Wolfgang Niedecken sieht mit 75 Jahren die "Zielgerade"
Wolfgang Niedecken mit seiner Frau Tina Golemiewski
"Zielgerade" nennt Wolfgang Niedecken die Tour, die ihn mit BAP am 4. Dezember auch in die Wiener Stadthalle (Halle F) führt. Das Wort Abschiedstournee mag er nicht, sagt der Musiker, der am Montag 75 Jahre alt wird. Doch er sieht das Ende seiner Karriere kommen. Entscheidend werde sein, wie er sich selbst fühle: "Wenn ich merke, dass es mir schwer fällt, in einem Konzert mich spontan zu verhalten, dann wird Ende sein."
Dieser Moment scheint aber noch nicht nahe. Mit BAP spielt er Ende des Jahres zahlreiche Konzerte. Davor ist er als Solist unterwegs, an seinem Geburtstag steht der am 30. März 1951 geborene Niedecken in seiner Geburtsstadt Köln auf der Bühne. Im Juli feiern BAP mit einem Auftritt im Kölner Fußballstadion mit 50.000 Fans das 50-jährige Bandjubiläum.
Niedecken, der mit 60 Jahren einen Schlaganfall erlitt, befolgt ein strenges Fitnessprogramm, um sein Arbeitspensum durchzuhalten. Morgens trainiere er eine Stunde auf dem Heimtrainer. Er ernähre sich gesund. Auch beim Alkohol halte er sich zurück - wobei ein Grappa vor jedem Auftritt sein müsse. Das sei wie die Kommunion in der katholischen Kirche, sagte Niedecken im Interview mit einem deutschen TV-Sender: "Von einer Hostie wirst du auch nicht satt."
Gelassene Altersmilde
Niedecken erreichte inzwischen eine gelassene Altersmilde - früher gab er gern den wilden Mann, wie er selbst sagt. Als solcher gelang es ihm mit BAP als einer der wenigen Gruppen in Deutschland, mit Mundart deutschlandweit zu einer Größe zu werden. Der BAP-Ohrwurm "Verdamp lang her" von 1981 zählt bis heute zu den erfolgreichsten Songs - gefolgt von "Kristallnaach", einer politisch-poetischen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung.
Mit Niedeckens Texten im Kölner Dialekt wurde BAP in den 80er-Jahren Deutschlands erfolgreichste Rockband. Damals, in der Zeit der großen Friedensbewegung, trafen die Kölschrocker das Lebensgefühl einer ganzen Generation - mit Songs wie "Drei Wünsche frei" gegen Aufrüstung, aber auch mit Balladen wie "Do kanns zaubere" (Du kannst zaubern) sowie mit Stücken gegen Rassisten und Neonazis.
Ohne Niedeckens kölsche Texte wäre der Erfolg von BAP - der Bandname ist vom rheinischen Wort für "Papa" abgeleitet - nicht vorstellbar gewesen. Der aus der Kölner Südstadt stammende Sohn eines Lebensmittelhändlers gründete die Band zusammen mit Manfred Boecker 1976 während seines Studiums der Malerei an der Kölner Fachhochschule. Damit entstand in der Kölner Musikszene etwas völlig Neues: Lieder im Kölner Dialekt waren bis dahin dem Karneval und Mundartgruppen vorbehalten. Eine Rockband auf Kölsch - das gab es vor Niedecken nicht. Mittlerweile ist Niedecken das letzte Mitglied der Urbesetzung von BAP.
Von Bob Dylan fasziniert
Es sei für ihn immer klar gewesen, dass er nicht Englisch oder Hochdeutsch singen werde, sagte der schon in seinen Jugendjahren von Bob Dylan faszinierte Niedecken später. "Dylan hat mir einen Kosmos eröffnet", erzählte er in einem Gespräch mit der APA. "Bis zu 'Like a Rolling Stone' habe ich mich kulturell wenig interessiert. Ich hatte einen langweiligen Deutschlehrer, einen langweiligen Kunstlehrer, alles war irgendwie langweilig." Aber Dylan habe ihn Lyrik, Literatur und sogar die Malerei näher gebracht, erzählt Niedecken.
Der in zweiter Ehe verheiratete Vater von vier Kindern und Großvater ist neben der Musik vielfältig politisch engagiert. Überbewerten will er seinen Einfluss nicht. Er bilde sich nicht ein, dass er als Künstler schlauer sei als sein Schuster oder sein Zahnarzt. "Sagen zu wollen, wo es langgeht, wäre anmaßend."
Trotzdem genießt er es, wenn auch in mit tausenden Menschen voll besetzten Konzerten das Publikum zwischen den Liedern seinen Gedanken zuhöre. Es wird sich zeigen, wie lange das noch möglich sein wird. "Ich mag es nicht, in meinem Alter allzu weit vorzuplanen, vor allen Dingen, weil je älter man wird, Tourplanungen immer mehr zur Wette auf die Zukunft werden."
Kommentare