Wirtschaft
19.06.2018

Handelskrieg: Wie man erfolgreich die Börse-Bullen vertreibt

Der Zollstreit USA – China eskaliert. Die Folgen werden sichtbar: Die Zuversicht schwindet, die Börsen sacken ab

Hat noch jeder den Überblick bewahrt? Schwierig. US-Präsident Donald Trump kündigt Strafzölle momentan rascher an, als sie sich von den „Handelspartnern“ wegverhandeln ließen. Nach den Stahl- und Aluzöllen, den angedrohten Autozöllen sowie den Aufschlägen auf 50 Milliarden Dollar chinesische Technologie-Güter, die großteils ab 6. Juli in Kraft treten, zündete Trump in der Nacht auf Dienstag die nächste Eskalationsstufe: Chinesische Waren im Wert von 200 Milliarden Dollar sollen mit zehn Prozent Aufschlag belegt werden – und zwar dann, falls China seine Retourkutsche nicht zurücknimmt.

Peking hatte nämlich 25 Prozent Vergeltungszoll auf 659 US-Produkte wie Fleisch, Gemüse, Soja, Whiskey, Tabak und Autos angekündigt. Dabei sollte es (analog zur US-Aktion) ebenfalls um 50 Milliarden Dollar gehen. Das Handelsministerium in Peking spricht inzwischen unverblümt von einem „ Handelskrieg, den die USA losgetreten“ hätten. Die schlimmsten Befürchtungen, nämlich ein Hin und Her von Racheaktionen, drohen somit Realität zu werden. Und erste Auswirkungen sind bereits zu erkennen.

Verunsicherung

Obwohl ein Teil der Zölle noch gar nicht in Kraft ist, ist der Schaden längst eingetreten. Warum? Weil Unsicherheit für die Wirtschaft Gift ist. Überwog noch vor wenigen Monaten der Optimismus und Tatendrang, so dominieren jetzt Skepsis und Abwarten. Noch Anfang 2018 hatte der Währungsfonds ( IWF) geschwärmt, dass die Weltwirtschaft im Gleichklang auf einen kräftigen Wachstumspfad geschwenkt sei. Davon ist jetzt nichts mehr zu hören.

Asiens Börsen

Am unmittelbarsten reagieren auf Stimmungsschwankungen traditionell die Finanzmärkte. Chinas Investoren wurden von der Trump-Ankündigung kalt erwischt: Die Börse Shenzhen beendete den Handel am Dienstag mit einem Abschlag von 5,31 Prozent. Ähnlich groß fiel das Minus für den Technologie-Index Chinext aus: minus 5,76 Prozent. Auch in Schanghai rasselten die Kurse in den Keller (minus 3,78 Prozent), etwas weniger in Tokio (minus 1,77 Prozent).

US-Verbraucher

Die Trump-Regierung droht sich ein Eigentor zu schießen: Die Strafzölle, die die USA über Europa oder Asien verhängen, verteuern die Importe. Nicht alles kann die US-Industrie kurzfristig im Inland ersetzen, deshalb zahlen am Ende wohl die US-Konsumenten drauf. Dass die Technologiezölle primär chinesische Zwischenprodukte wie Halbleiter betreffen, macht es nicht besser: Gestiegene Einkaufspreise werden die US-Firmen weiterverrechnen. Und das, wo die Inflation zuletzt flott auf 2,8 Prozent geklettert war. Wenn die Amerikaner Trumps Handelspolitik im Geldbörsel spüren, könnte dessen Popularität leiden.

US-Firmen

Bei den Unternehmen ist die Stimmung noch prächtig. Kein Wunder: Da wirken die großzügigen Steuersenkungen nach. Allerdings könnte sich die gute Laune rasch ändern, sollte die Notenbank wegen der steigenden Teuerung die Zinsen rascher erhöhen als erwartet. Die Aktien-Leitindizes Dow Jones und S&P500 sind bereits weit unter ihre Höchststände von Ende Jänner gefallen.

Export-Champions

Besonders heftig trifft der Handelskrach Deutschland. Das Münchner Ifo-Institut senkte die Konjunkturprognose für heuer von 2,6 auf 1,8 Prozent. So drastische Korrekturen sind selten, zumal ein halbes Jahr schon vorbei ist – und das fiel schwächer aus als geplant. Das Geschäftsklima sei schlechter und die „weltwirtschaftlichen Risiken haben deutlich zugenommen“, sagt Ifo-Experte Timo Wollmershäuser. Der Aufschwung bremst sich merklich ab, für 2019 werden statt 2,1 Prozent nur 1,8 Prozent Plus erwartet. Im Handelskrieg wird das vermeintliche Erfolgsmodell, die deutsche Exportstärke, zur Belastungsprobe. Auch für alle, die eng als Zulieferer verbandelt sind – wie Österreich.

Chinas Reaktion

Sollte Trump tatsächlich mit der 200-Milliarden-Dollar-Keule zuschlagen, könnte es Peking nicht mit gleicher Münze heimzahlen. Simpler Grund: China hat im Vorjahr nur US-Waren im Wert von 130 Milliarden Dollar importiert. Beobachter befürchten aber, dass die Chinesen dann US-Firmen in ihrem Land das Leben schwer machen werden.