stEFFIE gegründet – das "Experimental Fun Festival for Innovative Education" findet von 26. bis 28. September in der Vienna Business School Schönborngasse statt.

www.talentify.co

http://steffie-festival.com

Was jeder Entrepreneur wissen muss

1. Setze auf „bootstrapping“. Finanziere dein Start-up möglichst günstig und mit Eigenmitteln. Halte die Kosten so gering wie möglich und stecke dein Geld und den Gewinn besser in den Kern der Lösung statt in Marketingkampagnen.

2. Such dir Leute, die dich unterstützen. Aus deinem Umfeld und über Kontakte. Geh raus, auf Konferenzen, Events. Erzähle jedem, den du triffst, von deiner Unternehmensidee. Und stelle dein Team breit auf – mit Experten, die dir den Rücken freihalten.

3. Wenn deine Idee sozial ist, gründe auf jeden Fall ein Unternehmen, etwa eine GmbH – und keinen Verein. Das hat auf Dauer Vorteile und du kannst unternehmerisch agieren. Damit machst du dich für Investoren und Fördergeber interessant.

4. Gründe erst, wenn du sicher bist, erfolgreich zu sein. Nutze die Zeit bis dahin, um Kontakte zu knüpfen, Feedback vom Markt einzuholen und deine Idee zu testen. Und nütze Programme wie das Gründerprogramm des AMS. Überlege dir, anderswo zu gründen als in Wien: Hier gibt es so viel Konkurrenz bei Förderungen. Auch Niederösterreich hat etwa tolle Förderprogramme für Start-ups – bei weit weniger Mitbewerbern.

5. Vergiss den Business Plan, er ist Bullshit. Damit meine ich: Ich habe zwar ein Business- und Revenue Konzept, aber es ist flexibel. Man kann einen aufgestellten Plan nicht einfach durchziehen, sondern muss ihn ständig adaptieren. Es ändert sich so vieles so schnell in so kurzer Zeit.

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