Arzneimittel-Engpässe: Apothekerkongress sieht keine einfache Lösung

Stocked with life saving drugs
In Österreich ist aktuell keine Abfrage von Lagerständen von Arzneimitteln möglich. Generika sind besonders oft betroffen von Engpässen.

Bei den Engpässen in der Arzneimittelversorgung ist keine schnelle Lösung in Sicht. Die EU beginnt gerade mit der Harmonisierung von Regeln und der Etablierung von Informationsplattformen. Auch in Österreich gibt es kein System zur schnellen Abfrage von Lagerbeständen beim Pharma-Großhandel und den Apotheken, hieß es Freitagabend beim Festkongress der Österreichischen Apothekerkammer (75-Jahr-Jubiläum) in Wien.

"Wir haben heute 588 Produkte im Register über Lieferengpässe. Für 360 Arzneimittel gibt es ein Parallelexportverbot", sagte Günter Waxenecker, neuer Chef der AGES Medizinmarktaufsicht. 40 Prozent dieser Medikamente betreffen Indikationen für das Nervensystem, zum Beispiel klassische Schmerzmittel. 28 Prozent der aktuell von Engpässen betroffenen Arzneimittel wären zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen gedacht (z.B. Bluthochdruck). 21 Prozent machen Antibiotika aus.

Ursachen für die Arzneimittel-Engpässe

Die Ursachen für die Probleme sind vielfältig. 2019 wurden weltweit 40 Prozent der Arzneimittelwirkstoffe aus China bezogen. Für mehr als 50 Prozent dieser Substanzen gibt es nur noch weniger als fünf Erzeugungszertifikate. Das bedeutet, dass die Produktion auf ganz wenige Standorte konzentriert ist.

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Laut Erhebungen auf europäischer Ebene werden mehr als 60 Prozent der Lieferengpässe bei Arzneimittel durch produktionsbedingte Probleme verursacht. Dann kommt zum Beispiel plötzlicher Mehrbedarf mit 18 Prozent.

Während die Hersteller von Nachahmepräparaten, also von sogenannten Generika nach Patentablauf von Originalpräparaten, immer wieder betonen, wie viel Geld ihre Anwendung den Krankenversicherungen erspart, zeigte der Preisdruck gerade hier offenbar negative Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit. Waxenecker: "Es sind eher Produkte betroffen, deren Erstzulassung länger als zehn Jahre zurückliegt."

Wie die Engpässe der EU behoben werden könnten

80 Prozent der Arzneimittel-Lieferengpässe in der EU könnten durch Austausch von Produkten zwischen den Mitgliedsstaaten gemildert, wenn nicht behoben werden. Doch es fehlen die Daten. "Es sind keine Systeme in Österreich vorhanden, um Lagerbestände von (Pharma-; Anm.)Großhändlern und Apotheken abfragen zu können. Es gibt keine Informationen über die Verschreibungspraxis im niedergelassenen (Ordinationen; Anm.) und im Spitalsbereich", erklärte der Experte. Seines Wissens existiere das auch in keinem Land der EU.

Mit der von der EU-Kommission anvisierten neuen Pharma-Gesetzgebung, für die vor kurzem ein Vorschlag präsentiert worden ist, sollen die Informationen der Mitgliedsstaaten zumindest besser harmonisiert und einsehbar werden. Aus einem System der Vorsorge für große Krisenfälle könnte in der Folge ein routinemäßiges, begleitendes Monitoring des Status der Arzneimittelversorgung in der EU entwickelt werden.

Plötzlicher Anstieg der Antibiotikaanfrage

Ohne eine nationale Lagerhaltung für kritische Arzneimittel wird es aber wohl in Zukunft nicht gehen. "Finnland hat seit 2009 eine Lagerhaltung für Arzneimittel für eine Bandbreite zwischen drei und zehn Monaten. Dort ist dieses Thema nicht schlagend geworden", sagte Waxenecker.

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Eine niederländische Studie hat ergeben, dass eine Lagerhaltung für als wichtig identifizierte Medikamente für vier Monate Verbrauch 75 Prozent der Engpässe verhindern würde. Mit einer Lagerhaltung für fünf Monate stiege die Erfolgsrate auf 85 Prozent.

Bei allen Bemühungen sollte aber eines nicht vergessen werden: Laut dem Experten kam es in Österreich zum Jahreswechsel 2022/2023 durch extrem viele akute Infektionskrankheiten - quasi aufgrund eines "Nachholeffektes" nach der Covid-19-Pandemie mit Lockdowns, Maskenpflicht etc. - zu einem plötzlichen Anstieg der Antibiotikanachfrage auf das Vier- bis Fünffache. Dies lässt sich kaum auffangen und die Frage aufkommen, ob es sich bei den Erkrankungen wirklich immer um bakterielle Infektionen gehandelt hat, für die eine Antibiotikatherapie angezeigt sein kann.

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