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04.04.2018

Analyse: Sechs Gründe für den Absturz der Vienna Capitals

Ursachenforschung: Weshalb der Eishockey-Meister bereits im Semifinale an Bozen gescheitert ist.

Die hohe Messlatte: Punkterekord im Grunddurchgang, der Rekord von zwölf Siegen in Folge im Play-off und der erste Titel seit zwölf Jahren – die Saison 2016/’17, die erste unter Serge Aubin, hätte nicht besser laufen können. Keiner hätte es dem Meistertrainer übel nehmen dürfen, hätte er das erste Angebot aus der Schweiz angenommen, wo er ein Vielfaches verdienen hätte können. Doch Aubin informierte nicht einmal den Klub, dass heftig um ihn geworben wurde und erfüllte seinen Vertrag. Im Nachhinein konnte er nur verlieren. Jede Niederlage war plötzlich ein Zeichen verlorener Stärke. Doch die Ergebnisse dieser Saison bildeten nur das Leistungsvermögen ab.

Die fehlende Präzision: Zu Saisonbeginn, als die Wiener wegen der wenigen Transfers das einzig eingespielte Team waren, passte das Timing in den Angriffen. Lauf- und Passwege schienen die Spieler im Schlaf zu kennen. Pucks abfälschen, dreckige Tore und wunderbare Kombinationen – die Gegner wurden zu Statisten. Mit zwölf Siegen starteten die Wiener, doch mit vier Niederlagen in Folge hörten sie auf. Präzision und Timing im Angriff gingen im Laufe der Saison verloren. Die Gegner stellten sich besser auf die Wiener ein.

Die Fitness: Der Grund, warum die Wiener ihr extrem druckvolles Spiel nicht mehr so aufziehen konnten, lag auch an den Verletzungen. Am Ende waren mit Riley Holzapfel der beste Spieler der Saison 2016/’17 und mit Rafael Rotter der beste der aktuellen Saison nicht dabei. Und andere wie Taylor Vause plagten sich schon im Viertelfinale mit Schmerzen über das Eis und konnten so ihre wahre Stärke auch nicht ausspielen. Dass Rotter von Bozen-Raubein Mike Halmo mit einem Stockstich ungeahndet verletzt wurde, sagt viel über die Leistung der Referees und des Strafsenates in der Liga aus.

Die Personalentscheidung: Im Nachhinein ist man immer klüger. Doch der Tausch Brandon Buck für MacGregor Sharp war ein Fehler. Buck verwechselte die Capitals mit einem Eiskunstlaufverein. Der Wille eines Sharp, der dem Puck erst dann nicht mehr hinterher kämpft, wenn dieser im Tor liegt, fehlte den Wienern im Play-off. Außerdem war er in Aubins Spielsystem (mit früh attackierenden Verteidigern), das intelligente und nach hinten arbeitende Spielmacher benötigt, ein wichtiger Faktor.

Der Gegner: Bei allen Gründen auf Wiener Seite muss auch anerkannt werden, dass Bozen alles richtig gemacht hat. Das Team spielte vor der Ankunft von Trainer Kai Suikkanen im November offensiver und war Letzter. Mit dem Finnen spielt es defensiv und kämpft jetzt um den EBEL-Titel. Die Bozener spielen taktisch diszipliniert und können sich zu 100 Prozent auf Torhüter Pekka Tuokkola verlassen, der das Duell mit Wiens Star-Keeper Jean-Philippe Lamoureux klar gewonnen hat und in den fünf Spielen gegen den Meister keinen Fehler gemacht hat.

Glück und Pech: Es ist unbestritten, dass in einem Sport, in dem es drei, vier Stangenschüsse pro Partie gibt und von 30-50 Torschüssen oft nur zwei, drei ins Tor gehen, der Faktor Glück mitspielt. In der entscheidenden Phase hatten die Capitals ihr Glück verbraucht. Vielleicht schon im Vorjahr bei zwölf Play-off-Siegen in Folge. Dass Bozen immer zu einem günstigen Zeitpunkt scheinbar leichte Tore erzielte, ließ die Wiener immer mehr verzweifeln.