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Wirtschaft
07/15/2019

Analyse: Warum der deutsche Stern sinkt

Die "Deutschland AG" in der Krise: Leitkonzerne leiden, aber auch die Wirtschaftspolitik braucht eine Neuorientierung.

von Robert Kleedorfer, Hermann Sileitsch-Parzer

Was ist nur mit den Leitsternen der deutschen Wirtschaft los? Ob Daimler, Lufthansa, Deutsche Bank, Bayer oder BASF: Einige der renommiertesten Industrie-Namen werden von den Aktionären in jüngster Zeit gehörig abgestraft.

Muss man sich ernsthaft Sorgen um Europas größte Volkswirtschaft machen?

Die jüngste Schockmeldung kam am Freitag aus Stuttgart. Autobauer Daimler musste zum zweiten Mal binnen drei Wochen die Ziele für das laufende Jahr wegen der Diesel-Affäre nach unten korrigieren – und diesmal kräftig.

Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) werde deutlich unter den elf Milliarden Euro des Vorjahres liegen, Analysten erwarten fast eine Halbierung.

Daimler wird in den nächsten fünf Jahren seine Umsatzrenditen eher bei fünf Prozent statt bei zehn Prozent haben“, sagt Ferdinand Dudenhöffer vom deutschen CAR-Institut (Center Automotive Research, Essen) zum KURIER. „Aber das gilt für die Branche als Ganzes. Der Umstieg in die Elektromobilität erfordert erhebliche Investitionen, die in den nächsten Jahren nur mit dünnen Margen amortisiert werden.“

Weniger Autoverkäufe

Zu leiden haben darunter viele Zulieferer wie Schaeffler, Conti oder Bosch. „Das Umfeld ist sehr herausfordernd geworden“, sagt Bosch-Finanzchef Stefan Asenkerschbaumer dem Handelsblatt.

Vor zwei Monaten hatte Bosch mit einem Rückgang der globalen Autoproduktion um drei Prozent auf knapp 95 Millionen Fahrzeuge gerechnet. „Jetzt erwarten wir minus 4,5 Prozent.“

Folgen für Österreich

Das bekommen auch Österreichs Autozulieferer zu spüren. Die Branche hat Gewicht: 900 Betriebe mit 80.000 Beschäftigten erzielten im Vorjahr 24,4 Mrd. Euro Wertschöpfung. 85 Prozent der Waren werden exportiert.

Der Auto-Leuchtenspezialist ZKW mit Sitz in Wieselburg (NÖ), der im Vorjahr von der koreanischen LG übernommen wurde, reagiert bereits: Ein in Osteuropa geplantes neues Werk kommt vorerst nicht, weil sich der „extrem positive Wachstumskurs im Automobilsektor der letzten zehn Jahre“ nicht fortsetze.

Und dann ist da noch US-Präsident Donald Trump. „Man muss davon ausgehen, dass er seine Zollkriege mit der deutschen Autoindustrie umsetzt“, sagt Dudenhöffer. „Die US-Reise von Wirtschaftsminister Peter Altmaier war eher eine Vortragsreise mit bunten Bildchen statt einer echten politischen Wegmarke. Er wird von Donald Trump nicht erst genommen“, urteilt der Experte.

Allzu optimistisch scheint Altmaier selbst nicht zu sein. Nach Gesprächen in Washington bezifferte er die Chancen auf eine Lösung des Handelskonflikts mit 50:50.

Fehlentscheidungen

Dazu kommen hausgemachte Schwierigkeiten. Die Deutsche Bank schleppt Altlasten mit, seit man in der Weltfinanzliga mitspielen wollte. Nach dem x-ten angekündigten Kulturwandel ist ein brutaler Kahlschlag wohl die letzte Chance zur Wende.

Lufthansa plagt sich damit, Antworten auf Überkapazitäten und Billigairlines zu finden. Die DAX-Schwergewichte E.ON und RWE waren schlecht für die deutsche Energiewende aufgestellt.

Dass Ernährung ein Megatrend des 21. Jahrhunderts werde, hat der Chemiekonzern Bayer richtig analysiert. Mit der Übernahme des US-Konzerns Monsanto hat man sich jedoch milliardenschwere Glyphosat-Prozessrisiken eingehandelt.

Kurskorrektur nötig

Deutschland hat von der Globalisierung profitiert wie keine andere Industrienation. Das Export-Wachstum stößt aber an Grenzen, wenn der Welthandel kaum expandiert. Und sich Länder wie die USA nationalistisch abschotten.

Ein Strategiewandel wäre vonnöten, sagt IV-Chefökonom Christian Helmenstein. Ein Vorbild könne (auch für Österreich) die Schweiz sein: Dort würden Hightech und Branchen mit hoher Wertschöpfung forciert und zudem riesige Direktinvestitionen im Ausland getätigt. Das sei für eine alternde Gesellschaft der richtige Weg, um Wohlstand abzusichern.

So, wie es Österreich in Osteuropa „vorbildlich“ praktiziert habe – fehlt noch der Rest der Welt, insbesondere Amerika und Asien.

Österreich mit mehr "Potenzial"

Beim „Normalmaß“ der Wirtschaftsentwicklung ist Österreich seinem deutschen Nachbarn voraus: Das Potenzialwachstum liege in Deutschland bei 1,3 Prozent, in Österreich bei 1,6 bis 1,8 Prozent, sagt Helmenstein.

Was auch daran liegt, dass Deutschland zu einseitig auf das Schuldenabbauen gesetzt und darüber das Investieren vergessen hat. Wenn Brücken bröckeln, Schulen verfallen und Firmen nicht auf neueste Maschinen setzen, kommt auf Dauer weniger Wachstum zustande.

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