Milliarden für Krebs-Klagen in USA: Warum die EU weiter auf Glyphosat setzt
Es ist der meistverwendete Unkrautvernichter in der europäischen Landwirtschaft, und auch ehrgeizige heimische Rasenbesitzer setzen Glyphosat alias „Roundup“ weiterhin gerne ein – ungeachtet eines Verbots für Gärten und Spielplätze. Doch das Pestizid des deutschen Chemieriesen Bayer wird den Schatten, den mehrere wissenschaftliche Studien darauf werfen, nicht los. Glyphosat soll nicht nur für das Artensterben bei Vögeln oder Insekten verantwortlich sein, sondern möglicherweise auch für schwere gesundheitliche Schäden bei Menschen, wie etwa Lymphdrüsenkrebs oder Parkinson.
Milliarden auf dem Tisch
Bayer ist sich dieser Gefahren und der möglichen rechtlichen Konsequenzen offensichtlich bewusst. Schließlich sind in den USA Dutzende Klagen vor allem von an Krebs erkrankten Bürgern am Laufen, die alle Bayers Glyphosat dafür verantwortlich machen. Daher hat der Konzern jetzt ein schon von der Höhe der Summe außergewöhnliches Angebot gemacht. Der Konzern hat mit den Anwälten der Kläger in den USA einen außergerichtlichen Vergleich geschlossen.
Bayer ist bereit, bis zu 7,25 Milliarden Dollar über einen Zeitraum von 21 Jahren an bestehende und neue Kläger zu zahlen. Dazu kommen rund vier Milliarden für mögliche Prozess- und andere begleitende Kosten. Insgesamt legt man also rund elf Milliarden auf den Tisch. Man wolle so alle rechtlichen Unsicherheiten hinter sich lassen, teilte die Konzernführung mit, und sich endlich wieder voll auf das Geschäft und neue Produkte konzentrieren.
Ungeachtet dieses Angebots hält Bayer daran fest, dass das Mittel nicht gesundheitsschädlich sei. Tatsächlich ist der Stand der Wissenschaft, was eine mögliche krebserregende Wirkung von Glyphosat betrifft, widersprüchlich.
EU setzt auf Glyphosat
Allerdings tauchen zunehmend mehr Studien auf, die eine solche Gefahr zumindest nahe legen. Erst vor Kurzem wurde die krebserregende Wirkung im Tierversuch nachgewiesen.
Die EU-Kommission hat sich von den Ergebnissen der Forschung bisher nicht beeindrucken lassen. Man hält an der Zulassung von Glyphosat fest – und das auch gegen die Haltung großer EU-Mitgliedsländer wie Deutschland, wo man ein völliges Verbot schon vor einigen Jahren erlassen hatte. Dann aber wurde Brüssel aktiv, bescheinigte der Substanz, dass es „derzeit keinerlei wissenschaftliche oder rechtliche Gründe für ein Verbot“ gebe, und verlängerte die Zulassung schließlich bis 2033. In Deutschland und auch Österreich ist diese Zulassung allerdings – soweit nach EU-Recht möglich – deutlich eingeschränkt. Das Mittel darf etwa im Bereich von Haus und Garten, auf Spielplätzen oder in Naturschutzgebieten nicht verwendet werden. Es ist allerdings weiterhin im freien Verkauf erhältlich, was eine Verwendung auch gegen diese Verbote zumindest möglich macht.
Europas Umweltschutzorganisation laufen weiter Sturm gegen Glyphosat. Die EU-Kommission würde den Stand der Wissenschaft und die Gefahren einfach ignorieren. Nachdem man bei der Kommission mit allen Beschwerden gegen die Verlängerung der Zulassung abgeblitzt ist, hat man beim Europäischen Gerichtshof eine Klage eingereicht. Dort liegt das Verfahren vorerst einmal.
Glyphosat grenzenlos?
Doch die Umweltschützer befürchten, dass Brüssel derzeit plant, auch die aktuellen Beschränkungen für Glyphosat fallen zu lassen. Aktuell setzt die EU-Kommission darauf, komplizierte Regelungen und Verbote möglichst zu vereinfachen, um der Wirtschaft Rückenwind zu verschaffen. In sogenannten „Omnibus“-Verfahren werden gesetzliche Regelungen vereinfacht und reduziert. Einer dieser Omnibusse betrifft auch Chemikalien im Bereich von Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Die auf Pestizide spezialisierte Gruppe „Pestizide Action Network“ will an Informationen aus der EU-Kommission gelangt sein, die beweisen, das alle Beschränkungen für Glyphosat aufgehoben werden sollen.
Daher wendet man sich mit deutlichen Warnung an die Öffentlichkeit. Ein solcher Schritt wäre eine riesige Gefahr für die europäischen Bürger und „würde uns beim Schutz der Gesundheit um Jahrzehnte zurückwerfen“.
Kommentare