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26.04.2018

Dimitri Payet: Der Freistoß-König von Marseille

Salzburg wird in den Europa-League-Semifinal-Duellen den Olympique-Kapitän bremsen müssen.

„Er ist unser Schlüsselspieler, er kann den Unterschied ausmachen“, sagt Marseille-Trainer Rudi Garcia über seinen Star. „Er“, das ist Dimitri Payet, 31 Jahre alt und Kapitän des Semifinal-Gegners der Salzburger.

Er kann nicht nur, er macht den Unterschied aus – nämlich dann, wenn er einen guten Tag erwischt. Dann sind seine Eckbälle extrem gefährlich, seine Freistöße unheimlich präzise und seine Sololäufe nur schwer zu stoppen.

Die Salzburger werden im heutigen Hinspiel (21.05 Uhr, live Puls4, Sky, KURIER.at-Liveticker) im ausverkauften Stade Vélodrome also auf der Hut sein müssen. Foulspiele in Strafraumnähe sollten genauso verhindert werden wie Eckbälle.

Einen guten Tag hatte Payet im Viertelfinal-Rückspiel gegen RB Leipzig. Ein Tor erzielte er selbst, an drei weiteren Treffern war er beteiligt. Und hätte sein Teamkollege Konstantinos Mitroglu nicht ein unnötiges Foul begangen, dann hätte Payets zweites Tor gezählt und Marseille den Red-Bull-Klub noch höher als 5:2 besiegt.

Im Dezember hatten die Salzburger schon mit dem Marseille-Regisseur zu tun. Doch es war ein kurzes Vergnügen. Beim 0:0 im letzten Gruppenspiel kam Payet erst für die letzten 22 Minuten auf das Feld, nachdem er im ersten Spiel in Salzburg noch geschont worden war.

In der ersten Saisonhälfte hatte Payet wiederholt muskuläre Probleme und lief seiner Form hinterher. Mittlerweile ist er fit. Sieben Tore und 14 Assists allein im Jahr 2018 beweisen, dass der Offensivspieler wieder zu alter Stärke gefunden hat.

Geboren wurde Payet in Saint-Pierre auf Réunion, einem französischen Übersee-Département im Indischen Ozean. Früh wurde sein großes Talent erkannt. Mit zwölf Jahren holte ihn AC Le Havre in eine der besten und bekanntesten Jugendakademien der Welt.

Aber glücklich war Payet im kühlen Norden Frankreichs nie. Vier Jahre hielt er es in der Stadt am Ärmelkanal aus, dann ging er zurück nach Réunion. Schnell wurde der Offensiv-Allrounder zum Star der Insel-Liga.

Zweite Chance

Mit 17 bekam er noch eine Chance in Frankreich: 2004 holte ihn Nantes. Skepsis war bei der Verpflichtung dabei. Payet bekam zunächst nur einen Vertrag für die Reserve. Ein Jahr später unterzeichnete er seinen ersten Profivertrag.

Aber auf eine gute Saison sollte immer eine schwächere folgen – bei Nantes, bei St-Étienne oder Lille. Payet hatte den Ruf, ein schlampiges Genie zu sein. Erstmals aufmerksam machte er auf sich in der Saison 2014/’15 – mit 21 Assists für Olympique Marseille in der Ligue 1.

Danach wagte Payet den Sprung nach England. In der Premier League wurde er zunächst zum Glücksgriff von West Ham. Dank des Franzosen spielten die Ostlondoner eine der besten Saisonen ihrer 123-jährigen Geschichte. Payet erzielte zwölf Tore und bereitete 15 weitere vor. Und er erreichte 2015/’16 mit West Ham einen Europacup-Startplatz, ein seltenes Ereignis für die „Hammers“.

Mit seinem Siegestor im EM-Eröffnungsspiel 2016 gegen Rumänien wurde er in der Fußballwelt bekannt. Mit seinem schwächeren linken Fuß traf er für Frankreich ins Kreuzeck. „Ich übe das oft im Training: Wenn ich sehe, dass ich den Ball auf meinen schwächeren Fuß bekomme, lege ich ihn mir weiter vor. Das ist mir aufgegangen“, erzählte er danach.

Für Frankreichs damaligen Sportminister war es mehr als nur ein Tor: „Das war eine Botschaft ans ganze Land. Mit seinen Tränen hat er letztlich gezeigt, wozu Frankreich fähig ist“, meinte Patrick Kanner, nachdem Payet bei seiner Auswechslung wenige Minuten nach seinem Siegestor geweint hatte.

Mit zwei weiteren Toren und zwei Torvorlagen war er einer der EM-Stars, auch wenn seine Leistungen im Laufe des Turniers nachließen. Trotzdem wurde Payet mit den ganz großen Klubs in Verbindung gebracht. Von 80 bis 100 Millionen Euro Ablöse war die Rede – und das für einen damals schon 29-Jährigen.

Was folgte, war eine Schlammschlacht. Payet wollte West Ham verlassen, der Klub, der gerade ins riesige London Stadium umgezogen war und von der Champions League träumte, ließ ihn nicht ziehen. „Es gab viele Gründe, warum ich gehen wollte. Der Hauptgrund war aber die sportliche Entwicklung des Klubs. Ich sah meine Karriere in der Nationalelf in Gefahr“, erklärte Payet sein Verhalten, das alles andere als professionell war.

Der Franzose spielte zwar im Herbst 2016 regelmäßig, aber mehr schlecht als recht. Die Flüge nach Marseille, wo seine Familie wieder lebte, nachdem sie sich in London nicht wohl gefühlt hatte, wurden immer häufiger. Anfang Jänner 2017 kam es zum Eklat. Payet trat in einen Trainingsstreik, erklärte, nie wieder für West Ham spielen zu wollen.

Unschöner Abgang

Der Klub suspendierte ihn, die Fans reagierten erbost. Auf Payet-Trikots wurde gespuckt, in den sozialen Netzwerken brach ein Shitstorm aus, ein Stein flog durch eine Scheibe seines Wagens. Ein Verbleib bei West Ham war unmöglich geworden.

Der Streit dauerte Wochen, erst Ende Jänner durfte Payet nach Frankreich zurückkehren. Marseille bezahlte 30 Millionen Euro Ablöse und damit das Doppelte jener Summe, die man eineinhalb Jahre zuvor von West Ham bekommen hatte. Seinen Platz in Frankreichs Nationalteam hat er trotzdem vorerst einmal verloren. Momentan gehört Dimitri Payet nicht zum erweiterten Kader für die Weltmeisterschaft in Russland – trotz seiner Hochform.

(Aus Marseille)

Anpfiff um 21.05 Uhr

Europa League, Semifinale, Hinspiel:

Olympique Marseille - Salzburg (Donnerstag, 21.05 Uhr/live Puls4, Sky), Stade Vélodrome, SR William Collum (SCO)

Letzte Infos: Beim Gastgeber fehlen mit Keeper Mandanda (Muskelfaserriss im Oberschenkel) und Sakai (Bänderzerrung im Knie) zwei Stammspieler. Fraglich sind Rolando (Achillessehne) und Kamara (Knöchelverstauchung).

Salzburg ist komplett. Trainer Rose wird wohl seine Stammelf  Walke, Lainer, Ramalho, Caleta-Car, Ulmer, Haidara, Samassekou, Schlager, Berisha, Dabbur und Hwang aufbieten.

Rückspiel: 3. Mai (21.05 Uhr) in der bereits ausverkauften Red-Bull-Arena.