Ein Handelsdeal mit "Down Under" steht kurz bevor
Von Michael Bachner und Jasmin Sharma
Die Europäische Union intensiviert ihre Bemühungen um neue Handelsabkommen. Parallel zu den Spannungen mit den USA verhandelt Brüssel unter anderem mit Australien über ein umfassendes Freihandelsabkommen. Das Ziel ist klar: eine diversifizierte Lieferkettenstrategie und größere wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Die gegenwärtige globale Handelssituation ist geprägt durch protektionistische Tendenzen und dem Zollchaos in den USA sowie Chinas Kontrolle über kritische Rohstoffe. In diesem Kontext positioniert sich die EU als Akteur, der auf verlässliche Partnerschaften mit ähnlichen Wertvorstellungen setzt. WIFO-Expertin Elisabeth Christen sagt: „Die EU braucht verlässliche Handelspartner mit ähnlichem Mindset.“ Österreichs Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer sieht das genauso: „Die globalen Spannungen zwischen den USA und China zeigen, wie wichtig strategisches Handeln und verlässliche Partnerschaften sind.“
Verhandlungen seit 2018
Die Verhandlungen zwischen der EU und Australien begannen 2018, wurden 2023 unterbrochen und 2025 wieder aufgenommen. Beide Seiten berichten von erheblichen Fortschritten, ein Abschluss in den nächsten Monaten sei sehr wahrscheinlich. Geplant sind:
- Zollerleichterungen insbesondere für Agrarprodukte
- vereinfachter Zugang zu Dienstleistungen und öffentlichen Ausschreibungen
- gegenseitige Marktöffnungen in der Industrie und auf dem Rohstoffsektor.
Für Österreich bedeutet dies konkret günstigere Exportmöglichkeiten für Maschinen, Ausrüstungen und Fahrzeuge. Umgekehrt würden Fleischprodukte, Brennstoffe und unternehmensnahe Dienstleistungen aus Australien leichter Zugang zum europäischen Markt erhalten.
Kritische Rohstoffe
Aus europäischer Perspektive ist die Versorgung mit kritischen Rohstoffen zentral. Australien verfügt über bedeutende Vorkommen von Lithium, Kobalt und seltenen Erden – Materialien, die für die Batterieproduktion und damit für die Energiewende unverzichtbar sind. Eine Diversifizierung der Bezugsquellen würde die Versorgungssicherheit erhöhen und die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten reduzieren.
Ein wesentlicher Streitpunkt betrifft die zollbegünstigten Importmengen von Rindfleisch. Australien fordert 40.000 Tonnen jährlich, die EU bietet 30.000 Tonnen an. Diese Differenz war bereits 2023 Grund für den Abbruch der Verhandlungen.
Europäische Bauernvertreter äußern weiter Bedenken hinsichtlich einer möglichen Schwemme an Billigfleisch aus Australien. Martin Grob vom Bauernbund sagt: „Rindfleisch ist ein sensibles Produkt. Ein Abschluss kommt aus unserer Sicht nur in Frage, wenn ein fairer Wettbewerb garantiert ist.“ WIFO-Expertin Christen relativiert hingegen die praktischen Auswirkungen: „Ein halbes Steak mehr pro Jahr hätten die Österreicher bei einem EU-Australien-Deal“, rechnet sie auf den heimischen Verbrauch um.
Prosecco, Parmigiano und Feta sind Knackpunkt
Ein zweiter Konfliktpunkt betrifft den Schutz europäischer Herkunftsbezeichnungen. Produkte wie Prosecco, Parmigiano und Feta genießen in der EU rechtlichen Schutz. Die Europäische Union besteht darauf, dass australische Produzenten diese Namensrechte respektieren. Australische Hersteller sehen darin hingegen potenzielle wirtschaftliche Nachteile und äußern Vorbehalte.
Nach Einschätzung von Christen hätte ein EU-Australien-Handelsabkommen für Österreich bescheidene, aber positive wirtschaftliche Effekte. Die Bedeutung liegt jedoch primär auf der politischen Ebene: Ein solches Abkommen würde nach dem jüngsten Indien-Deal einmal mehr signalisieren, dass die EU aktiv an einer Diversifizierung ihrer Handelsbeziehungen arbeitet und sich von einseitigen Abhängigkeiten befreit.
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