Verblüffende Werte: Was alte Kastenfenster wirklich können

Kastenfenster im Check: Drei Experten erklären, warum sie energetisch überraschend stark sind und wie man sie heute richtig nutzt, pflegt und saniert.
Kastenfenster in einer Wiener Altbauwohnung

Das Wiener Rathaus hat sie, das Schloss Mirabell in Salzburg ebenso. Aber auch zahlreiche Zinshäuser in Österreichs Städten sowie Palais der Gründerzeit: Kastenfenster gehören zu jenen stillen Protagonisten der österreichischen Baukultur, die sich seit Jahrhunderten behaupten. Zwei Flügel, zwei Ebenen, dazwischen rund 13 Zentimeter Luft – eine Konstruktion, die auf den ersten Blick traditionell wirkt, auf den zweiten jedoch verblüffend modern ist. Denn hinter ihrem oft handgefertigten Holzrahmen steckt ein kleines Klimasystem, das seit Jahrhunderten zuverlässig funktioniert. Und genau deshalb sind Kastenfenster heute wieder Thema, „weil sie energetisch und ökologisch mehr können, als viele ahnen“, so die Experten.

Durchdachtes Handwerk 

Das Grundprinzip ist schnell erklärt: ein innen dichter, außen kontrolliert hinterlüfteter Flügel, dazwischen ein Zwischenraum, der wie eine natürliche Pufferzone arbeitet. „Die Konstruktion ist sehr einfach gehalten, bietet aber alles, was es braucht. Das ist Handwerk mit Enkelfähigkeit“, sagt Christoph Schaden von der Fensterwerkstatt. Diese Einfachheit macht das System robust und modernisierbar. Denn Kastenfenster lassen sich heutzutage bis zu erstaunlichen Dämmwerten optimieren, ohne ihre historische Gestalt zu verändern. Schaden: „Bei Kastenfenstern kann man gerne rund 100 Jahre als Lebenszeit annehmen. Moderne Isolierglasfenster werden eher für 30 bis 40 Jahre ausgelegt.“ 

Georg Lux, Architekt und Experte von WienerKomfortFenster, erklärt, wie die energetische Verbesserung konkret funktioniert: „Innen sollte das Fenster möglichst dicht sein. Außen hingegen braucht es eine moderat hinterlüftete Ebene. Das ist besonders in der Heizsaison wichtig – für die Bauteilsicherheit ebenso wie zur Vermeidung von Kondensat“. Durch diese Balance entsteht ein System, das Wärme hält, aber Feuchtigkeit entweichen lässt – ein Vorteil, den viele moderne Konstruktionen nur mit großem Aufwand erreichen. „Die Optimierung der Dichtheit bringt die größte Wirkung“, ergänzt Helga Noack von DenkMalNeo. „Innen fast dicht, außen kontrolliert offen: Damit erhöht sich die Energieeffizienz, ohne den bauphysikalischen Charakter zu verlieren“.

labour worker paints a window frame in an old empty house

Kastenfenster sind reparierfreundlich.

Zu den größten Missverständnissen gehört die Annahme, historische Fenster seien energetisch „nicht zu retten“. Tatsächlich lassen sie sich – richtig saniert, u. a. mithilfe von Isolierverglasung oder neu mit Vakuumverglasung – auf U-Werte von rund 1,0 W/m²K bringen, wie Lux betont. „In Kombination mit moderner Technik im Innenfenster kann das Kastenfenster also weitgehend erhalten und der Energieverbrauch bis zu 60 Prozent reduziert werden.“ Viele Häuser erreichen damit Effizienzstandards, die man ihnen von außen kaum ansieht.

Mehr Schaden als Nutzen

Kritisch wird es zuweilen, wenn gut gemeinte Eigeninitiative ins Spiel kommt. „Das Kastenfenster landet dann schnell im Schuttcontainer“, sagt Noack. Und das meist nur deshalb, „weil das Funktionsprinzip des Kastenfensters ignoriert wurde, falsche Dichtprofile bzw. Beschichtungen wie Kunstharzlacke angebracht oder gar die Flügel vorschnell ausgetauscht wurden. „Vermeiden lässt sich all das durch eine einfache Grundregel: Pflegen, instandsetzen und nur mit diffusionsoffenen, passenden Materialien arbeiten.“

Und wie steht es um Komfort, Bedienung und Alltagstauglichkeit? Schließlich wünschen sich viele Eigentümer Lösungen, die den historischen Charakter bewahren, aber so leicht funktionieren wie moderne Fenster. Georg Lux: „Das Innenfenster kann heute sehr schlank ausgeführt werden, mit verdeckten und justierbaren Beschlägen und zwei Dichtungsebenen.“ So entsteht ein hybrides Bauteil: außen historische Substanz, innen zeitgemäßer Komfort. Auch das Thema Sonnenschutz – lange ein Problemfall – lässt sich lösen. „Ideal ist ein Sonnenschutz an der Fassade, weil der Wärmeeintrag dann gar nicht erst ins Bauteil kommt“, erklärt Christoph Schaden. „Hier können etwa Fensterbalken (Läden) oder Rollos die Überhitzung der Innenräume drastisch reduzieren. Auch dieses Wissen ist nicht neu, sondern muss nur neu interpretiert werden.“ Wo das nicht möglich ist, helfen innen liegende Rollos oder Stoffsysteme, die die Feuchtigkeitszirkulation nicht behindern. Außenjalousien erfordern jedenfalls sorgfältige Planung, damit Rahmen und Laibungen nicht beschädigt werden.

Im Kern geht es bei alledem um eine Haltung: Bewahren, was Substanz hat, und verbessern, wo es sinnvoll ist. Für Noack sind Kastenfenster daher ein Schlüsselbauteil nachhaltiger Altbausanierung. „Sie sind nicht der Kompromiss, sondern die beste Lösung.“ Sowohl hinsichtlich Ökologie als auch Ästhetik.

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