USA, Trump, WM, Olympia: "Boykott ist nicht das probate Mittel"
Die Politik und Grenzüberschreitungen von Donald Trump führen zu neuen Diskussionen über Sport-Großereignisse. Soll man die WM in Nordamerika boykottieren? Soll man US-Sportler von Olympia ausschließen? Können Sportevents für Frieden sorgen? Der KURIER fragte bei Jürgen Mittag von der Deutschen Sporthochschule Köln nach, der sich mit Sportpolitik und Protest bei Großveranstaltungen auseinandersetzt.
Fußball-WM bzw. Olympische Spiele in Russland, China, Katar. Danach gab es großes Aufatmen, als Olympia nach Paris, Cortina, L. A. vergeben wurde und die WM nach Nordamerika. Und jetzt diskutieren wir wieder über Demokratie, Krieg und Grenzüberschreitungen. Ist es egal, wo gespielt wird?
Nein, ist es nicht. Aber Ihre Beobachtung ist zutreffend. Nordamerika war in der Tat eine Gegenstrategie, um Druck aus dem Kessel zu nehmen und etwas weniger politisierte Spiele zu haben. Dass man jetzt die WM wieder kritisch hinterfragt, hängt mit der Position von Donald Trump und dem von ihm eingeführten Politikstil zusammen. Aber Sportgroßereignisse mittlerweile grundsätzlich üben eine so starke Mobilisierung aus, dass sie per se immer wieder zum Diskussionsgegenstand werden.
Nun kommt bei der Fußball-WM die Debatte auf, ob europäische Verbände das Turnier boykottieren sollen. Was halten Sie von Boykottaufrufen, ist das überhaupt möglich?
Die Debatte um den Boykott von Sport-Großereignissen gibt es schon sehr lange. Höhepunkt waren die Jahre 1976 und dann Moskau 80, L.A. 84, wo es aus unterschiedlichen politischen Gründen zu Boykott-Maßnahmen gekommen ist. Fazit war, dass das nicht unbedingt das probate Mittel ist, um auf Fehlentwicklungen in der Politik zu reagieren. Außerdem wird dabei Athleten die Gelegenheit genommen, das herausragende Ereignis in ihrer Karriere wahrzunehmen.
Was sind probatere Mittel?
Was sich seitdem durchgesetzt hat, begann mit den Europameisterschaften im Fußball 2012 in Polen und der Ukraine. Damals war Julia Tymoschenko als Oppositionsführerin unter fragwürdigen Bedingungen inhaftiert. Man hat damals keinen Sportboykott durchgeführt, sondern einen diplomatischen bzw. politischen, bei dem die europäischen Staats- und Regierungschefs und die EU-Kommission auf den Besuch der Ukraine verzichtet haben. Diese Politik ist in den vergangenen Jahren immer wieder angewendet worden, zuletzt auch 2022 bei den Winterspielen in Peking. Das ist auch das, was gegenwärtig eher diskutiert werden wird.
Sie glauben also nicht, dass es zu einem Sportboykott der WM kommt?
Ich rechne nicht damit. Auch wenn die Diskussion bis zum Turnier immer wieder aufkommen wird, aber dazu müssten schon sehr dramatische, geradezu eskalierende Dinge passieren. Wenn es zu einer Maßnahme kommt, dann eher zum sogenannten diplomatischen Boykott.
Denken Sie umgekehrt, dass Sportgroßereignisse die Chance eröffnen, um diplomatisch etwas zu erreichen?
Ja, das ist in jüngster Zeit auch verstärkt unter dem Begriff der Sportdiplomatie berücksichtigt worden, sowohl von öffentlicher, medialer, politischer Seite als auch von wissenschaftlicher Seite. Auch das ist kein neues Phänomen. Was relativ Neues ist der sehr gezielte strategische Einsatz – am deutlichsten bei Katar als WM-Ausrichter, im Positiven wie im Negativen. Katar hat trotz mancher Kritik viele strategische Ziele erreicht. Das Land hat sich international stark bekannt gemacht, aber auch politisch vernetzt, politische Kooperationen sowohl mit Nachbarstaaten als auch mit anderen Ländern hergestellt, die so vorher gar nicht absehbar waren und die die unmittelbare Nachbarschaftspolitik in Katar verbessert hat.
Da sprechen wir von staatlichen Eigeninteressen. Ist es zu naiv, zu glauben, dass ein Sportereignis dazu führen könnte, dass sich die Weltlage beruhigt?
