Wirtschaft
05.11.2018

Ansturm auf Privatkonkurs: Fast 53 Prozent mehr Verfahren

10.114 Privatpleitiers sitzen auf rund 1,6 Milliarden Euro Schulden.

Das neue Insolvenzrecht schlägt ein Jahr nach der Einführung derart stark ein, dass sogar die Experten überrascht sind. "Der neue Privatkonkurs hat einen noch nie dagewesenen Ansturm auf die Privatkonkursgerichte gebracht", sagt Franz Blantz vom Gläubigerschutzverbandes AKV. "Im Zeitraum von November 2017 bis Ende Oktober 2018 haben 10.114 Personen Privatkonkursverfahren beantragt. Erstmalig seit Einführung des Privatkonkurses im Jahr 1995 wurden in einem Jahr mehr als 10.000 Personen insolvent."

Im vergangenen Jahr haben somit österreichweit durchschnittlich 195 Personen pro Woche einen Privatkonkurs angemeldet. In diesem Beobachtungszeitraum haben die Privatinsolvenzen um mehr als die Hälfte zugenommen (plus 52,57 Prozent).

Seit Jänner 2018 beträgt die Zuwachsrate sogar 59,75 Prozent, nachdem der „Run auf die Privatkonkursgerichte“ vor allem ab Jänner 2018 eingesetzt hat, heißt es weiter.

Das Fazit der AKV-Experten: "Nach unserer Einschätzung wird in den nächsten Monaten der Anstieg der Privatkonkurse abflachen, dennoch werden aufgrund des erleichterten Zugangs zu einer Restschuldbefreiung zukünftig mehr Personen Schuldenregulierungsverfahren bei den Gerichten beantragen als vor der Änderung der Rechtslage."

Die Fakten im Detail:

  • Die größte Zuwachsrate gab es im Burgenland, wo sich die Verfahren um das 2,5-fache (+ 150,00 Prozent) gesteigert haben, die geringste Zuwachsrate gab es in Salzburg, wo die Privatkonkurse aber noch immer um ein Viertel (+ 24,52 Prozent) zugenommen haben. Rund ein Drittel der Privatkonkurse des vergangenen Jahres werden bei den Bezirksgerichten in Wien abgewickelt.
  • Vor allem zwei Personengruppen nehmen das neue Insolvenzrecht nach dem Entfall der Mindestquote (zehn Prozent) in Anspruch, nämlich einkommensschwache Schuldner mit relativ geringen Verbindlichkeiten und vormalige Unternehmer mit beträchtlichen Verbindlichkeiten aus einer gescheiterten früheren Selbstständigkeit.
     
  • Vor allem die Privatkonkurse von Ex-Unternehmern mit Millionenverbindlichkeiten führten in den ersten zehn Monaten 2018 zu einer beträchtlichen Erhöhung der Gesamtpassiva um 140 Prozent, sodass sich diese mehr als verdoppelt haben.
     
  • In diesen 10.114 Schuldenregulierungsverfahren geht es um unglaubliche Gesamtschulden von rund 1,6 Milliarden Euro zugrunde, ein laut AKV "in der Vergangenheit noch nie erreichter Wert".
  • Von den 10.114 Verfahren sind bereits 5814 Verfahren abgeschlossen, wovon 3907 Fälle beziehungsweise 67,2 Prozent der Verfahren mit einem Zahlungsplan endeten.
     
  • In den ersten zehn Monaten des Jahres 2018 betragen die Gesamtpassiva der  eröffneten Privatkonkurse 1,434 Milliarden Euro, davon entfallen 1,14 Milliarden Euro auf männliche Schuldner.
     
  • Die Durchschnittsverschuldung hat sich von 111.600 auf 166.800 Euro gesteigert. Die Durchschnittsverschuldung der männlichen Schuldner, auf welche 63,9 Prozent der Verfahren entfallen, beträgt sogar 207.900 Euro.
     
  • Trotz der neuen rechtlichen Möglichkeit eines Null-Prozent-Zahlungsplanes bieten fast alle Schuldner mit nicht pfändbarem Einkommen dennoch Zahlungspläne mit Quoten an, sodass der Null-Prozent-Zahlungsplan reine Theorie geblieben ist.
     
  • Auch im Rahmen der neuen Rechtslage zeichnet sich ab, dass der sogenannte Zahlungsplan das primäre Entschuldungsinstrumentarium bleiben wird.