Nach Großglockner-Prozess: Frauen berichten von "alpiner Scheidung"
Nach dem Erfrierungstod auf dem Großglockner, bei dem ein Mann seine Partnerin zurückließ, berichten auf TikTok nun zahlreiche Frauen von ähnlichen Erfahrungen. (Symbolbild)
Der Großglockner-Prozess erfuhr weltweit mediales Aufsehen. Im Jänner 2025 bestiegen ein 37-jähriger Salzburger, ein erfahrener Bergsteiger, und seine 33-jährige Lebensgefährtin den höchsten Berg Österreichs, den Großglockner, über den anspruchsvollen Stüdlgrat. Gegen Ende der Tour verschlechterte sich der körperliche Zustand der Frau unter den extremen Bedingungen zusehends.
Erfrierungstod am Großglockner sorgte weltweit für Aufsehen
Nach mehreren Fehleinschätzungen ließ der Mann seine Partnerin nachts bei eiskalten Temperaturen und starkem Wind rund 50 Meter unterhalb des Gipfels zurück und ging alleine weiter, um Hilfe zu holen. Am nächsten Morgen konnten die Bergretter die Frau nur mehr tot bergen. Sie war erfroren (KURIER berichtete).
Vor dem Landgericht Innsbruck wurde der 37-Jährige wegen grob fahrlässiger Tötung zu fünf Monaten auf Bewährung sowie einer Geldstrafe verurteilt. Sowohl Verteidigung als auch Staatsanwaltschaft haben Berufung gegen das Urteil eingelegt. Das Ersturteil ist daher noch nicht rechtskräftig.
Allein gelassen: Frauen sprechen auf TikTok von ähnlichen Erfahrungen
Der Fall um den Erfrierungstod der Frau hat eine breitere Debatte angestoßen und sorgt auch in den sozialen Medien weiterhin für Diskussionen über Risiko und Verantwortung bei anspruchsvollen Bergtouren.
Auf TikTok melden sich zunehmend Frauen zu Wort und berichten von ähnlichen Erfahrungen bei Berg- und Wanderausflügen mit ihrem (Ex-)Partner.
TikTokerin verzweifelt: Von Freund bei Wanderung zurückgelassen
18,9 Millionen Aufrufe hat der knapp einminütige Clip von TikTokerin @everafteriya bereits gesammelt. Darin ist sie bei einer Wanderung zu sehen, wie sie über Felsen klettert und dabei schluchzt. "Das ist der schlimmste Samstag meines Lebens", sagt sie unter Tränen.
In der Videobeschreibung steht: "Du gehst mit ihm in den Bergen wandern, aber er lässt dich ganz allein zurück und du merkst, dass er dich von Anfang an nie gemocht hat". Später stellte die Userin klar, dass ihre Begleitung vor den anderen Wanderern den Gipfel erreichen wollte und ihr deshalb quasi davonlief.
In der Kommentarspalte melden sich zahlreiche TikTok-Nutzerinnen zu Wort, denen Ähnliches widerfahren ist. So heißt es dort beispielsweise:
- "Mein Freund hat mich beim Aufstieg zum Grand Canyon zurückgelassen. Ein sehr netter Mann aus Norwegen hat mir geholfen, meinen Rucksack zu tragen, und ist mit mir gegangen. Ich habe 12 Stunden gebraucht, um wieder herauszukommen."
- "Das ist mir vor vielen Jahren passiert. Ich habe zwei Mädchen auf dem Berg getroffen und ihnen erzählt, was passiert ist, und wir sind zusammen hinuntergegangen. Sie haben mich nicht allein gehen lassen. Ich werde sie nie vergessen."
- "Wow. Das ist mir auch passiert und ich habe es niemandem erzählt, weil es mir so peinlich war. 😭"
- "Vor ein paar Jahren bin ich auf einem Wanderweg auf ein Mädchen gestoßen, das sich offensichtlich verlaufen hatte und total verängstigt war. Es war genau dieselbe Situation wie hier, nur dass es ungefähr 38 Grad heiß war. Ich habe mein Wasser mit ihr geteilt und sie bis zum Ausgang des Wanderwegs begleitet. Sie muss solche Angst gehabt haben."
"Alpine Divorce": Welche Bedeutung steckt dahinter?
Eine Userin bringt es auf den Punkt, was offenbar viele denken: "Ich wusste nicht, dass das offenbar so häufig vorkommt? Was zur Hölle?" Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang der Ausdruck "Alpine Divorce" (übersetzt: alpine Scheidung) in den Kommentaren auf.
Der Begriff geht vermutlich auf die Kurzgeschichte des schottisch‑kanadischen Schriftstellers Robert Barr zurück. In "An Alpine Divorce" (1893) geht es um einen unglücklich verheirateten Mann, der mit seiner Frau in die Schweizer Alpen zu einer Wanderung aufbricht – mit dem Hintergedanken, sie dort "loszuwerden", indem er sie am Gipfel von einer Felswand hinunterstößt.
Diskussion um rechtliche Verantwortung bei Wandertouren
Die metaphorische Verwendung des Ausdrucks in den sozialen Medien und die zahlreichen Erfahrungsberichte machen deutlich, dass solche Situationen, egal ob sie nun aus Missverständnissen, Fahrlässigkeit oder Konflikten entstanden sind, scheinbar häufiger vorkommen, als man zunächst annimmt.
Auf Plattformen wie TikTok, Reddit und Co. sorgt das Phänomen jedenfalls für hitzige Diskussionen rund um Partnerschaftsprobleme, rechtliche Verantwortung und Sicherheit bei Wanderungen.
In Österreich finden Frauen, die Gewalt erleben, unter anderem Hilfe und Informationen bei folgenden Adressen:
- Frauen-Helpline: online unter frauenhelpline.at und telefonisch unter 0800-222-555
- Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF): online unter aoef.at
- Frauenhaus-Notruf: unter 057722
- Österreichischen Gewaltschutzzentren: 0800/700-217
- Polizei-Notruf: 133
Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums. Auf der Webseite finden sich Kontaktdaten von Hilfseinrichtungen in Österreich.
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