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Wirtschaft
05/25/2019

 Gespaltenes Bild: Wohin steuert die EU wirtschaftlich?

Analyse: Europas Wirtschaftsmacht ist größer als oft dargestellt. Im Detail zeigen sich allerdings Risse in der Union.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Europäer besitzen eine bemerkenswerte Gabe zur Selbstgeißelung. Während die USA ein kraftstrotzendes Über-Ego demonstrieren und China seine Ambitionen („Neue Seidenstraße“) dem Rest der Welt überstülpt, wird auf dem alten Kontinent gern ein Bild des Niedergangs gemalt. Vom Europa, das technologisch den Anschluss zu verlieren droht. Oder der EU, die unterwegs – siehe Brexit – selbst langjährige Weggefährten verliert.

Dabei wäre etwas mehr Selbstbewusstsein angebracht. Der Blick von Außen verhilft da zu überraschenden Einsichten. Solch ein Augenöffner kam 2012 aus Washington, zu einer Zeit, als wegen der Schuldenkrise von Griechenland und Co. der Zusammenbruch des Euro eine Frage von Monaten schien.

Just in dieser existenziellen Not nannte die Weltbank die EU „die größte Konvergenz-Maschine der Welt“. Gemeint war, dass nie zuvor ein Polit-Projekt in kürzerer Zeit rückständigen Ländern den Aufholprozess zu mehr Wohlstand ermöglicht habe.

Lebenskünstler

Die EU, ein verkanntes Wirtschaftswunder? Als Provokation wurde das besonders in den Ländern empfunden, die unter den harten Sparvorgaben litten und Rekordarbeitslosigkeit verzeichneten.

So absurd der Befund klang, er war gut mit Fakten unterfüttert. Beispiel Polen: Kein anderes Land außer Südkorea habe rascher den Sprung von mittleren zu hohen Einkommen geschafft.

Der EU gelinge es, mit weniger als einem Zehntel der Weltbevölkerung ein Drittel der globalen Wirtschaftsleistung zu generieren.

Und: Mit der ureigenen Balance aus Unternehmergeist und sozialer Verantwortung, aus Lebensgefühl und Arbeitsethos, sei der Kontinent Europa eine „Lifestyle-Supermacht“. Nirgendwo auf dem Planeten sei die Lebensqualität höher.

Stimmt der Befund sieben wechselvolle Jahre später auch noch? Im Vorjahr haben die Weltbank-Autoren ein Update verfasst. Der Tonfall ist skeptischer. Dass die ökonomische Kluft schmäler statt breiter werde, sei nicht garantiert. Der Aufholprozess funktionere noch, aber längst nicht mehr für alle. Fazit: Das „Wohlstands-Werkl“ braucht eine Überholung.

62 Jahre nach Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft: Ist die Union heute reif für die Frühpension oder ist sie ein „Best-ager“ voller Tatendrang? Die Wirtschaftsdaten (interaktive Grafiken oben) zeigen eines: Durch Europa ziehen sich mehrere Risse.

1. Der Graben im Euro-Land

Ein Riss, der die Zukunft des Euro entscheiden könnte, verläuft grob zwischen Norden und Süden. Schon bei der Einführung vor 20 Jahren war klar: Die Währung kann nur funktionieren, wenn sich die Länder auf lange Sicht annähern.

Schwierig genug, wenn zwei konträre Ideologien aufeinander stoßen. Zum einen der „Hartwährungsblock“ mit Ländern wie Deutschland, Niederlande und Österreich, wo solide Budgetpolitik vorgeblich oberstes Gebot und Inflation ein ewiges Schreckgespenst ist. Und „Weichwährungsländer“ wie Italien, die gewohnt waren, von Zeit zu Zeit ihre Währung neu zu justieren – sprich: abzuwerten –, um sich Luft zum Atmen zu verschaffen.

Geringe Schulden und solide Budgets sind aber nicht die einzigen Bedingungen, damit der Euro auf lange Sicht funktioniert. Es geht auch um ein möglichst gleichzeitiges Auf und Ab der Wirtschaft (Konjunkturzyklus), die Wettbewerbsfähigkeit und den Wohlstand der Menschen: Denn ohne Akzeptanz der Bevölkerung hat keine Währung Bestand.

Österreichs südlicher Nachbar gibt besonders Grund zur Sorge. Je enger die EU zusammen gerückt ist – durch den Binnenmarkt 1993 und den Euro ab 1999 – umso mehr hat Italien den Anschluss verloren.

