Von wegen "Lifestyle": Die wahren Gründe für den Teilzeit-Boom

Wifo-Auswertung mit neuen Erkenntnissen über die Motive. Felbermayr plädiert für flexible Arbeitszeitmodelle.
Homeschooling

Rund 75 Prozent aller Teilzeitbeschäftigten in Österreich tun dies nicht freiwillig, sondern haben gute Gründe dafür. Die häufigsten sind Betreuungspflichten, Aus- und Weiterbildung und das Fehlen von Vollzeitstellen. Dies geht aus einer aktuellen Auswertung des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) hervor. Im Jahr 2024 arbeitete in Österreich jede zweite Frau (Teilzeitquote 51,5%) und jeder achte Mann (12,4%) in einem Teilzeitjob. Damit liegt Österreich mit einer Teilzeitquote von knapp 32 Prozent im EU-Vergleich an zweiter Stelle hinter den Niederlanden. 

Rund 300.000 Menschen wollen keine Vollzeit

Bei den Frauen geben 24 Prozent der Teilzeitkräfte an, gar keine Vollzeitstelle zu wollen, bei den Männern sind es 22,8 Prozent. Ob es sich bei dem knappen Viertel, das nach eigenen Angaben gar keine Vollzeitstelle anstrebt, tatsächlich um "Lifestyle-Teilzeit" ist, könne wissenschaftlich nicht erhoben werden, so Wifo-Chef Gabriel Felbermayr bei einer Pressekonferenz am Freitag.  "Ob das Lifestyle ist, wissen wir nicht". 

Gabriel Felbermayr

Wifo-Chef Gabriel Felbermayr

Felbermayr plädiert aber dafür, die Freiweilligkeit wie alle anderen Gründe politisch zu adressieren. Das Steuer- und Abgabensystem biete nämlich durchaus Anreize für die Teilzeit, über die diskutiert werden sollte. Ein Anreiz ist etwa die Altersteilzeit und neue Teilpension, die die Teilzeitquote bei den über 55-Jährigen ansteigen lässt. Dies sei aber durchaus gewollt, so der Ökonom. Auch das Recht auf Elternteilzeit stellt einen Anreiz dar. 

Betreuungspflichten sind Hauptgrund

Hauptgrund für die Teilzeit sind wenig überraschend Betreuungspflichten. Fast drei Viertel aller Frauen geben dies als Grund an, bei den Männern sind es 16 Prozent. Bei jungen Menschen (unter 30)  liegt der Grund für Teilzeitjobs für Frauen wie Männer vor allem darin, dass sie zusätzlich zu ihrer Ausbildung arbeiten (müssen). Für Migrantinnen ist Teilzeit oft der einzige der Weg in den Arbeitsmarkt. Die Alternative ist nicht Vollzeit, sondern gar keine Arbeit.

Was auffällt: Mit Kindern unter 15 Jahren ist Teilzeit für Frauen fast der Regelfall (79,5 Prozent), während es bei den Männern nur 8 Prozent sind. Sobald die Kinder über 15 Jahre sind, sinkt die Teilzeitquote der Frauen, bleibt aber auf hohem Niveau (fast 60 Prozent), während die Teilzeitquote der Männer so gut wie unverändert bleibt (rund acht Prozent). Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl appelliert einmal mehr an die Regierung, flächendeckende Kinderbetreuungsangebote zu schaffen. Der Grund für Teilzeit wegen Betreuungspflichten sei in keinem anderen EU-Land so hoch wie in Österreich.

Renate Anderl

AK-Präsidentin Renate Anderl

Stadt-Land-Gefälle

Wie wichtig der Faktor ist, zeigt eine Stadt-Land-Auswertung. In der Stadt, wo es mehr Betreuungsangebote gibt, ist die Teilzeitquote bei Frauen mit 45 Prozent gleich um zehn Prozentpunkte niedriger als am Land. Bei den Männern verhält es sich genau umgekehrt: Je höher der Urbanisierungsgrad, desto häufiger arbeiten Männer in Teilzeit.

Große Branchenunterschiede

Wenig verwunderlich zeigt die Auswertung auch, dass Teilzeit vor allem in den von Frauen dominierten Dienstleistungsbranchen und Handel dominiert. "Im Handel und in der Reinigung sind Vollzeitstellen die Ausnahme", sagt Anderl. Zudem müssten die Teilzeitkräfte oft länger arbeiten. Mehr verdienen sie dadurch aber nicht.

Rechtsanspruch auf Aufstockung gefordert

Die AK-Chefin forderte einmal mehr einen Mehrarbeitszuschlag ab der ersten Stunde. "Teilzeitkräfte sollten nicht als billige Flexibilitätsreserve gelten". Die Zuschläge sollten wie bei den Überstunden in Vollzeit 50 Prozent und nicht 25 Prozent betragen. Wer drei Monate lange Mehrarbeit geleistet hat, müsse ein Recht auf Stundenaufstockung haben. 

Felbermayr für flexible Arbeitszeitmodelle

Felbermayr sieht die Teilzeit-Debatte pragmatisch und plädiert für flexible Arbeitszeitmodelle: "Wer mehr arbeiten will, sollte mehr arbeiten dürfen, wer weniger arbeiten will, sollte weniger arbeiten dürfen. Das sollte jeder für sich selbst entscheiden können". 

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