Sport Wintersport
03/19/2019

Aufhören oder Weiterfahren? Hirscher braucht Bedenkzeit

Wie im Vorjahr will sich der ÖSV-Superstar bei der Entscheidung über seine Zukunft Zeit lassen.

Wie im Vorjahr hat Marcel Hirscher auch nach dem Ende dieser alpinen Ski-Saison zu einem "letzten" Medientermin geladen, ehe er sich für Monate aus der Öffentlichkeit zurückzog. Heute war es wieder soweit. Die ganze Nation zitterte angesichts dessen, was der größte österreichische Sportler bei diesem Anlass sagen könnte. Der Ausgang der Pressekonferenz war aber dann derselbe wie 2018. 

"Ich muss euch enttäuschen, aber diese Frage kann ich heute nicht beantworten", sagte Hirscher gleich zu Beginn des Frage-Antwort-Spielchens zwischen ihm und den zahlreich versammelten Medienleuten. Die erste Frage handelte selbstverständlich davon, ob er nun weitermacht oder doch, wie viele im Vorfeld der Pressekonferenz befürchtet hatten, aufhört. Der 30-jährige Salzburger will sich also die Entscheidung in Ruhe überlegen.

Keine Tendenz

"Ich kann nicht sagen, es ist A oder B. Ich möchte mir nicht allzu viel Zeit geben, aber mehr als 48 Stunden wären toll", sagte Hirscher, der sich nach der vergangenen Saison als "sehr müde" empfindet. "Dementsprechend möchte ich wirklich schauen, wie die Regeneration fortschreitet. Ich bin jetzt zehn Jahre im Weltcup-Zirkus dabei und dass man da früher oder später Federn lässt, ist ganz klar. Ich möchte schauen, wie ich in den Sommer hineinkommen, und ob es körperlich und mental noch einmal möglich ist, so eine Saison durchzuziehen."

 

Gefühlsmensch

Die Frage nach dem Aufhören, wenn es am schönsten ist, habe er sich schon oft stellen dürfen: "Glücklicherweise bin ich diesem Leitfaden nie nachgegangen, sonst hätte ich 2012 in Schladming aufgehört." Er holte damals seinen ersten Gesamtweltcup, mittlerweile kamen sieben weitere in Folge dazu, sowie je sechs kleine Kristallkugeln in Slalom und Riesentorlauf, er hält bei 67 Weltcupsiegen.

Er sei ein Gefühlsmensch, diese "Lebensentscheidung" werde er auf sich zukommen lassen und gemeinsam mit der Familie treffen. Hirscher ist seit vergangenem Jahr verheiratet und Vater eines Sohnes. Er werde viele Gespräche führen, es werde eine Bauchentscheidung werden, er werde aber keine Plus-Minus-Statistik aufstellen.
 

"So schlecht war ich noch nie"

Die Rennen in Andorra seien auch eine Gelegenheit gewesen, zu sehen, dass "es ist nicht selbstverständlich sei, dass in jedem Rennen abgeliefert werden kann", es sei verrückt, wie schnell es sich drehen könne und man im Slalom letzte Laufzeit habe (gesamt Slalom-14.).

"Eine ganz neue Seite, die ich bis jetzt noch nicht kenne. So schlecht war ich noch nie. Das ist erstaunlich und schon fast erschreckend. Die wirkliche Erklärung habe ich nicht, aber das sollte meine Entscheidung für die Zukunft nicht maßgeblich beeinflussen", sagte Hirscher. So wie er früher lernen musste, sich mit dem Sieg auseinanderzusetzen, müsse er sich jetzt der Enttäuschung und Niederlage genauso stellen.

Sollten die Grundparameter stimmen und er sich mental und körperlich in der Lage sehen, weiterzumachen, dann würde viel Arbeit auf ihn warten. "Das ist auf der anderen Seite aber auch wieder eine große Motivation. Es war in den letzten Jahren schon sehr oft der Fall, dass ich hinterher gefahren bin, vielleicht nicht so dramatisch wie jetzt, aber das war immer Anstoß, selbst wieder einen Schritt nach vorne zu machen. Man sieht es oft während der Saison. Diejenigen, die den Takt vorgeben, da muss man fast dankbar sein, die bringen alle miteinander das Skifahren wieder auf ein neues Level."

Fanatismus

Sein Team würde sich nie zufriedengeben, man wollte jeden Tag das Maximum rausholen, aber auch bei einem gewonnenen Rennen heiße es nicht, dass alles perfekt gewesen sei. "Wir sind nie müde geworden, uns weiterzuentwickeln. Es ist wie eine Selbsthilfegruppe, wir schauen sehr gut aufeinander. Alle Personen geben wahnsinnig Gas. Du musst ein bisschen einen Fanatismus haben und das auch wollen", sagte der Slalom-Weltmeister und Riesentorlauf-Vizeweltmeister von Aare.

