Mit Spaß und frischer Luft: Wie Norwegen die Sportwelt erobert
Bodö/Glimt jubelt in Mailand
„Mamma mia! Jetzt haben Italiener Albträume von Norwegen“, jubelte die Zeitung Aftenposten nach dem sensationellen Einzug ins Achtelfinale der Champions League von Bodö/Glimt gegen Inter Mailand. Aber nicht nur Italien hat schlechte Träume, mittlerweile ist es die ganze Sportwelt, die vor den Wikingern aus dem hohen Norden zittern muss. Mit Alexander Sörloth war es auch ein Norweger, der Atletico Madrid gegen Brügge mit drei Treffern ins Achtelfinale schoss.
Dass Norwegen im Wintersport eine Macht ist, ist nichts Neues. Seit Jahrzehnten ist das 5,6-Millionen-Einwohner-Land bei Olympischen Winterspielen im Medaillenspiegel ganz weit oben zu finden. Bei den gerade zu Ende gegangenen Spielen in Mailand/Cortina gab es einen Gold-Rekord (18) und insgesamt 41 Medaillen. Kaum zu glauben, aber wahr: Norwegen war nicht immer top. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary gab es nur fünf Medaillen (drei Mal Silber, zwei Mal Bronze).
Der Wendepunkt
Ein Tiefpunkt im norwegischen Sport, der ein Umdenken zur Folge hatte. Das Sportkonzept im Land wurde komplett umgestellt, die Vereine wurden fortan viel stärker gefördert – und es wurde das Elitesportzentrum Olympiatoppen in Oslo gegründet. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten – und das nicht nur im Winter. Auch die Sommersportler profitierten enorm.
Ein paar Beispiele: Mit Erling Haaland stellt Norwegen aktuell einen der besten Fußballer der Gegenwart. In der Leichtathletik gehören Weltrekordhalter Karsten Warholm (400 m Hürden) und Olympiasieger Jakob Ingebrigtsen (5.000 m) zur absoluten Weltspitze. Im Beachvolleyball führt das Duo Anders Mol/Christian Sorum die Weltrangliste an, hat auch schon Olympia- und WM-Gold um den Hals. Magnus Carlsen gehört noch immer zu den besten Schachspielern. Viktor Hovland ist einer der besten Golfer Europas.
Starke Frauen
Norwegen hat aber nicht nur starke Männer. Die Handballerinnen etwa sind aktuelle Olympiasiegerinnen. Solfrid Koanda holte 2024 in Paris Olympia-Gold im Gewichtheben. Im ewigen Medaillenspiegel der Olympischen Spiele (Sommer und Winter) liegt Norwegen mit 229 Goldenen und insgesamt 615 Medaillen auf Rang acht. Besser schnitten nur Großmächte wie die USA, China, Deutschland oder Großbritannien ab.
Solfrid Koanda
Warum ist Norwegen so stark? Ein paar Punkte, die eine Rolle spielen:
- Ausbildungszentrum: Nach der Enttäuschung von Calgary 1988 mit dem Olympiatoppen ein Ausbildungszentrum in Oslo errichtet. Mittlerweile gibt es auch mehrere Außenstellen über das Land verteilt. Hier trainieren Athleten aller Sportarten nebeneinander. Die Infrastruktur ist top, der Informationsaustausch ist tadellos. Neid gibt es hier nicht, Zusammenarbeit wird groß geschrieben. Für den ehemaligen Skisprungcoach Alexander Stöckl ist der wichtigste Raum im Olypiatoppen die Kantine, wo sich Wissenschaftler, Sportler und Trainer austauschen.
- Kultur: „Friluftsliv“ (wörtlich übersetzt: Freiluftleben) bedeutet nichts anderes, als dass Norweger gerne an der frischen Luft sind und sich dort bewegen. Diese Philosophie ist tief in der norwegischen Kultur verankert. Während in Österreich seit einer gefühlten Ewigkeit über die tägliche Bewegungseinheit diskutiert wird, ist es in Norwegen ganz normal, dass schon die Kleinsten im Kindergarten täglich draußen sind und Bewegung machen. Nicht selten wird aus der Bewegung dann Sport.
- Spaß: Kinder werden nicht frühzeitig zu etwas gedrängt, der Spaß soll im Vordergrund stehen. Tabellen, Ranglisten, Einzelwertungen oder Meisterschaften gibt es für Kinder nicht. Der Grundsatz lautet: „Jedes Mal, wenn sie Sport machen, sollen Kinder eine positive Erfahrung machen.“ Top-Langlauftrainer Trond Nystad, der auch schon in Österreich tätig war, erklärt: „In vielen Ländern ist schnelle Höchstleistung gefragt. Daran hängen Fördermittel und Trainingsmöglichkeiten, das System macht Stress.“ In Norwegen wolle man so viele Kinder wie möglich so lange wie möglich beim Sport halten. „Alle sollen mitmachen, ganz ohne Stress. Das ist der Grundgedanke – und daraus entsteht nachhaltiger Erfolg.“
- Späte Spezialisierung: Das norwegische Sportsystem setzt auf Breitensport statt frühe Spezialisierung. Kinder werden ermutigt, mehrere Sportarten auszuprobieren – ganz ohne Druck. Erst im Jugendalter wird langsam spezialisiert. Beispiel gefällig? Sondre Brunstad Fet war in seiner Jugend in der Loipe schneller als ein gewisser Johannes Kläbo. Letzterer hat gerade sechs Goldmedaillen abgeräumt und hat sich zum Rekordolympioniken im Winter gemacht. Und Ersterer? Der ist Fußballer geworden und hat mit Bodö/Glimt gerade Inter Mailand eliminiert. „Ich vermute, Kläbo ist froh, dass er kein Langläufer geworden ist“, sagte sein Trainer Kjetil Knutsen über Brunstad Fet schmunzelnd.
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