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Wirtschaft
07/18/2021

Giesswein: „Wir sind schneller als Amazon“

Die dritte Generation im Traditionsunternehmen setzt auf Wolle, Kaktusleder, Crowdfunding und Roboter als Logistikmitarbeiter

von Simone Hoepke

Das Dirndl ist der Feind der Walkjacke. Entweder ist das eine in Mode oder das andere. Ging man früher in Jeans und Jacke zum Oktoberfest und Kirtag, ist seit Ende der 1990er Jahre Dirndl angesagt. Damit stand die Familie Giesswein modisch im Out.

Die Umsätze ihrer Jacken aus Wolle und Wollfilz brachen ein, das Unternehmen hielt sich fortan mit seinen Hausschuhen über Wasser – bis dahin ein Nebenprodukt, mit dem die Stoffreste verarbeitet wurden.

„Unsere Produktion war nicht ausgelastet, das Wachstum lag bei nur drei Prozent im Jahr, zu wenig, um die steigenden Kosten zu decken“, erzählt Markus Giesswein, unter welchen Bedingungen er gemeinsam mit seinem Bruder Johannes 2017 den Betrieb übernommen hat. „Wir haben erkannt, dass es zwei große Trends gibt – Sneakers und Nachhaltigkeit.“ Also lag es nahe, statt Wolljacken künftig primär Sportschuhe aus Wolle auf den Markt zu bringen.

Crowdfunding

Einziges Problem: Die Händler wollten diese Schuhe nicht verkaufen. „Zu unausgegoren, zu teuer“, lautete das vernichtende Feedback, mit dem sich die Tiroler nicht abkanzeln ließen. Die Brüder klopften bei einer Crowdfunding-Plattform an, sammelten prompt 80.000 Euro für die Produktion der ersten 5.000 Sneakers ein (und spätere noch einmal 700.000 Euro).

2020 verkauften sie bereits 1,8 Millionen Paar Schuhe. Doppelt so viele wie 2019 – trotz oder gerade wegen der Pandemie. Mittlerweile gibt es die Treter auch aus veganen Eukalyptusfasern, im August geht der Schuh aus Kaktusleder ins Rennen.

„Der April, Mai und Juni 2020 waren Traummonate für uns, die Umsätze haben sich vervierfacht“, sagt Giesswein. Nicht nur jene der Sneakers, auch jene der Hausschuhe, die in der Coronazeit weggingen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Ein geschenkter Erfolg? Nicht wirklich.

Produktion
Am Firmenstandort Brixlegg ist unter anderem die Herstellung der Stoffe angesiedelt, die einzelnen Teile werden dann aber in großen Produzentenländern zusammengefügt. Die Sportschuhe in China und Vietnam. Die Hausschuhe werden größtenteils in der Slowakei gefertigt, aber auch in Kroatien und Portugal. Versendet werden die Schuhe dann letztlich vom neuen Logistiklager am Firmenstandort Brixlegg aus

4 Millionen Euro für Logistik
1,8 Millionen Paar Schuhe hat das Unternehmen im Vorjahr verkauft. Auch dank des neuen Logistiklagers

60 Millionen Euro
hat das Familienunternehmen 2020 mit 150 Mitarbeitern umgesetzt. 60 Prozent des Geschäfts macht Giesswein in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Geliefert werden die Schuhe aber in mehr als 100 Länder.   Bekleidung macht nur noch einen kleinen Teil des Geschäfts aus

Dem Verkaufsschlager waren hohe Marketingkosten und die größte Investition der vergangenen 20 Jahre vorausgegangen: 4 Millionen für ein vollautomatisches Logistiklager am Standort Brixlegg. „50 Prozent des Erfolgs ist die Logistik, wir liefern heute schneller aus als Amazon“, sagt Giesswein. Durch das neue Lager sei es überhaupt erst möglich geworden, die vielen Onlinebestellungen in der Lockdown-Zeit abzuarbeiten. Alle Schuhe werden von Brixlegg aus versendet, in mittlerweile 100 Länder. Aber wo werden die Schuhe überhaupt gefertigt bzw. woher kommen die Rohstoffe?

Reise des Turnschuhs

Die Merinowolle für die Sneakers kommt nicht vom Tiroler Bergschaf, sondern aus Südamerika. Das liegt einerseits in der Natur der Sache: „Die Haarstärke der Tiere ist halb so groß wie jene eines durchschnittlichen Schafs bei uns“, referiert Giesswein. Deswegen ist die Wolle weicher.

Der größte Lieferant von Merinowolle ist übrigens Australien – doch bei Farmen in „Down Under“ kaufen die Tiroler bewusst nicht ein. Denn in Australien ist das sogenannte Mulesing üblich, bei dem den Tieren ohne Betäubung die Haut rund um den Schwanz entfernt wird, um einen Parasitenbefall zu verhindern. Eine Praxis, die auch in Neuseeland vorkommt und von Tierschützern scharf kritisiert wird.

Also Ware aus Südamerika, die dann nach Europa kommt, um etwa im italienischen Bergamo gesponnen zu werden. Das führte in der Pandemie zu Problemen, weil Lkw-Fahrer die Stadt wegen der anfangs hohen Infektionszahlen nicht anfahren wollten, plaudert Giesswein aus dem Nähkästchen. Gestrickt und zugeschnitten wird dann in Tirol, der fertige Sportschuh entsteht aber in Vietnam und in China, kommt zurück nach Brixlegg und wird von dort aus exportiert.

Apropos Transport. Auf den Weltmeeren ist zuletzt gar nichts mehr gegangen. Die Pandemie hat die Handelsströme durcheinandergewirbelt, Container in Asien waren genauso schwer zu bekommen, wie freie Plätze auf den Containerschiffen in Richtung Europa. Auch die neuen Schuhe aus Kaktus-Leder sind deswegen monatelang im Vietnam festgehangen, erzählt Giesswein. Im August kommen sie ins Geschäft. Wer braucht das? „Alle die eine vegane Alternative zum Lederschuh haben wollen“, wirbt der Firmenchef. „Sie werden keinen Unterschied zu Leder finden.“

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