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Sport
10/23/2019

Auf fetter Sohle: Wie Nike Lauf-Asse wie Eliud Kipchoge beschleunigt

Der Fabel-Marathon des Kenianers in Wien hat in der internationalen Laufszene heiße Debatten ausgelöst.

Als sich Eliud Kipchoge am Morgen seines historischen Laufs in Wien der Öffentlichkeit zeigte, rieben sich viele Zuschauer verwundert die Augen: Mit diesen klobigen Schuhen will der feingliedrige Mann aus Kenia als erster Mensch den Marathon unter zwei Stunden rennen? Nach seinen 1:59:40 Minuten jubilierte auch sein Ausrüster. Denn das technische Wettrüsten im Sport hat mittlerweile selbst das Laufen erreicht. Auch beim Ironman auf Hawaii errangen Anne Haug und Jan Frodeno in neuartigen Modellen den Sieg.

In diesem Jahr purzelten die Bestzeiten im Marathon so oft wie selten zuvor: Kipchoge lief unter Laborbedingungen die 42,195 Kilometer in weniger als zwei Stunden. Seine kenianische Teamkollegin Brigid Kosgei unterbot den Weltrekord der Frauen um satte 81 Sekunden. Auffällig: Beide liefen in Nike-Schuhen mit integrierten Carbonplatten in der dicken Sohle. Triathlon-Weltmeister Frodeno trug im abschließenden Marathon beim Ironman zwar Asics-Exemplare - aber einen Prototypen vermutlich ähnlicher Bauweise.

Verkaufshit

Beim Frankfurt-Marathon am Sonntag werden wieder viele Läufer mit den grünen oder pinken Nike-Schuhen unterwegs sein. In den wenigen Sport-Geschäften, in denen die sogenannten Vaporflys außerhalb von Nikes eigenen Vertriebswegen verkauft werden, sollen die Schuhe seit Wochen vergriffen sein.

„Mit dem Schuh läuft man einfach schneller. Der Puls ist bei gleichem Tempo niedriger“, erklärt der deutsche Marathonläufer Simon Stützel. Studien dokumentieren deutlich schnellere Zeiten bei gleichem Kraftaufwand. „In der Laufszene wird inzwischen bei den Marathon-Zeiten immer gefragt: Mit Vaporfly - oder ohne?“, sagt Stützel.

Schwindel

Die Spezialschuhe haben eine kontroverse Debatte ausgelöst. Viele Spitzenläufer beklagen, sie könnten die Exemplare aufgrund von Sponsorenverträgen mit anderen Ausrüstern nicht tragen. Ein Wettbewerbsnachteil? „Es ist immerhin die freie Entscheidung des Athleten, sich vertraglich zu binden. Das Risiko des Sportlers, technische Neuerungen zu verpassen, schwingt da mit“, widerspricht Martin Nolte, Leiter des Instituts für Sportrecht an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Brechen Weltklasse-Läufer die Ausrüster-Vereinbarungen, drohen Vertragsstrafen bis zu 20.000 Euro.

Manche tricksen einfach: Der Äthiopier Herpassa Negasa lief mit den Nike-Schuhen Anfang des Jahres den Marathon in Dubai - er übermalte sie im Design seines Sponsors Adidas. Nachdem er seine Bestzeit um beinahe sechs Minuten unterboten hatte, flog der Schwindel auf und es gab mächtig Ärger. Immerhin sicherte er sich mit dem zweiten Platz ein Preisgeld von 40.000 Dollar (rund 36.000 Euro).

Debatte

Einige Athleten haben sich nach Angaben des britischen Blattes The Guardian mit der Ansinnen an den Leichtathletik-Weltverband IAAF gewandt, den Schuh zu verbieten. Das Wetteifern um die Bestzeiten solle nicht in ein Wettrüsten der Ausstatter münden. Die IAAF berät sich bereits mit Wissenschaftlern. Die Debatte erinnert auch an jene im Schwimmen: Die High-Tech-Ganzkörperanzüge wurden 2010 verboten.

Einige Ausrüster haben reagiert. Sie versuchen, eigene Prototypen auf dem Markt durchzusetzen - wie Asics mit dem Modell von Frodeno. Die französische Laufschuhfirma Hoka One One verkauft bereits einen neu entwickelten Schuh mit integrierter Carbonplatte.

Kipchoges Traumlauf in Wien in Bildern: 

Der historische Lauf des 34-Jährigen begann um 8:15 Uhr bei perfekten Wetterbedingungen bei einer Temperatur von 9 Grad Celsius, trockenen, leicht ...

... nebeligen Bedingungen und praktisch ohne Wind auf der Wiener Reichsbrücke.

