Herbert Grönemeyer (70): "Schade wäre, wenn man merkt, es stellt sich Stillstand ein"
Herbert Grönemeyer
"Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders“, singt Herbert Grönemeyer nicht nur in "Bleibt alles anders", sondern versteht er auch generell als sein Lebensmotto. Auch zu seinem 70. Geburtstag, den er heute, Sonntag, feiert, hat er nicht vor, aufzuhören.
"Schade wäre, wenn man merkt, es stellt sich Stillstand ein, auch künstlerisch, Ich habe gerade erst Dirigieren gelernt und werde nächstes Jahr wieder Konzerte als Dirigent spielen. Und: Ich arbeite gerade an einer neuen Platte. Der Plan ist, dass sie Ende des Jahres oder Anfang 2027 kommt. Dann würde ich gerne übernächstes Jahr anfangen, eine Oper zu schreiben", zählt er im Interview mit der dpa auf.
Seine künstlerische Vielfältigkeit fällt auch auf, wenn man sich Grönemeyers Lebenslauf ansieht, hat er doch immerhin gar nicht als Musiker, sondern als Schauspieler begonnen.
Start als Schauspieler
1981 gelangte er durch seine Rolle als Leutnant Werner im Film "Das Boot" zu größerer Bekanntheit. Er beschloss aber kurz darauf, sich auf die Musik zu konzentrieren – und da gelang ihm mit dem Album "4630 Bochum" ("Männer", "Flugzeuge im Bauch") der Durchbruch.
Das neunte Studioalbum "Chaos" erreichte Platz 1 der deutschen Hitparade und die dazugehörige Tour besuchten über 600.000 Menschen. 1994 wurde Grönemeyer von MTV als erster nicht-englischsprachiger Künstler eingeladen, ein MTV-unplugged-Konzert aufzunehmen.
Im November 1998 stand für Grönemeyer die Welt dann doch still. Denn am 1. November verstarb sein Bruder Wilhelm an Leukämie, am 5. November seine erste Frau Anna Henkel, mit der er zwei Kinder hat, an den Folgen einer Brustkrebserkrankung.
"Es kommt alles zum Stillstand. Es ist wie ein Beben, es ist Stille. Große Stille, Aber hilfreich ist bei der ganzen Tragik, du kannst dir ja keine Stille leisten, weil nebenher diese zwei wunderbaren Kinder waren, wo man sagte ,was machen wir jetzt?’, weil die sind auch noch da", erzählt Grönemeyer in der neuen Doku "Alles bleibt anders" (Ausstrahlung: morgen, Montag, um 20.15 Uhr in der ARD). Er habe "lange gebraucht, bis ich dachte: ,Jetzt hast du wieder halbwegs den Fuß auf dem Boden.’"
Um diesen tragischen Schicksalsschlag zu verarbeiten, schrieb Grönemeyer 2002 den Song "Der Weg" für Anna. Die Zeilen "Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet, hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt. Nordisch nobel, deine sanftmütige Güte, ein unbändiger Stolz. Das Leben ist nicht fair", gehen dabei besonders unter die Haut.
2016 heiratete Grönemeyer dann Josefine Cox, mit der er 2019 einen Sohn bekam. Ansonsten hält Grönemeyer sein Privatleben aber ganz strikt privat.
An seinen Gedanken zum 70. Geburtstag lässt er dann aber doch auch die Öffentlichkeit teilhaben. "Natürlich ändert sich das Denken im Laufe der Jahre. Ich merke schon, dass das Gehirn ab Ende 60 andere Gedanken reinspült, die man vorher so nicht kannte. Man geht quasi ins dritte Drittel und da kann alles passieren. Man entwickelt auch eine gewisse schöne Radikalität. Es ist etwas, auf das man sich mental einstellen muss. Das ist nicht ganz so einfach", so Grönemeyer zur dpa.
Gedanken zum 70er.
Dabei beschäftigt er sich auch mit dem Tod. "Wenn man sieht, was in seinem Umfeld geschieht, wie Menschen älter werden oder wer wann gestorben ist, denkt man sich schon mal: Okay, das können zehn Jahre sein, das können 20 Jahre sein oder 25. Das rauscht immer mal wieder durch. Das ist nicht etwas, was einen latent beschäftigt, aber natürlich ist das jetzt einen Tick anders. als wenn man 58 Jahre alt ist", so der Sänger.
Rückblickend würde er seinem jüngeren Ich raten, doch mal einen Gang zurückzuschalten. "Durchschnaufen und Durchatmen. Nur Turbo allein reicht nicht. Ich habe immer schon auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig getanzt. Früher habe ich in Bands gespielt, drei verschiedene Sportarten gemacht: Basketball, Tennis, Fußball. Und ich bin auch aufgetreten. Ich kenne das gar nicht anders, dass immer was passiert, aber natürlich diktiert einem das Alter einen anderen Rhythmus. Optisch zu altern ist nicht das Allereinfachste", so Grönemeyer.
So ganz funktioniert das mit dem Zurückschalten aber eher nicht, denn 2027 geht Grönemeyer auf Tour durch Deutschland und Österreich (Wien-Konzert am 10. Juni 2027).
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