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Wohnen mit Geschichte: Diese Baustoffe erleben ein Comeback

Alte Türen, Gusseisengeländer, geschichtsträchtige Ziegel: Historische Baustoffe verleihen Räumen Charakter und erzählen Geschichten, die kein Möbelhaus liefern kann.
Ein  Sammelsurium an geschichtsträchtigen Stücken: Gusseisengeländer, Türen, Holztreppen, Deckenbalken und Dielenboden.

Manchmal braucht das Hier und Jetzt ein Stück Geschichte, um das gewisse Etwas auszustrahlen. Ein einziges historisches Element – eine patinierte Tür, eine Wendeltreppe, Dielen aus einem anderen Jahrhundert, Ziegel mit Doppeladler, französische Fensterläden oder ein alter indischer Türrahmen – und schon wird aus einem Wohnbereich ein Erlebnis. Auf einmal bekommt das Neue einen unikaten Widerpart und der Raum eine individuelle Note.

Warum in der Innenarchitektur Alt und Neu gerade heute so gut miteinander können, lässt sich leicht erklären: Es ist der Wunsch nach Räumen mit Tiefe statt Katalogästhetik, nach Materialien, die das Wort Nachhaltigkeit nicht bloß zum Marketing, sondern zum Selbstverständnis machen.

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Echter Blickfang: eine Original-Wendeltreppe  an ihrem neuen Bestimmungsort. 

Patrick Kropik von der Baustoffmanufaktur in Gmünd (baustoffmanufaktur.at) beobachtet diesen Trend genau. „Es freut mich, dass wieder vermehrt charaktervolle Muster, historische Baustoffe und geschichtsträchtige Stücke angefragt werden.“ Alte Materialien würden, sagt er, nicht nur Atmosphäre schaffen, sondern auch langlebiger sein als vieles, was heute produziert wird.

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Alte französische Fensterläden gibt es am Markt in verschiedenen  Farben und Größen. 

Wer wissen will, was solche Stücke im Alltag bedeuten, landet schnell bei Georg Schuh (antikholz.info). Auf seinem Areal im 23. Bezirk stapeln sich bunte Jugendstilfliesen, Waschbecken aus der Gründerzeit, historische Türen, echte Tiffany-Verglasungen, Eisengeländer und viel Holz.

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Aus dem alten, indischen  Türportal wird ein imposanter, drei Meter hoher Spiegel im Vorraum einer Wiener  Wohnung.

„Unser Hauptaugenmerk liegt beim Altholz“, sagt er. Die alten Dübelbäume werden im eigenen Sägewerk zu Dielen geschnitten, oft 20 bis 40 Zentimeter breit und mehrere Meter lang. Diese Böden, erklärt Schuh, schaffen ein gleichmäßiges Raumklima, „weil sie atmen können“. Schadstoffe geben sie keine ab, denn „die Bäume wuchsen vor 200 oder 300 Jahren, in einer Zeit ohne Industrieabgase“.

Auch alte Balken aus Dachstühlen und Zwischendecken sind gefragt: mal als tragende Elemente, mal als bewusst gesetzte Blickfänge, um einen Raum zu akzentuieren. Sogar die Ziegel aus der k. u. k. Zeit mit ihrer Doppeladler-Prägung fühlen sich besser an als neue, härtere Varianten. Sie sind ideale Kandidaten für Sichtmauerwerk oder für Weinkeller, wo konstante Luftfeuchtigkeit zählt.

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Neue Funktion für die ehrwürdigen k.u.k. Adler-Ziegel:  als Bar und Raumteiler in einem modernen Wohnambiente. 

Hinzu kommen handgemachte Fliesen aus Gründerzeithäusern und antikes Kassettenparkett, die eine alte Handwerkskunst in moderne Interieurs zurückholen. 

 Hochwertiges finden und nutzen 

Wer solche Materialien sucht, sollte aber wissen, woran man echte Qualität erkennt. Alte Bodendielen verraten sich durch ihre unregelmäßige Oberfläche und den honigfarbenen Ton, der neuen Hölzern fehlt, sagen die Experten. Gusseiserne Elemente zeigen feinere Muster und weichere Kanten als moderne Aluminium-Nachgüsse. Und alte Türen? „Sie sind stabiler gebaut und haben alte Beschläge und Angeln“, so Schuh.

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k.u.k - Ziegel mit den Initialien der Ziegelmanufaktur, hier die Heinz Drasche Ziegelwerke.

Doch wie bekommt man diese Schätze technisch sauber in ein modernes Haus? Bei Türen ist das einfacher, als viele denken. Martin Häberle von Historische Baustoffe Ostalb (historische-baustoffe-ostalb.de) restauriert sie auf Wunsch einbaufertig – auch in Österreich – inklusive Blockrahmen, rundum-laufender Dichtlippe, schlanker Isolierverglasung und Dreifachverriegelung. „Energetisch ist da fast alles möglich“, sagt er. Bei Gusseisengeländern fehlen oft Höhe oder Normabstände, „aber da gibt es einfache Lösungen, etwa ein Stahlseil einzuziehen“, ergänzt Schuh. 

Häberle vergleicht die Herangehensweise mit Oldtimer-Liebe: „Die einen wollen ein makelloses, fast neues Finish. Andere lieben Patina, kleine Macken, Spuren des Lebens eben.“ Beides ist erlaubt, solange Statik und Sicherheit stimmen.

Wie bei Oldtimern ändern sich auch die Vorlieben im Interior-Bereich. Häberle beobachtet zunehmendes Interesse an Baustoffen und Objekten aus den 50er- und 60er-Jahren. „Aktuell häufen sich Nachfragen nach Dingen im Stil des Brutalismus.“ Trends kommen und gehen, doch die Qualität und Eigenständigkeit dieser Stücke machen sie für viele wieder attraktiv.

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Eine der vielen möglichen Verwendungen von ursprünglichem Dachstuhlholz repräsentiert dieses originelle Hochbett. 

Die eigentliche Herausforderung liegt aber oft woanders: passende Stücke zu finden. Die Quellen in Österreich reichen von regionalen Baustoffhändlern bis zu Flohmärkten, Plattformen wie altebaustoffe.at, Online-Marktplätzen wie Willhaben oder Secondhand-Börsen wie Pamono. Viel Wertvolles landet leider im Container. „Da geht viel Geschichte verloren“, bedauert Schuh. „Ein Replikat kann das nie ersetzen.“

Sein Rat für Einsteiger: nicht zu perfektionistisch sein. Die Schönheit alter Materialien lebt von Unregelmäßigkeiten. Und: Oberflächen niemals „zuschmieren“. Dicke Lackschichten nehmen Holz und Ziegeln die Fähigkeit zu atmen und ihren nostalgischen Glanz. Am Ende entsteht etwas, das man nicht planen kann: Ein Stück Geschichte, die in privaten Wohnräumen weiter besteht. - Susanna Pikhart

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