„Ich war vom ersten Kilometer an zuversichtlich, obwohl ich vorher natürlich schon den enormen Druck gespürt hatte“, erzählte Eliud Kipchoge.

„Ich war ruhig am Anfang des Rennens und bin einfach mein Tempo gelaufen beziehungsweise den Tempomachern gefolgt.“

Nach einer Startpassage von der Donau bis zum Riesenrad wurde auf der Prater Hauptallee gelaufen.

Die historische, von Bäumen gesäumte Allee im großen Parkareal des Wiener Praters war für die INEOS 1:59 Challenge aufgrund der langen, flachen Geraden und der windgeschützten Lage ausgesucht worden.

Kipchoge lief auf einer Pendelstrecke achtmal in voller Länge über die Hauptallee und umrundete an den Enden jeweils das Lusthaus und den Praterstern.

Obwohl die genaue Startzeit des Rennens nicht einmal 17 Stunden vor Beginn des Rennens festgelegt wurde, gelang es dem lokalen Veranstalter-Team des Vienna City Marathons nach Schätzungen der Polizei rund 120.000 Zuschauer an die Strecke zu bringen.

Sie feuerten Eliud Kipchoge und sein Team mit 36 Tempomachern - darunter einige der besten Mittel- und Langstreckenläufer der Welt - an und wurden Zeuge eines historischen Rennens.

Die letzten zehn Kilometer waren dann entscheidend. Ein Polster von rund zehn Sekunden hatte Eliud Kipchoge bezogen auf die Zielzeit von 1:59:59 Stunden. Eine Schwächeperiode durfte er sich in dieser Phase nicht leisten.

Nachdem das Führungsfahrzeug wie geplant bei Kilometer 41 zur Seite gefahren war, folgte Kipchoge zunächst noch seinen Tempomachern. Mit dem Ziel vor Augen setzte er sich dann rund 500 Meter vor dem Zieltor an die Spitze und stürmte die letzten 1.000 Meter sogar in 2:42 Minuten durch den Prater.

Unter dem Jubel der Zuschauer erreichte Eliud Kipchoge nach 1:59:40.2 Stunden das Ziel und schrieb damit ein Kapitel Sportgeschichte: Als Erster unterbot er die Zwei-Stunden-Barriere im Marathon.

Kipchoge steht damit in einer Reihe mit Athleten wie Roger Bannister oder Usain Bolt, die ebenfalls Außergewöhnliches erreichten. Der Brite war 1954 als Erster die Meile unter vier Minuten gelaufen, der Jamaikaner hält seit 2009 den 100-m-Weltrekord mit 9,58 Sekunden.

"Das Finish war der beste Moment meines Lebens", jubelte Kipchoge.

Die Anspannung sei in den Tagen vor dem Bewerb größer geworden. "Als mich der Präsident Kenias und andere wichtige Personen angerufen haben, stieg der Druck", gab der Lauf-Star aus dem Hochland Kenias zu.

"Die Erfahrung war wichtig. Ich habe meinen Traum realisiert", freute sich der dreifache Familienvater, der mit kenianischer Fahne eine Ehrenrunde drehte und mit den zahlreichen Zuschauern abklatschte.

"Es war in meinem Herzen und in meinem Geist, dass ich einen Marathon unter zwei Stunden laufen kann und zu zeigen, dass kein Mensch limitiert ist."

Luftkapseln und Carbonplatten

Olympiasieger Kipchoge trug bei seinem Lauf in Wien, der auch wegen der grundsätzlich von der IAAF nicht zugelassenen Prototypen als Weltrekord nicht anerkannt wurde, sogar eine Weiterentwicklung des Vaporfly. Im vorderen Teil sind zwei Luftkapseln integriert, die den Läufer bei jedem seiner Schritte nach vorne katapultieren sollen. Carbonplatten in der Sohle sorgen für eine gleichmäßige Belastung des Fußes. „Die Platten geben dem Läufer das Gefühl, dass er die ganze Zeit bergab läuft“, sagte Sebastian Weiß, Lauf-Bundestrainer beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), in einem Sport1-Interview.

„Die Luftkissen im Zusammenspiel mit dem Carbonplatten stellen ein federndes Element dar“, sagt Uwe Kersting, Sportwissenschaftler vom Institut für Biomechanik und Orthopädie an der Sporthochschule Köln, der Deutschen Presse-Agentur. „Man kann damit die Laufökonomie gering verbessern.“ Er bezweifle jedoch, dass die Schuhe nach IAAF-Statuten dem Läufer einen unfairen Vorteil böten. „Sie sind ein passives Element und kein Hilfsmotor.“