Hat es auch immer wieder gegeben, aber man darf die Erwartungen nicht zu hoch hängen. Zwei Beispiele: Als es nach der WM 2002 in Haiti zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen kam, reiste das brasilianische Weltmeisterteam für ein Freundschaftsspiel nach Haiti, was zur Folge hatte, dass es zu einer gewissen Beruhigung kam, Waffen abgegeben wurden. Ein anderes Beispiel wäre das gemeinsame nord- und südkoreanische Olympia-Eishockeyteam der Frauen in Pyeongchang 2018. Aber auch das war nur begrenzt nachhaltig, 2022 hat man das in Peking dann schon nicht mehr getan und mittlerweile herrscht eher wieder Eiszeit zwischen Nord- und Südkorea. Aber wenn man die Erwartungen nicht zu hoch hängt, kann der Sport durchaus friedensstiftende Schritte in die Wege leiten.
Jürgen Mittag ist Professor für Sportpolitik an der Deutschen Sporthochschule Köln
Ist Sport eigentlich privat oder Zivilgesellschaft oder Politik – oder einfach nur beinhartes Business?
Alles davon. Der Sport ist privatrechtlich organisiert, aber staatliche und ökonomische oder kommerzielle Akteure intervenieren oder spielen zu einem erheblichen Teil mit. Die vermeintlich gemeinnützigen internationalen Verbände bedienen sich dieser Kommerzialisierung, die FIFA zuallererst. Aber auch von außen kommende Sponsoren oder andere Akteure haben natürlich großes Interesse.
Nutzt der Sport seine friedensstiftende „Macht“ zu wenig?
Es ist ein Auf und Ab. In einer immer komplexeren Welt wird es auch schwieriger für Initiativen über den Sport. Es gibt sie weiterhin, auch wenn sie zuletzt nur begrenzt sichtbar waren.
Müsste Skistar Mikaela Shiffrin bei den Olympischen Spielen in Cortina unter neutraler Flagge starten?
Zu den Olympischen Spielen: Trump hat sich einige Grenzüberschreitungen geleistet. Bei anderen Ländern hätten wir vielleicht schon darüber diskutiert, ob Athletinnen unter neutraler Flagge starten müssten. Könnte man sich das vorstellen – eine Lindsey Vonn oder Mikaela Shiffrin unter neutraler Flagge?
Diese Debatte wird in der Form über die USA bei den Winterspielen nicht geführt werden. Allein schon aufgrund der Bedeutsamkeit der USA – ein Totalausschluss nicht und wohl auch der Start unter neutraler Flagge nicht. Gerade das Beispiel Russland hat gezeigt, wie viel Hin und Her es gibt, wie viele unterschiedliche Positionen die einzelnen Fachverbände, die einzelnen Länder haben. Deshalb halte ich das für nicht wahrscheinlich, selbst wenn sich die Dinge in Sachen Grönland noch einmal verschärfen würden, wonach es nicht aussieht.
Gibt es eine rote Linie für den Ausschluss?
Der Maßstab für Olympische Spiele ist die IOC-Charta. Da werden bestimmte Werte hochgehoben. Aber die Schwierigkeit ist, das zu bemessen.
Und wo sollte die rote Linie liegen, Ihrer Meinung nach?
Die Frage von Krieg und Frieden hat – wie im Völkerrecht – einen grundsätzlichen, universellen Charakter. Sie wird auch vom IOC herangezogen. Aber die rote Linie ist nicht einfach zu ziehen. Man muss differenzieren zwischen Staat, Verband, Mannschaften, Individualsportlern. Da gibt es viel Wenn und Aber.
Unruhen und Proteste innerhalb der USA, Grenzüberschreitungen in Richtung Venezuela, Besitzansprüche in Grönland: Wo ist die rote Linie?
Politische Diskussionen finden ja erfahrungsgemäß meistens im Vorfeld statt ...
Das ebbt schlagartig mit der Eröffnung ab, dann rückt das Sportereignis in den Vordergrund. Da muss man auch die Medien als Hauptakteur in die Verantwortung nehmen. Klar, sie verfolgen eigene Interessen, die man allerdings auch kritisch hinterfragen sollte – sowohl die Skandalisierung um der Skandalisierung Willen, als auch fehlendes Interesse im Nachgang von Turnieren.
Welche Folgen hat die Politisierung von Sportereignissen für Sport und Athletinnen?
Einerseits sind Athleten verstärkt als mündige Staatsbürger gefordert. „Ich hab’ dazu keine Meinung“ funktioniert da nicht mehr. Andererseits wird debattiert, ob man Sport und Politik mehr trennen sollte. Der Sport wird – vor allem im Vorfeld – oft zur Randerscheinung. Verbände überlegen, wie man bei Großereignissen politisch defensiver auftritt, um das sportliche Hauptereignis nicht zum Nebenereignis werden zu lassen.
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