Amazon sperrt Supermärkte zu – warum Selbstbedienung am Land trotzdem boomt

Ein Mann schiebt einen großen Müllwagen durch eine Einkaufspassage vor einem Amazon-Go-Laden.
Amazon schließt seine kassenlosen Läden. In Österreich aber läuft das Selbstbedienungsgeschäft – vor allem am Land.

Der Supermarkt sollte revolutioniert werden. Ein Geschäft der Zukunft – ohne Kassen, ohne Mitarbeiter und ohne Warteschlangen. Acht Jahre lang schien das auch zu gelingen, nun schließt Amazon seine kassenlosen Selbstbedienungssupermärkte „Amazon Goin den USA. Der Grund? Man wolle andere Investitionen priorisieren. Außerdem wird die Technologie laut Amazon bereits von anderen Händlern an über 360 Standorten eingesetzt.

Auch in Österreich sind Selbstbedienungsmärkte weit verbreitet. Vor allem im ländlichen Raum. Sie stellen dort nicht nur die Nahversorgung sicher und sind eine willkommene Ergänzung zu bekannten Einzelhandelsketten – sie sind für die gesamte Region von großer Bedeutung, erklärt etwa Bürgermeister Peter Ullmann der niederösterreichischen Marktgemeinde Kreuzstetten. „Hier können Landwirtinnen und Landwirte ihre Produkte direkt an die Kundinnen und Kunden verkaufen.“ Das würde regionale Qualität stärken und kurze Wege fördern.

Ein Konzept, das funktioniert. Ein Selbstläufer ist es trotzdem nicht. Denn ganz ohne Aufwand und Personal kommt selbst der modernste Selbstbedienungsshop nicht aus, wenn er bestehen will.

Der Gmoabauernlodn in Oberkreuzstetten

In Peter Ullmanns Gemeinde gibt es den sogenannten „Gmoabauernlodn“. Sieben Tage die Woche, von sechs bis 22 Uhr, kann man dort lokale Produkte einkaufen – von Gemüse über Milch bis hin zu Wein und Mützen. Als Selbstbedienungsladen im Rahmen der bäuerlichen Direktvermarktung unterliegt er laut WKO nicht den Öffnungsvorschriften des Öffnungszeitengesetzes. Bedeutet: Theoretisch wäre ein 24-Stunden-Betrieb möglich. Beim Gmoabauernlodn habe man sich bewusst dagegen entschieden, erklärt Vorständin Monika Flandorfer. Nachts habe niemand ein Auge auf das Geschäft – außerdem wolle man es vor Vandalismus schützen.

2017 wurde der Lodn eröffnet. „Wir haben alle Landwirte in Kreuzstetten angeschrieben und gefragt, ob sie mitmachen wollen. Acht sind übrig geblieben“, sagt Flandorfer. Diese acht bilden heute den Vorstand des Vereins. Gestartet habe man mit 24 Lieferanten, heute seien es 50. Ziel sei gewesen, die Regionalität zu stärken und Konsumenten zu motivieren, mehr heimische Produkte zu kaufen. „Natürlich kann man auch ab Hof direkt bei den Landwirten einkaufen, mit dem Laden erspart man sich aber den Weg“, erzählt sie. Finanziert wird das über eine Umsatzbeteiligung – daraus werden Miete, Strom und Reparaturen bezahlt. 

Kunden gebe es zu Genüge – und das von überall: „Manche kommen während ihres Ausflugs vorbei, weil sie von uns gehört haben. Teils aus ganz Österreich.“ Wie ehrlich sie sind? „Im Großen und Ganzen passt es“, so Flandorfer. Hin und wieder falle auf, dass nicht bezahlt wird. In einer kleinen Gemeinde wird das dann in einem persönlichen Gespräch geregelt. Es gibt ja einen Videobeweis.

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Kartoffeln, Nudeln, Säfte, Äpfel und Wein: 50 Landwirte aus der Kreuzstettener Umgebung beliefern den Gmoabauernlodn.

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Monika Flandorfer ist im Vorstand des Gmoabauernlodns.

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Die erste Regionalhütte öffnete 2020 in Zell in Waidhofen an der Ybbs.

Josefa und Florian Fuchsluger

Das Ehepaar Josefa und Florian Fuchsluger gründete die Regionalhütte.

Die Regionalhütte in Waidhofen an der Ybbs

2020 öffneten die Biobauern Josefa und Florian Fuchsluger in Waidhofen an der Ybbs ihre erste „Regionalhütte“. Mittlerweile sind es vier Standorte, die Produkte von 140 Lieferanten anbieten. Das Geschäft laufe gut, sagt Florian Fuchsluger. Auch seine Kunden seien beim selbstständigen Einkaufen ehrlich. Ehrlicher als in regulären Supermärkten, vermutet er. Höchstens zwei aus tausend verlassen mit unbezahlter Ware das Geschäft – auch wenn die Preise etwas höher seien als in den großen Ketten. „Aber es steckt viel Handarbeit dahinter“, erinnert Fuchsluger.

Insgesamt spielen die Hütten mit 130.000 Einkäufen pro Jahr einen Gesamtumsatz von 2,2 Millionen Euro in die Kassen. Von selbst passiert das nicht. „Wir haben da schon sehr viel Arbeit“, erklärt der Biobauer. Er hat sieben Angestellte für seine Hütten, die putzen oder nachschlichten. Denn wer Selbstbedienungsmärkte nachlässig betreut, sperre bald wieder zu, hat er beobachtet. Und das nicht nur einmal in seiner Region.

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