Zwischen Tradition, Nachhaltigkeit und Historie: Der Jägerball erklärt

Jägerball: Archivbild mit Traditionskleidung von 2025
Am 26. Jänner findet in Wien wieder der Jägerball statt. Tradition, Tracht und Tanz prägen die Veranstaltung.

Wenn am 26. Jänner tausende Menschen in Tracht durch die Säle der Wiener Hofburg tanzen, trifft Tradition auf Gegenwart. Der Jägerball ist einer der ältesten Bälle Wiens und zugleich einer der umstrittensten. Was steckt hinter der Veranstaltung, die Jagdkultur, Charity und Gesellschaft verbindet? Und wie passt das alles in eine Stadt, die immer jünger, urbaner und kritischer wird?

Ein Ball mit über 120 Jahren Geschichte

Der Jägerball, offiziell Ball vom Grünen Kreuz, zählt zu den traditionsreichsten Veranstaltungen der Wiener Ballsaison. Seine Ursprünge reichen bis ins Jahr 1905 zurück, als engagierte Jäger rund um Prinz Alexander zu Solms-Braunfels erstmals zu einem Ball luden, um Spenden für in Not geratene Jagd- und Forstarbeiter zu sammeln. Noch im selben Jahr wurde der Verein Grünes Kreuz gegründet, der diesen karitativen Gedanken bis heute trägt.

Über die Jahrzehnte entwickelte sich der Jägerball zu einem gesellschaftlichen Fixpunkt. Weltkriege, politische Umbrüche und zuletzt die Pandemie unterbrachen seine Geschichte immer wieder, konnten sie aber nie beenden. 2023 feierte der Ball schließlich sein 100. Jubiläum. Abseits von Tanz und Tradition bleibt der karitative Kern des Balls zentral: Der Reinerlös der Veranstaltung fließt in die sozialen Zwecke des Vereins Grünes Kreuz, etwa in Unterstützung für Jagd- und Forstwirtschaftsangehörige in Not.

Tradition – aber für wen?

Was den Jägerball von anderen Bällen unterscheidet, ist nicht nur sein karitativer Zweck, sondern auch seine Verbindung zur Jagdkultur: Die Kleiderordnung sieht traditionelle Tracht vor, die Patronanz wechselt jährlich zwischen den Bundesländern, und Elemente wie Jagdhornbläser gehören zum Programm. Doch genau dieser traditionelle Anspruch kann für Außenstehende schwer greifbar sein: Schon in der Vergangenheit gab es nicht nur Debatten um die Rolle der Jagd in der Stadt, sondern auch Demonstrationen gegen die Veranstaltung – teils im Kontext einer kritischen Auseinandersetzung mit traditionellen Symbolwelten.

Wie viele traditionsreiche Institutionen in Österreich kommt auch der Jägerball nicht ohne historische Bruchlinien aus. Kritische Stimmen verweisen darauf, dass Jagd und jagdliche Symbolik im Nationalsozialismus stark ideologisch aufgeladen waren. 

Karikativer Zweck betont

Belege für eine aktive nationalsozialistische Propagandatätigkeit des Vereins gibt es nicht. Der Verein selbst betont auf der offiziellen Webseite seinen karitativen Zweck und verweist auf die kontinuierliche Ausrichtung auf soziale Unterstützung unabhängig von politischen Systemen. 

Der Ball bewegt sich damit in einem Spannungsfeld zwischen Bewahren und Öffnen, zwischen Kulturgut und zeitgenössischer Interpretation. Genau an dieser Schnittstelle setzen auch neue Akteure an, die den Jägerball nicht nur als nostalgisches Ereignis, sondern als Plattform verstehen. Einer davon ist Tono Soravia, Jäger und Gastronom.

Vom Wald in die Stadt: Das Collina am Berg in der Hofburg

Soravia betreibt mit dem Collina am Berg ein Restaurant am Spittelberg, das Jagd, Kulinarik und urbane Esskultur verbindet. Beim Jägerball ist das Collina nicht nur ideell vertreten: Das Restaurant organisiert heuer einen Aperitif vor Ort und ist damit Teil des Abends, noch bevor der erste Walzer getanzt wird. Doch warum glaubt der junge Gastronom an die Zukunft der Jagd?

Marketing Social Media-Mitarbeiterin Lisa Marie und Tono Soravia im Collina am Berg

Der KURIER zu Gast bei "Collina am Berg".

Jagd in den urbanen modernen Raum bringen

"Es ging immer darum, dieses familiäre, jagdliche Umfeld, mit dem ich aufgewachsen bin, ein bisschen nach Wien zu bringen“, erzählt Soravia im Gespräch mit KURIER. Was als "Jugendidee" begann, sei heute ein bewusster Versuch, Jagd aus der Nische zu holen und in einen zeitgemäßen Kontext zu setzen. Nicht als Provokation, sondern als Einladung zum Gespräch.

Nachhaltigkeit: Zwischen Anspruch und Realität

Für Soravia ist Jagd untrennbar mit Nachhaltigkeit verbunden. "Es gibt nichts Nachhaltigeres als Jagd", sagt er bewusst zugespitzt. Wild habe ohne industrielle Tierhaltung gelebt, ohne lange Transportwege, ohne Kraftfutter. Gerade in einer Zeit, in der Herkunft und Qualität von Lebensmitteln wieder stärker hinterfragt werden, sieht er darin eine zeitgemäße Antwort.

Gleichzeitig ist ihm klar, dass dieses Argument nicht für alle greift. Jagd bleibt mit dem Töten von Tieren verbunden. Soravia versteht die emotionale Distanz vieler Menschen dazu, plädiert aber für Differenzierung. Für ihn gehe es um Verantwortung und um einen respektvollen Umgang mit dem Tier, nicht um Romantisierung.

Wie streng ist der Weg zum Jagdschein?

Ein Punkt, der in der öffentlichen Debatte oft untergeht, ist der Weg zur Jagd selbst. Soravia beschreibt den Jagdschein als anspruchsvoll und stark reglementiert. Sicherheit, rechtliche Rahmenbedingungen und naturwissenschaftliches Wissen stehen im Vordergrund. "Es ist eigentlich viel Biologie", sagt er, "man lernt unglaublich viel über die Tiere und ihre Lebensräume." Der Jagdschein ist damit weniger Freizeitaccessoire als vielmehr eine Ausbildung, die ein tiefes Verständnis für ökologische Zusammenhänge verlangt. Gerade das widerspricht dem Klischee des unreflektierten Jägers, das in urbanen Diskursen oft vorherrscht.

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