Das war aber nicht immer so. Ende der 1990er war Deutschland Europas „kranker Mann“. Und die italienischen Einkommen waren ab dem Zweiten Weltkrieg bis 1990 flott gestiegen und hatten zu Westeuropas Durchschnitt aufgeschlossen. Seither ging es mit Italien bergab, während sich Deutschland zum Exportweltmeister mauserte. Warum?

Für den rechtspopulistischen Vize-Premier Matteo Salvini sind die Euro-Regeln schuld. Um die Wirtschaft anzukurbeln will er sogar 140 Prozent Schuldenquote (EU-Ziel: 60 Prozent) akzeptieren.

Der Sachverständigenrat EEAG – sieben Ökonomen aus sechs Ländern – sieht indes hausgemachte Gründe. Italien sei mit einem veralteten Bildungssystem, der hohen Korruption und unfähigen Politikern schlecht auf den technologischen Wandel vorbereitet. Während die Globalisierung – mit Billigware aus Asien – die italienische Textilindustrie dahinraffte, konnten Deutschlands Maschinenbauer Exporterfolge in China feiern. Fakt ist: Italien Motor muss anspringen, sonst droht dem Euro Unheilvolles – denn die Wirtschaftskraft des Landes ist Griechenland mal zehn.

2. Alte und junge Europäer

Dass der Aufholprozess in der EU noch funktiontiert belegen die hohen Wachstumsraten der „jüngeren“ EU-Mitglieder in Ost- und Südosteuropa. Die Wirtschaftsleistung stieg in Polen, Ungarn und Rumänien im ersten Quartal 2019 um rund fünf Prozent.

Die Arbeitsmärkte seien leer gefegt, „das treibt die Realeinkommen kräftig hoch“, sagt Richard Grieveson vom Wiener Institut für Wirtschaftsvergleiche.

Die Kehrseite: Das Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West ist immer noch beträchtlich. Weil die Einkommens-Unterschiede so groß sind, brechen Massen junger Menschen aus Rumänien oder Bulgarien in den Westen auf. In der Heimat fehlt ihr Know-how, in Westeuropa verdrängen sie schlechter qualifizierte Arbeitskräfte und drücken die Löhne.

Österreich vereint beides: hohen Wohlstand und ein „Mitnaschen“ am Wachstum vor der Haustür. Die heimische Wirtschaftsleistung ist laut Wifo heute um 16 Prozent höher als sie ohne EU-Beitritt wäre. Dank zentraler Lage hat Österreichs Außenhandel (+46 % ) mehr profitiert als in Finnland (+13 %) oder Schweden (+6 %).

3. Zwischen Stadt und Land

Eine weitere Zerreißprobe ist die Schere zwischen armen und reichen Regionen und Bevölkerungsschichten innerhalb der EU-Staaten. In Österreich ist die Kluft zwischen Salzburg und Burgenland gering.

Anders in Italien, wo Kalabriens Wohlstandsniveau 58 Prozent des EU-Durchschnitts erreicht, während die Lombardei auf 128 Prozent kommt. Noch krasser sind die Unterschiede in Rumänien, wo sich Bukarest zum Tech-Hub entwickelt, während der Nordosten weit abgehängt ist. Die EU-Gelder für rückständige Regionen kompensieren das kaum.

Im britischen Boston stimmten drei Viertel für den EU-Austritt. Die Region ist eine der landesweit ärmsten (69 Prozent). In West-London beträgt das BIP-pro-Kopf 626 Prozent (!) des EU-Schnitts: Sinnbild einer gespaltenen Nation.

4. Mehr oder weniger akzeptiert

Interessanterweise findet die EU aber nicht automatisch mehr Akzeptanz in prosperierenden Ländern (interaktive Grafik oben). Mögliche Erklärung: Groß ist die Skepsis dort, wo Brüssel-Bashing innenpolitisch Tradition hat – in Großbritannien, Tschechien, Italien, Österreich.

Angesichts der zersplitterten Interessen stellen die EEAG-Ökonomen sogar schon Vergleiche an zwischen dem Zustand Europas mit dem späten Habsburger-Reich.

Sie geben aber zu bedenken, dass der Rückfall in die nationale Kleinstaaterei schwerwiegende Folgen hätte, von Pleiten bis zu großen Einkommensverlusten. Europa brauche angesichts der Konkurrenz von USA und China mehr Zusammenhalt denn je. Zumal auch der Technologie-Fortschritt drohe, noch mehr abgehängte Menschen zurückzulassen.