Mecklenburg-Vorpommern/ Einige Haehne der Rasse Lohmann-Braun stehen am Freitag (24.08.12) in der Feldberger Seenlandschaft im Stall auf dem Hof Graepkenteich des Erzeugerzusammenschlusses Fuerstenhof auf einem Fuetterungsautomaten. In einem bundesweit einmaligen Pilotprojekt wollen 14 Biohoefe die Brueder der Legehennen vor dem fruehen Tod bewahren. Die Haehne werden nicht als Kueken geschreddert oder vergast, sondern sie werden gemaestet und spaeter geschlachtet. Weil sie jedoch weniger Fleisch ansetzen als Tiere der auf Fleischproduktion gezuechteten Rassen, wird das Leben der Haehne durch die Bio-Eier querfinanziert. (zu dapd-Text) Foto: Jens Koehler/dapd

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Deutschland
02/25/2013

Riesenbetrug mit Bio-Eiern

Hunderte Betriebe pferchten mehr Hennen in Ställe als erlaubt.

Die Lebensmittelbranche wird nach der Pferdefleisch-Affäre von einem neuen Skandal erschüttert: Die Staatsanwaltschaft im deutschen Oldenburg ermittelt einem Bericht des Spiegel zufolge wegen des Verdachts auf einen Riesenbetrug mit Bio-Eiern. Hunderte Betriebe missachteten offenbar systematisch die Vorschriften bei der Haltung von Legehennen, wie das Magazin berichtet.

Sie hielten demnach deutlich mehr Hühner in ihren Ställen als erlaubt und verkauften die Eier als Bio-Eier. Etliche Millionen Bio-Eier seien so in die Geschäfte gegangen, die nicht als Bio-Eier deklariert werden hätten dürfen.

Hunderte Durchsuchungen

Laut Spiegel fanden offenbar hunderte Durchsuchungen statt, die Staatsanwaltschaft bestätigte dem Magazin, sie ermittle gegen 150 Betriebe in Niedersachsen. 50 Verfahren seien an Staatsanwaltschaften in anderen Bundesländern abgegeben worden, vor allem in Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern. Auch in Belgien und den Niederlanden seien Betriebe betroffen.

Ermittelt werde wegen Betrugs sowie Verstößen gegen das Lebensmittel- und das Öko-Landbaugesetz. Womöglich missachteten die Betriebe dem Bericht zufolge auch Tierschutzvorschriften und Umweltgesetze.

Sollte sich der Verdacht bestätigen, handle es sich um den größten Kriminalfall in der deutschen Agrarwirtschaft seit langer Zeit, berichtet das Magazin. Ob und wann Anklage erhoben werde, sei noch offen. Der neue niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer sagte dem Magazin: "Wir prüfen, ob man den überführten Betrieben die Zulassung entziehen kann."

Ministerin für hartes Vorgehen

Auch die deutsche Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner hat ein hartes Vorgehen gegen betrügerische landwirtschaftliche Betriebe angekündigt. "Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten, geht es hier um Betrug im großen Stil: Betrug an den Verbrauchern, aber auch Betrug an den vielen Bio-Landwirten in Deutschland, die ehrlich arbeiten", sagte Aigner am Montag in Brüssel.

Die Vorgaben an Bio-Betriebe seien streng und müssten strikt eingehalten werden. "Die zuständigen Kontrollbehörden der Bundesländer müssen diese Gesetze auch überwachen, und zwar nicht nur vom Schreibtisch aus", betonte die CSU-Politikerin. Es nütze nichts, wenn der Bund und die EU strenge Gesetze machten und diese immer weiter verschärften. Die Verbraucher müssten sich darauf verlassen können, "dass drin ist, was drauf steht". Aigner unterstrich: "Ich erwarte, dass die Justiz diesen Fall zügig aufklärt und die Verantwortlichen auch strafrechtlich zur Rechenschaft zieht."

Die EU-Agrarminister befassen sich am Montag mit dem Pferdefleisch-Skandal: Die Ressortchefs werden über eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für verarbeitete Lebensmittel beraten. Mehr dazu hier.

