Wer ist arbeitslos? Die Lücken und Tücken der Statistik

Die Arbeitslosenquote wird gleich zweimal berechnet und erfasst trotzdem bei Weitem nicht alle Menschen ohne Beschäftigung.
Arbeitssuchende Menschen

Das Phänomen Arbeitslosigkeit hat viele Gesichter, die Arbeitslosenquote nur eines: ein ökonomisches. Von der Arbeitslosenstatistik werden bei Weitem nicht alle Menschen erfasst, die keine Arbeit haben. Kranke oder in Schulung befindliche Personen bleiben ebenso „versteckt“ wie Jugendliche, die mangels Lehrstelle in einer überbetrieblichen Ausbildung sind, oder Resignierte, die die Jobsuche aufgegeben haben. 

In Österreich gibt es gleich zwei Quoten: die internationale, vergleichbare EU-Quote mit 5,6 Prozent im Jahr 2025 und die im Inland gebräuchliche nationale Quote, die bei 7,4 Prozent lag. Aber wie werden diese Prozentzahlen überhaupt ermittelt und was sagen sie aus? 

Arbeitslosenquoten im Vergleich

Die EU-Arbeitslosenquote

Um Arbeitslosigkeit weltweit mess- und vergleichbar zu machen, hat die Internationale Arbeitsorganisation ILO, eine Tochter der UNO, einheitliche Kriterien festgelegt. Eine internationale Statistikerkonferenz einigte sich 1982 auf einen Kompromiss, der die Handschrift von US-Ökonomen trägt. Das volkswirtschaftliche Konzept einer „ökonomisch aktiven Bevölkerung“, auch „Labour Force Konzept“ genannt, ist auch Grundlage für die monatliche EU-weite Arbeitskräfteerhebung durch das europäische Statistikamt Eurostat.

Diesem Konzept zufolge gilt jemand nur dann als arbeitslos, wenn er in der Befragungswoche nicht einmal eine Stunde erwerbstätig war, aktiv auf Arbeitsuche ist und innerhalb der nächsten zwei Wochen eine Beschäftigung aufnehmen kann. Die so ermittelten Arbeitslosen werden in Relation zum Arbeitskräfteangebot, also Angestellte und Selbstständige, gesetzt.

Beispiel: Österreichs EU-Jugendarbeitslosenquote von aktuell 10,2 Prozent bedeutet, dass 10,2 Prozent der nicht in Ausbildung befindlichen 15- bis 24-Jährigen aktiv auf Arbeitsuche sind.

POSITIV:  Die EU- bzw. ILO-Quote ist international vergleichbar, erhebt nicht nur die registrierten Arbeitslosen und unterscheidet nicht zwischen selbstständig und angestellt.

NEGATIV:  Die Daten beruhen auf Haushaltsbefragungen, also auf Eigenangaben einer vorher ausgewählten Personen-Stichprobe. In Österreich wird diese Arbeitskräfteerhebung von der Statistik Austria im Rahmen des Mikrozensus durchgeführt, die Werte dann auf Monatsbasis hochgerechnet. 

Dabei ergeben sich zahlreiche Probleme. Menschen sind zunehmend mobil und daher zu Hause immer schwieriger erreichbar. Viele weigern sich zu antworten oder missinterpretieren die Fragen, weil sie die Sprache schlecht beherrschen. Die ILO-Definition zielt ausschließlich auf die sogenannte „Such-Arbeitslosigkeit“ ab. Menschen, die wegen Schulungen, Krankheit oder etwa Einstellzusagen nicht sofort einen Job aufnehmen können, werden ausgeblendet. Es reicht bereits eine einzige Stunde bezahlter Beschäftigung in der Woche aus, um nicht mehr als arbeitslos zu gelten.

Die nationale Arbeitslosenquote

Die nur im Inland gebräuchliche nationale Arbeitslosenquote fußt auf Daten des Arbeitsmarktservice (AMS) und der Sozialversicherung. Als arbeitslos gilt, wer am Ende des Monats beim AMS als Arbeit suchend gemeldet ist (Registerarbeitslosigkeit)

Die Formel für die monatliche Arbeitslosenquote ist simpel: Die Zahl der beim AMS vorgemerkten Arbeitslosen wird durch das gesamte Arbeitskräftepotenzial, das sind Arbeitslose und unselbstständig Erwerbstätige, geteilt. Im Unterschied zur ILO-Berechnung werden Selbstständige nicht mitgezählt. Auch geringfügige Beschäftigung bleibt ausgeklammert, da auch Vollzeiterwerbstätige geringfügig dazuverdienen können und damit doppelt gezählt würden.

POSITIV: Die nationale Quote bezieht sich eben nicht auf Befragungen, sondern auf valide Daten und ist als Stichtagserhebung zeitnah verfügbar. Die Zahlen können auf Merkmale wie Bezirk, Beruf, Alter etc. heruntergebrochen werden und sind daher auch sozialpolitisch relevant.

NEGATIV:  Registerdaten allein zeigen nur einen Ausschnitt der Arbeitslosigkeit. Arbeitslose, die sich nicht beim AMS melden, weil sie etwa keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben, scheinen ebenso wenig in der Quote auf wie jene, die zwar arbeiten könnten, aber aus diversen Gründen keine Arbeit suchen (stille Reserve). Auch die in Österreich im EU-Vergleich recht hohe Anzahl an Schulungsteilnehmern fließt nicht in die Berechnung der Arbeitslosenquote ein, da diese nicht sofort für den Arbeitsmarkt verfügbar sind.

Beispiel: Inklusive der Schulungsteilnehmer würde die nationale Arbeitslosenquote im März nicht 7,5, sondern 9,2 Prozent betragen. Das AMS weist die Zahl der Schulungsteilnehmer jedoch seit Jahren extra aus.

Beide Quoten geben darüber hinaus keine Auskunft darüber, ob die Menschen von ihrer Arbeit überhaupt leben können, ob sie vielleicht zwei oder mehrere Jobs haben oder in ihrer Stelle über- oder unterbeschäftigt sind.

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