Herbert Grönemeyer in Wien: Überschwang im Übermaß

Beim Unplugged-Konzert in der Wiener Stadthalle wurde der 69-Jährige auf Händen durch das dreistündige Programm getragen
KONZERT HERBERT GRÖNEMEYER

Neu ist das nicht: Herbert Grönemeyer geht in der Wiener Stadthalle auf die Bühne und bekommt minutenlangen Applaus, ohne einen einzigen Ton gesungen zu haben. Seit Dekaden ist das so, wenn der Deutsche Barde in dem Roland-Rainer-Bau Station macht. Die Wiener lieben ihn einfach.

Neu an diesem Donnerstagabend ist, dass er den Jubel in der Mitte der Halle genießt. Denn diese „Mittendrin – Akustisch“-Tour spielt Grönemeyer unplugged, mit seiner Band, einem Orchester und einem Chor auf einer Mittelbühne. Es ist die Tour zu seinem Album „Unplugged 2 – Von allem anders“, und der 69-Jährige hat sich die Donaumetropole als krönenden Abschluss dieser Konzertreise auserkoren. Denn er weiß: Hier wird er ohne Wenn und Aber auf Händen getragen. 

KONZERT HERBERT GRÖNEMEYER

Dass er wegen eines heftigen Luftzugs vorgestern in Dortmund anfangs etwas heiser wirkt: Egal! Dass der Sound nicht überall in der Halle optimal ist: Egal. Dass gleich das erste Lied, „Unfassbarer Grund“, mit einem an Kirchenmusik erinnernden Chor komplett anders klingt, als man Grönemeyer kennt: Ebenfalls egal.

Das Konzert hat ja trotzdem alle Zutaten, die man von den bisherigen Grönemeyer-Triumphzügen in dieser Halle kennt: Songs, die intelligent und berührend gleichzeitig sind - egal ob sie von Sozialkritik oder der Liebe inspiriert sind. Versierte Musiker, die sichtlich enormen Spaß an dem Auftritt haben. Und einen Grönemeyer in Hochform, der fit und unermüdlich drei Stunden von einem Winkel der Bühne zum anderen marschiert und einmal mehr auch mit seinen unprätentiösen, humorvollen Ansagen glänzt.

Im ersten Drittel klingen Songs wie "Doppelherz /  Iki Gönlüm" (mit einem Plädoyer dafür, Menschen mit Migrationshintergrund nicht das Leben zu vermiesen) oder „Bochum“ und „Flugzeuge im Bauch“ in den Unplugged-Versionen den gewohnten CD-Arrangements sehr ähnlich. Aber bald kommt Überraschenderes: „Der Weg“, ein Liebeslied für Grönemeyers verstorbene erste Frau, wird mit dem wieder auf die Bühne gekommenen Chor noch berührender. „Turmhoch“ bekommt wie einige andere Klassiker Latin-Flair, „Alkohol“ jazzige Bläsersoli und „Mensch“ klingt in dem reduzierten Lounge-Arrangement noch eindringlicher. 

Vor "Fall der Fälle" mit der Textzeile "keinen Millimeter nach rechts" wird Grönemeyer politisch sehr deutlich: Um die Demokratie zu verteidigen, sagt er, werde man durchhalten, bis die Menschen mit dem rechten Geschwafel verschwinden. Jeder solle aber bei sich anfangen, man könnte ja selbst anfällig dafür sein.

KONZERT HERBERT GRÖNEMEYER

Immer wieder bedankt sich Grönemeyer, findet schon jetzt nur mehr Worte wie „zauberhaft“ oder „unfassbar“ für die Euphorie, die ihm entgegenschlägt.

Fast sprachlos ist er nach „Zeit, dass sich was dreht“, das die 15.000 Besucher der Show in hemmungsloses Tanzen treibt. Sogar die Orchestermusiker lassen jetzt übermütig ihre Geigenbögen durch die Luft kreisen.

„Überschwang im Übermaß“ nennt Grönemeyer das, bevor er abgeht. Mehr als zwei Stunden war er jetzt schon auf der Bühne, aber es geht noch mehr. Drei Zugaben gibt er - mit einer furiosen Version von „Mambo“ und der wunderbaren Ballade „Halt mich“, mit einem mitreißenden Perkussion-Intermezzo und mit einer Anekdote von einem Ladenbesuch, bei dem ihm der Verkäufer bescheinigte „Sie sehen aus wie der Grönemeyer - nur besser“. Und natürlich mit „Ich hab dich lieb“. Dieses Lied spielt er nur in Österreich, weil ihm vor vielen Jahren hier in dieser Halle jemand diesen Wunsch zugerufen hat. Seither ist es zum Symbol der innigen Beziehung zwischen den Wienern und „Gröni“ geworden, das den Triumphzug jetzt auf die Spitze treibt.

KONZERT HERBERT GRÖNEMEYER

Danach sitzt Grönemeyer am Klavier und ist überwältigt: „Das Wort Danke drückt nicht aus, was mir das bedeutet . . . das kann man sich nicht vorstellen.“ Deshalb will er immer noch nicht gehen, legt noch „Tau“ drauf. Das hat er auf dieser Tour noch nie gespielt. Aber klar, einen einzigartigen Abend und eine einzigartige Tour muss man einzigartig beschließen.

Wenn Herbert Grönemeyer am 10. Juni 2027 wieder in die Wiener Stadthalle kommt, steht sein gewohnter Rock-Sound am Programm.

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