Ins Rollen gebracht

Den Skandal um falsch deklarierte Bio-Eier hat ein Richter vor einiger Zeit ins Rollen gebracht. In einem Zivilprozess habe ein Bauer ausgesagt, dass er zu viele Hühner für seinen Stall gekauft habe und dass das allgemein üblich sei, sagte der Leiter der Oldenburger Staatsanwaltschaft, Roland Herrmann, am Montag. Der Richter habe das Landesamt für Verbraucherschutz informiert, das wiederum die Staatsanwaltschaft eingeschaltet habe. Diese ermittelt laut Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" seit Herbst 2011 wegen Betrugsverdachts gegen einige Betriebe.

Mit der Zeit sei die Zahl der Verdächtigen gewachsen, da die Auswertung von Lieferunterlagen neue Anhaltspunkte ergeben hätten, berichtete Herrmann. "Gerade jetzt in dieser Größenordnung ist natürlich unser Interesse gewesen, erstmal in Ruhe durchsuchen zu können, bevor die Täter gewarnt sind und alle Unterlagen vernichten, die uns jetzt weiterhelfen." Deshalb habe erst der "Spiegel"-Bericht den Fall bekannt gemacht. Bei einer Verurteilung wegen gewerbsmäßigen Betrugs könnte den Haltern seinen Angaben nach eine Haftstrafe von mindestens sechs Monaten drohen.

Die Oldenburger Staatsanwaltschaft ermittelt Herrmann zufolge gegen rund 100 Betriebe in Niedersachsen, die zu viele Tiere in einem Stall gehalten haben sollen. Die Eier sollen zum Teil als angebliche Bio-Eier in den Handel gelangt sein.

Bio-Hennen schlüpfen in der Industriebrüterei

Clemens Arvay, Agrarbiologe und Autor des Buches „Der große Bioschmäh – Wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen“, im KURIER-Gespräch zum

deutschen Eier-Skandal Das überrascht mich nicht, auch die Bioproduktion ist inzwischen von der Industrie gesteuert. In Österreich haben große Bio-Legehennen-Betriebe bis zu 18.000 Tiere. Die Betriebe beliefern alle großen Händler, die Eier werden immer von den selben Zwischenhändlern gebündelt und geliefert. In Deutschland ist die Industrialisierung noch weiter fortgeschritten. Es gibt Standorte mit bis zu 70.000 Bio-Legehennen.

Obergrenzen von 3000 Tieren im Bio-Betrieb Die Grenze bezieht sich nur auf die Stalleinheit. Pro Bio-Betrieb sind zwei Einheiten erlaubt, das heißt eigentlich maximal 6000 Hennen. Da wird aber manchmal getrickst. Die Betriebe werden auf dem Papier pro forma geteilt und so kann man es in der Realität auf 18.000 Hennen pro Betrieb schaffen.

Marktmacht Die Bauern sind nur noch Vertragshühnerhalter. Welche Tiere und wie viele gehalten werden, entscheiden Zwischenhandelsbetriebe, zu denen auch Toni’s Freilandeier gehört. Der Zwischenhandel stellt Bauern unter Vertrag, die Mengenforderungen sind gigantisch. Eine steirische Bio-Bäuerin hat mir erzählt, dass sie vor 20 Jahren mit 500 Tieren Vollerwerbsbäuerin war. Heute hat sie 3000 Bio-Hennen – im Nebenerwerb. Übrigens kommen im konventionellen und im Bio-Bereich meist die gleichen Hochleistungshennen zum Einsatz: „Brown Classic“ vom Weltkonzern Lohmann.

Bio-Industrie Der Ei-Markt, egal ob bio oder konventionell, ist in Österreich in den Händen von drei oder vier Firmen. In einem Unternehmen in der Nähe von Graz schlüpfen wöchentlich eine halbe Million Mastküken. Die Hennen, die für Supermärkte und Discounter Bio-Eier legen, kommen alle aus Industriebrütereien, werden auf Fließbändern aussortiert und dann zu den Legebetrieben gebracht. Egal ob konventionell, Bio, mit oder ohne AMA-Gütesiegel. Einmal pro Woche ist Bio-Schlüpftag. Das Prozedere ist dasselbe. Männliche Küken werden bei der Eierproduktion auf dem Fließband aussortiert und vergast oder mit einem rotierenden Messer getötet. Mit der Idylle der Werbespots hat Bio im Supermarkt und beim Diskonter nichts zu tun.

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