Hirscher kritisiert öfter den großen Reisestress und die dichte Rennansetzung, wie die anderen Athleten fügt er sich dem aber auch. "Wenn du um eine Kugel mitfahren willst, lässt du kein Rennen aus." Änderungen sind trotzdem erwünscht, der TV-Zuseher müsse nicht jeden Tag Rennen im Fernseher haben.

Zur von den Speedfahrern kritisierten Unausgewogenheit von Technik- und Speedrennen meinte Hirscher: "Es kann schon sein, dass das eine oder ander Speed-Wochenende mehr nicht schaden kann, um mehr Gleichheit zu schaffen. Aber ich muss auch hin und wieder einen Super-G fahren und einen Parallel-Event, mir taugt das auch nicht." Wollen Speedfahrer um die Kugel mitfahren, müssen sie dazu auch bereit sein.

Marcel Hirschers Karriere:

Marcel Hirscher wurde am 2. März 1989 in Hallein geboren, als erstes Kind von Ferdinand und Sylvia Hirscher.

Von Kindesbeinen an wird Marcel von seinem Vater Ferdinand (re.), einem staatlich geprüften Ski- und Snowboardlehrer, betreut. Im Trainer-Team seines Sohnes gilt er als eine Art "Supervisor", der auch bei Video-Analysen dabei ist. Der um sieben Jahre jüngere Bruder Leon (Mi.) wollte in die Fußstapfen seines Bruders treten, eine schwere Hüftkrankheit bremste ihn aus. 

Stets an seiner Seite: Mit Laura Moisl war Marcel zehn Jahre liiert, bis sich das Paar im vergangenen Sommer endlich dazu entschloss, eine Ehe zu schließen.

Im Oktober bekamen sie einen Sohn. Seitdem habe der Ski-Star andere Prioritäten, sagte er kurz nach der Geburt.

Bereits in der Jugend ließ der 173 cm große Fahrer sein Talent aufblitzen. Als 14-Jähriger wurde er dreifacher österreichischer Schülermeister, als 15-Jähriger kam er nach Erreichen des Alterslimits bei FIS-Rennen zum Einsatz. Bei der Junioren-WM 2007 gewann er die Goldmedaille im Riesenslalom und die Silbermedaille im Slalom.

Sein Weltcup-Debüt feierte der in Annaberg/Salzburg lebende Ausnahmeathlet am 17. März 2007.

In Lenzerheide kam er damals - zum Start war er als Juniorenweltmeister berechtigt - als Drittletzter auf Rang 24 mit einem Rückstand von 3,17 Sekunden auf Sieger Aksel Lund Svindal.

Seinen Durchbruch im Weltcup erlebte Marcel Hirscher im olympischen Winter 2009/2010. In Val d'Isère carvte er in seiner Paradedisziplin Riesenslalom zu seinem ersten Weltcup-Sieg.

Am 12. Dezember 2010 feierte Hirscher, wieder in Val-d’Isère, seinen ersten Slalom-Sieg im Weltcup.

Im Jänner 2012 gelang ihm beim Schladminger Nachtslalom der erste Sieg auf österreichischem Boden. 

Und der Höhenflug hielt an. 

Es folgten 8 Gesamtsiege (2011/12, 2012/13, 2013/14, 2014/15, 2015/16, 2016/17, 2017/18, 2018/19), die letzte große Kugel...

... erhielt er beim Saison-Finale am 17. März in Soldeu (Andorra). 

Hirscher ist zudem sechsmaliger Riesentorlauf-Weltcupsieger (2011/'12, 2014/'15, 2015/'16, 2016/'17, 2017/'18, 2018/'19) und hat ebenso...

... viele Slalom-Weltcupsiege (2012/'13, 2013/'14, 2014/'15, 2016/'17, 2017/'18, 2018/'19) bislang verbuchen können.

Der Salzburger triumphierte im vergangenen Dezember in Alta Badia erstmals auch im Parallel-Riesentorlauf und egalisierte mit dem 62. Weltcupsieg die ÖSV-Bestmarke der österreichischen Jahrhundert-Sportlerin Annemarie Moser-Pröll. Inzwischen hält er bei 67.

Nach dem Sieg in Saalbach ist er die alleinige Nummer eins. 

Auch bei den Weltmeisterschaften hagelt es Medaillen für Hirscher. 2013 gewann er in Schladming bei seinem ersten Antreten, dem Mannschaftsbewerb, die Goldmedaille mit dem österreichischen Team. Im Riesenslalom gewann er seine erste WM-Einzelmedaille, eine silberne.

Nach der WM in Åre hält er bei 13 Medaillen. Dank Gold im Slalom am letzten WM-Tag übertraf der 29-Jährige mit nun sieben Gold- und vier Silbermedaillen Landsmann Toni Sailer (7/1/0) in der Allzeit-WM-Bestenliste der Herren.

Bei Olympia sammelte er drei Medaillen: Gold im Riesenslalom und Kombination (Pyeongchang) sowie Silber im Slalom von Sotschi.