Spielball des Regimes: In welchem Dilemma Irans Fußballer stecken

Prominente Spieler stehen seit Jahren zwischen den Erwartungen vieler Fans und dem Druck der Politik.
Mehdi Taremi

Fußball ist im Iran weit mehr als nur ein Spiel. Für Millionen Menschen im Land bedeutet er Leidenschaft, Gemeinschaft und ein Stück nationaler Identität. Wenn die Nationalmannschaft spielt oder sich die großen Klubs duellieren, geht die Post ab – in Stadien, vor Fernsehern oder auf den Straßen. Wenn im Teheraner Azadi-Stadion die Klubs Persepolis und Esteghlal aufeinandertreffen, füllen 70.000 Fans die Tribünen, ein Meer aus roten und blauen Fahnen, Gesängen und Choreografien. Das Teheran-Derby gehört zu den emotionalsten und größten Fußballspielen Asiens.

Drei Mal hat das Nationalteam die Asien-Meisterschaft gewonnen. Sechs Mal hat man bisher an Weltmeisterschaften teilgenommen. Doch fest steht: Der Fußball ist im Iran nicht nur ein Sportereignis. Immer wieder spiegelt sich in ihm auch die gesellschaftliche und politische Stimmung des Landes wider.

Politische Botschaften

Nicht selten wird der Fußball auch zur Bühne politischer Botschaften. Etwa 2019, als sich eine junge Frau aus Protest selbst anzündete, weil nur Männer in die Stadien gehen durften. Oder bei der WM in Katar 2022, als sich die Spieler des Iran vor ihrer ersten Partie gegen England weigerten, die Hymne zu singen. Die Aktion wurde als stiller Protest verstanden – als Zeichen der Solidarität mit den Protesten im Iran nach dem Tod von Mahsa Amini, einer 22-jährigen Frau, die in Teheran festgenommen wurde, weil sie ihr Kopftuch nicht korrekt getragen habe.

Aktuell ist an Fußball im Iran nicht zu denken. Wegen der 40-tägigen Staatstrauer für den getöteten Führer Ayatollah Ali Khamenei wurde der Spielbetrieb eingestellt. Damit können auch die meisten Nationalspieler ihrem Job nicht nachgehen. Mehr als 90 Prozent sind im eigenen Land engagiert. Geplante Länderspiele wurden abgesagt. Sie hätten als Vorbereitung auf die bevorstehende WM in den USA, Mexiko und Kanada dienen sollen. Dabei trifft der Iran in Gruppe G auf Belgien, Ägypten und Neuseeland. Zwei der drei Gruppenspiele bestreitet man in Los Angeles, ausgerechnet dort, wo die weltweit größte Diaspora-Gemeinde von Iranern lebt.

Die Teamspieler befanden sich dabei zumindest bisher in einem Dilemma, weil sie zwischen die Fronten geraten waren. Nicht nur viele Exil-Iraner wünschen sich von ihren Fußballstars immer wieder klare Botschaften gegen das Regime. Einfluss hätten sie. Sechs Millionen Menschen etwa folgen Kapitän und Stürmerstar Mehdi Taremi auf Instagram.

Zu klaren politischen Statements kommt es aber nur äußerst selten, weil der Verband ebenso wie die großen Klubs dem Regime nahestehen. Verbandspräsident Mehdi Taj ist Mitglied der Revolutionsgarden. In der Vergangenheit machten Meldungen die Runde, wonach das Regime mit großzügigen Zuwendungen – etwa in Form teurer Autos – die Stars des Nationalteams zum Schweigen bewegt haben sollen.

„Schämt euch“

Stürmer Sardar Azmoun ließ sich im November 2022 zu einer Botschaft hinreißen. Kurz vor der WM in Katar hatte Irans Team vor den Toren Wiens in der Südstadt gegen den Senegal getestet, während in der Heimat Proteste blutig niedergeschlagen wurden. „Ich kann das Schweigen nicht mehr ertragen“, schrieb er auf Social Media. „Es ist mir egal, ob ich aus dem Team geworfen werde. Schämt euch, dass ihr leichtfertig Menschen tötet. Es leben die iranischen Frauen.“ Das Posting war bald gelöscht.

Ob die Welt je erfahren wird, wie sich die Fußballstars verhalten, sollte das Regime eines Tages auf dem Boden liegen? Und der Iran vielleicht doch noch irgendwie an der bevorstehenden Fußball-WM teilnehmen? Und ist das in den USA überhaupt gewünscht? „Es ist mir wirklich egal“, sagte Donald Trump nun am Mittwoch. „Ich denke, Iran ist ein sehr schwer geschlagenes Land. Sie pfeifen aus dem letzten Loch.“ Diplomatie sieht anders aus.

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