© Kurier/Jeff Mangione

Interview
06/22/2020

Kari Kapsch: "Dort und da über lokale Wünsche hinwegschauen"

Nach der Angstmache müssen die Menschen wieder motiviert werden, ihre Häuser zu verlassen. Zudem müsse rasch Hilfe in mittlere und kleine Projekte fließen.

von Thomas Pressberger

KURIER: Wie beurteilen Sie die Arbeit der Regierung während der Corona-Krise?

Kari Kapsch: Allgemein betrachtet als sehr gut, da gibt es nichts zu kritisieren. Ich hätte nur eine Anmerkung zu den geplanten Konjunkturpaketen zu machen. Immer, wenn es um Projekte geht, muss man eine Vorlaufzeit einrechnen. Eine Milliarde Euro in die Hand zu nehmen und am nächsten Tag in die Wirtschaft bringen zu wollen, funktioniert nicht. Wer von Konjunkturbelebung spricht, muss schauen, ob es bereits Projekte gibt, die schon auf der Rampe stehen. Investitionen in Infrastruktur brauchen ein Jahr und länger. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung dauert bis zu fünf Jahre oder länger. Man sollte die Vergabeprozesse beschleunigen. Da muss man dort und da auch über lokale Wünsche (der Gegner, Anm.) hinwegschauen.

Worauf soll man sich konzentrieren?

Man soll nicht nur Mammutprojekte wie den Semmeringbasistunnel oder den Hauptbahnhof machen, sondern sich auch auf kleine Projekte konzentrieren. Die gehen schneller, wie etwa jahrzehntelang vernachlässigte Neben- und Lokalbahnen. Die muss man attraktiver gestalten, vor allem für den Güterverkehr. Viele Betriebsanschlüsse wurden zum Beispiel aufgegeben. Da muss man investieren.

Was kann die Bahnindustrie für den Aufschwung machen?

Die österreichische Bahnindustrie ist ein Vollanbieter. Wir können alles machen, von Fernverkehr, Gleis- und Signaltechnik bis zu regionalen Strecken und Hochleistungsstrecken. Außer Güterwaggons, deren Produktion ist in der Slowakei gebündelt worden, aber da reden wir jetzt nicht von einer großen Sache. Wir haben eine hervorragende Position am Weltmarkt. Die durch chinesische Konkurrenz in Gefahr ist.

Wie wird dieses Match nach der Krise weitergehen?

Wir haben es mit einem aggressiven chinesischen Verhalten zu tun, das ist ein extremes Bedrohungspotenzial. Die europäische Bahnindustrie muss ihre internationale Rolle verteidigen. Sonst besteht die Gefahr, dass wir irgendwann überbleiben.

Welche Chancen hat die europäische Bahnindustrie?

Wir müssen mehr Wert auf europäische Wertschöpfung legen. Wir müssen achtgeben, dass das ja bereits bestehende europäische Vergaberecht so angewendet wird, dass wir mehr Aufträge innerhalb Europas bekommen, weg vom Billig- hin zum Bestbieterprinzip. In einem Punkt sind wir schwach aufgestellt: Im für uns wichtigen Export außerhalb Europas müssten wir Finanzierungspakete für internationale Kunden anbieten können. Da fehlt uns oft der Geldsack. Die Chinesen kommen da mit einem sehr großen.

Was muss Europa machen, um beim wirtschaftlichen Neuaufbau nach der Corona-Pandemie global vorne mit dabei zu sein?

Ich würde mir wünschen, dass wir beim Aufbau so schnell wie beim Shutdown sind. Das kann natürlich nicht funktionieren, das ist klar. Aber es ist wichtig, die Leute wieder zum Arbeiten zu motivieren. Da gehört Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Wir müssen die Leute wieder aus dem zu Hause holen, privat und beruflich. Die Öffnung der Gastronomie ist nicht gut gelaufen, weil sich nicht viele aus dem Haus bewegt haben. Wir haben zwei Monate lang Bedrohungsszenarien über das leibliche Wohl von der Regierung erzählt bekommen. Jetzt ist es wichtig, die Menschen zu motivieren.

Seit Beginn der Corona-Krise hört man wenig von Umweltaktivisten. Sie haben sich bei unserem letzten Gespräch kritisch gegenüber Greta Thunberg geäußert. Sie meinten, sie wäre ein PR-Produkt. Der KURIER hat daraufhin viele positive und negative eMails bekommen. Wie ist es Ihnen ergangen?

Viele Leute haben mich via SMS und Telefon darauf angesprochen. Die meisten meinten, endlich hat sich das einer zu sagen getraut. Das kam eher aus der Wirtschaft. Es gab aber auch viele Diskussionen mit jungen Leuten, viele haben das kritisch gesehen. Es waren aber im Endeffekt interessante Diskussionen.

Würden Sie das heute wieder so sagen?

Lassen Sie mich so antworten: Inhaltlich ist das Thema in Ordnung. Wir haben es geschafft, dass das Thema in das Regierungsprogramm gekommen ist. Und, dass die Regierung das mitträgt. Die Energiewende ist im Regierungsprogramm verankert. Das ist wichtig. Aber das hat nicht nur Greta geschafft, da haben viele mitgewirkt. Das haben wir alle geschafft. Auch viele andere Organisationen haben Inputs geliefert. Wenn das umgesetzt wird, schaffen wir die dringend nötige Energiewende. Das sollte nicht unter die Räder der Coronavirus-Pandemie kommen. Wenn es uns gelingt, im Energie- und Verkehrsbereich nachhaltig zu werden und wir mehr über Digitalisierung reden, dann haben wir etwas gelernt.

Wie geht es der österreichischen Bahnindustrie derzeit?

Gemischt. Es sind keine eindeutigen Tendenzen zu erkennen. 50 Prozent der Unternehmen haben Kurzarbeit in Anspruch genommen. Die Bahnindustrie kommt bisher gut durch. Im ersten Quartal waren die Umsätze normal, danach hat es sich ein bisschen gezogen. Beim Auftragseingang schleppt es sich ein bisschen. Es läuft nicht schlecht, aber man muss abwarten. Wir sehen das neutral bis positiv.

Was würde jetzt noch helfen?

Das Wiedererlangen der Reisefreiheit war essenziell, nicht nur privat, sondern auch beruflich. Wir haben viele Projekte im Ausland. Wir müssen Projektmanager, Techniker und andere Spezialisten über die Grenze und vor allem wieder zurückbekommen. Das ist derzeit schwierig. Die Öffnung war wichtig, jetzt brauchen wir eine Klärung der weiteren Pläne. Wenn ich mir noch etwas wünschen darf: Das europäische Eisenbahngesetz wird gerade novelliert. Österreich hängt da gerade ein bisschen fest. Es geht um schnellere Zertifizierungen und Prüfungen. Wegen Regierungswechsel und Corona geht in den Ministerien gerade nicht so viel weiter. Es wäre gut, wenn es hier mehr Tempo gäbe.

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