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Sport Wintersport Ski-WM 2019

Benjamin Raich: „Ich möchte das nicht mehr haben“

Der Doppelolympiasieger über Träume, die ihn verfolgen und Entwicklungen, die ihn stören.

von Christoph Geiler

02/13/2019, 06:00 AM

Lange Zeit wurde Benjamin Raich im Schlaf von seiner Vergangenheit eingeholt. Noch Jahre nach seinem Karriereende verfolgte ihn der Traum, dass er zu spät an den Start kommt. Verständlich, dass man den Pitztaler beim gemeinsamen Frühstück als erstes nach seinen Träumen fragen muss.

KURIER: Haben Sie letzte Nacht wieder den Start verpasst? Benjamin Raich: Diesen Traum hatte ich jetzt schon länger nicht mehr. Es wird weniger, aber es ist schon interessant, wie lange mich das begleitet hat. Der Traum war ja nicht das einzige.

Was hat Sie noch verfolgt?

Dass ich am Abend im Bett gelegen bin und ich mich plötzlich gefragt habe: „Hast du eh das Anti-Doping-Formular ausgefüllt?“

Die Angaben, damit Dopingkontrolleure immer wissen, wo die Sportler anzutreffen sind.

Genau. Daran kann man erkennen, wie sich das bei mir eingeprägt haben muss. Schon unglaublich, wie sehr das mein Leben eingeschränkt hat. Wenn du dauernd sagen musst, wo du gerade bist. Ich habe das immer als Stress empfunden. Aber ich verstehe auch, dass man das nur so lösen kann.

Wären Sie denn manchmal noch gerne Rennläufer? Wenn ich in Schladming beim Night Race bin und sehe, was dort los ist, welche Energie da von den Zuschauern rüber kommt – das finde ich schon cool. Weil ich das selbst auch erlebt habe. Mein Vorteil ist, dass ich mich in die Lage der Athleten hineinversetzen kann.

Was geht in einem Rennläufer denn vor dem Start vor?

Die Leute können die Anspannung ja förmlich sehen. Wenn es den Läufern oben am Start die Schweißperlen herausdrückt und sie bei minus 20 Grad einen hochroten Kopf kriegen. Das ist faszinierend, aber ich möchte das nicht mehr haben. Weil ich genau weiß, was das für eine Anstrengung bedeutet. Was das auch für eine Kopfarbeit ist und wie viel Energie das kostet. Ich bin froh, dass ich damals den richtigen Zeitpunkt für mein Karriereende gefunden habe.

Lindsey Vonn und Aksel Lund Svindal haben das auch, oder?

Stimmt, perfekter als die beiden kann man eigentlich nicht aufhören. Es ist auch kein Zufall, dass sie als Medaillengewinner abgetreten sind. Die Allerbesten schaffen das, am Tag X die Leistung abzurufen. Deswegen waren die zwei auch so erfolgreich.

Was verliert der Skisport mit Vonn und Svindal?

Natürlich haben die beiden den Sport geprägt, aber das Loch, das sie hinterlassen, wird wieder aufgefüllt werden. Dann richtet sich der Scheinwerfer eben auf jemand Neuen: Nach Stenmark hat man sich auch gefragt, wer da nachkommen soll. Dann ist der Tomba gekommen, dann der Maier, der Eberharter, der Raich, jetzt sind es eben Hirscher und natürlich Shiffrin. Die wird sowieso alles niederreißen.

Shiffrin hat in allen Disziplinen gewonnen, aber es scheint, die Allrounder sterben aus.

Schade, dass die Entwicklung in die Richtung gegangen ist, dass es nur mehr Spezialisten gibt. Dabei könnte man viel mehr Allrounder haben, man müsste es nur geschickter anstellen.

Was wäre ein Ansatz?

Man könnte wieder mehr Kombinationen in den Kalender nehmen. Das muss die FIS aber auch wollen und dann in den anderen Disziplinen das eine oder andere Rennen streichen. Ich behaupte: Wenn es im Winter fünf Kombis geben würde, dann spielt sie so eine wichtige Rolle, dass jeder, der den Gesamtweltcup gewinnen möchte, dort starten muss.

Themenwechsel: Wie sehr hat sich der Weltcup seit Ihrem Rücktritt 2015 verändert?

Im Grunde wenig, wobei mir eines schon auffällt: Ich habe das Gefühl, dass sich viele Sportler sehr viele Gedanken über ihren Auftritt machen. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, aber das war zu meiner Zeit noch nicht so ausgeprägt. Und für den Athleten ist das nicht ohne.

Wie meinen Sie das?

Ein Sportler soll sich in erster Linie auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist: das Training, die Vorbereitung und den Wettkampf. Es stört, wenn sich viele immerzu Gedanken machen, was sie als nächstes posten sollen. Und was sie dabei anhaben sollen.

Das sind die Folgen der sozialen Medien.

Das ist ja alles auch noch mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden. Eigentlich braucht es das nicht. Du musst einfach schnell Skifahren. Manche sagen, das allein würde heute nicht mehr reichen. Ich glaube das nicht. Als Sportler musst du fokussiert bleiben, und das bleibst du sicher nicht, wenn du ständig das Handy in Griffweite hast. Ich hatte das Telefon nie dabei, auch nicht im Training.

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Haben Sie heute generell einen anderen Blick auf den Sport?

Ich denke schon, dass ein ehemaliger Spitzensportler den Sport etwas anders betrachtet. Du hast durch deine Karriere andere Einblicke und kannst dich auch in die Athleten reinversetzen.

Was fasziniert Sie?

Die Leistung steht bei mir natürlich an erster Stelle. Aber ich verfolge auch genau, wie die Athleten ihre Saison planen, wie macht das zum Beispiel Dominic Thiem? Mich interessiert auch, wie sich ein Sportler gibt, wenn er Erfolg hat. Fast noch interessanter ist: Wie verhält er sich im Misserfolg? Gerade nach Niederlagen kann man oft erkennen, wie ein Sportler wirklich tickt.

Lassen Sie uns über Marcel Hirscher sprechen. Was macht er besser als seine Konkurrenten?

Ich würde nicht behaupten, dass er alles besser macht. Er bringt halt die gesamte Palette mit: Gewaltiges Talent, eine extreme Konsequenz im Training, zugleich ist er auch sehr geschickt.

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Inwiefern geschickt?

Er weiß genau, was und wie viel er trainieren muss. Er übertreibt es nicht. Und er ist nicht zu gierig.

Sie sprechen wohl sein Fehlen in der Kombination an.

Klar denkt man sich, dass er als Olympiasieger in der Kombination eigentlich hätte mitfahren müssen. Aber er hat für sich entschieden, dass er Ruhe braucht und im Slalom und im Riesentorlauf gut performen will.

Viele sagen, es wäre der beste Hirscher aller Zeiten.

Ich habe das Gefühl, dass er im letzten Winter fast befreiter gefahren ist. Freier von der Leber weg. Das war heuer sein Problem, dass er in ersten Durchgängen oft zurückhaltender gefahren ist. Man hat zwar immer vom falschen Set-up geredet, aber ich glaube, das war eher Kopfsache. Ich finde es aber beeindruckend, was er heuer oft im zweiten Lauf gezeigt hat. Wie er da aus sich herausgegangen ist und sich gesteigert hat, das ist gewaltig.

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