FUSSBALL-NATIONALTEAM: ÖSTERREICH - RUSSLAND:

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Sport Fußball
11/12/2019

Der etwas andere Profi: Wie Hinteregger zur Kultfigur wurde

Eigenwillig, unberechenbar, authentisch – die ganz spezielle Welt von ÖFB-Verteidiger Martin Hinteregger.

von Günther Pavlovics

Martin Hinteregger ist irgendwann und irgendwie aus der Zeit gefallen. Aus der Zeit von Internet, Facebook, Smartphone, Handykamera.

Martin Hinteregger ist 27 Jahre alt. Jahrgang 1992 – derselbe wie David Alaba. Während sich der Wiener zu einem phrasenerprobten, durchgestylten Münchner Fußball-Profi entwickelt hat, gilt der Kärntner als durch und durch bodenständig und dennoch alles andere als konturlos. Hinteregger hat sich zum absoluten Fanliebling entwickelt: "Hinteregger, Hinteregger, hei, hei, hei", singen jetzt die Fans des Nationalteams.

Und sie werden es auch am Samstag singen, beim Spiel gegen Nordmazedonien in Wien. Hinteregger traf, wie alle Teamkollegen, die am Sonntag gespielt haben, erst gestern im Teamcamp in Bad Tatzmannsdorf ein.

Der Schritt zum Kultstatus gelang ihm erst vor Kurzem. Am 6. September schlug Österreich Lettland 6:0. Am 7. September wurde Hinteregger 27 Jahre alt. Die beiden Tage trennten eine kleine Geburtstagsfeier mit Freunden im Salzburger Land, ein verpasster Zapfenstreich, ein Teamspieler, dessen körperliche Verfassung am Morgen des 7. September der Öffentlichkeit nicht überliefert wurde. Am 9. September verpasste Hinteregger das 0:0 in Polen. Die muskulären Probleme in der rechten Wade (Begründung am Spieltag) entpuppten sich als Disziplinierungsmaßnahme von Teamchef Franco Foda.

  • Martin Hinteregger in Zitaten:

Hinteregger wechselte nicht nach Leipzig:

"Die Art und Weise, wie Leipzig Salzburg kaputt macht, ist nicht schön anzuschauen. Im Endeffekt sind es zwei verschiedene Vereine, aber es wird alles aus Leipzig regiert, alles nur zu Leipziger Gunsten. Salzburg wird komplett links liegen gelassen."

Techno-Freak Hinteregger:

"Mich hat es genervt, dass ich immer so viel am Handy gewesen bin, das nimmt komplett überhand. Deswegen habe ich ein Klapphandy, da kriegst du 80 Prozent weniger Nachrichten, dafür hast du viel mehr Zeit und Ruhe. Mein Handy kann nur drei Dinge: SMS, telefonieren und Snake."

Hinteregger über Hinteregger:

"Ich hatte nie ein Disziplin-Problem. Ich habe mal meinem Trainer knallhart meine Meinung gesagt – und danach habe ich kaum noch gespielt."

Hinteregger über Augsburg-Trainer Manuel Baum:

"Ich kann nichts Positives über ihn sagen und werde auch nichts Negatives sagen."

Hinteregger nostalgisch:

"Das Geld wäre mir egal. Ich wäre viel lieber Profi in den 80er-Jahren gewesen und hätte dafür ein lustigeres, authentischeres Leben geführt."

Privatmensch Hinteregger:

"Die Spieler hatten damals noch eine Privatsphäre, man konnte auch mal über die Stränge schlagen, ohne dass man sofort mit dem Handy fotografiert wurde oder eine Riesen-Geschichte daraus gemacht wurde."

Hintereggers menschliche Seite:

"Ich bin normal wie jeder Österreicher, mache auch Fehler. Ich glaube, dass mich die Fans mögen, weil ich bin, wie ich bin."

Hintereggers harte Seite:

"Die Hinti-Army bekomme ich auch schon in der Kabine zu hören. Die legen die Kollegen auf. Vielleicht wär das auch was für Kratky und die Ö3-Charts."  

Sporttalent Hinteregger:

"Irgendwann habe ich mich für die Fußball-Karriere entschieden. Obwohl ich gerne Skifahrer geworden wäre. Und vielleicht hätte es auch zum Eishockey-Profi gereicht"

Waidmanns-Hinti:

"Ich habe einen Jagdschein, ich bin Hobby-Jäger. Ich durfte bei Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz im Revier Gämsen jagen. Das Erlebnis, auf einem Berg die Tiere zu beobachten, ist riesig."

Hinteregger 2014 über WAC-Trainer Kühbauer:

"Er ist der gleiche Koffer wie als Spieler."

Umtriebig

Der hatte ihn aber nicht heimgeschickt, was bei so manchem Mitspieler nicht gut angekommen ist. Hinteregger durfte sich in Polen auf die Bank setzen. Foda sagt dazu: "Es gab ja einen Fall, den wir intern ruhig abgehandelt haben. Ich glaube, das hat uns noch einmal ein Stück zusammengeschweißt." Schon gegen Israel durfte er wieder spielen. Und erlangte endgültig Kultstatus. Während Arnautovic mehrmals scheiterte, traf Hinteregger mit einem großartigen Volley.

Sein Trainer bei Eintracht Frankfurt ist Adi Hütter. Der hat mit ihm schon bei Salzburg gearbeitet und plädiert für Milde: "Das Wichtigste ist, dass Martin eingesehen hat, dass es ein Fehler war, für den er sich entschuldigt hat." Den freien Tag nach der Rückkehr vom Team hat ihm Hütter damals aber gestrichen. Hütter: "Er hat eine über die Mütze bekommen von mir. Er war sehr reuig, das Thema ist damit beendet."

Europa League Quarter Final First Leg - Benfica v Eintracht Frankfurt

Auch in Frankfurt hat Hinteregger schon Kultstatus. Und nicht erst, seit er einen Fan mit seinem Auto von der Stadion-Garage zum Bahnhof gefahren hat. Der Eintracht-Videopodcast FUSSBALL 2000 hat ihm einen Song mit dem Titel "Hinti Army Now" gewidmet. Dieser ist eine Adaption des Hits "In the Army Now" der britischen Band Status Quo. Neun Soldaten der Frankfurter Hinti-Armee durften im Oktober bei der Bruno-Gala auftreten, wo der Besungene als Österreichs bester Legionär ausgezeichnet worden ist.

Videoaufzeichnungen

Auch in Deutschland steht man nicht auf Einheitsbrei, mag Typen, mag Spitzbuben. Im Jänner 2018 hat Hinteregger an einem Charity-Skirennen in der Flachau teilgenommen. Skifahren wird wegen der Verletzungsgefahr vom Großteil der deutschen Klubs verboten. Hinteregger erklärte, dass er seinen Vertrag nicht so genau gelesen habe. Das Rennen wurde auf ORF Sport + übertragen. Hinteregger lapidar: "Das empfangen die in Augsburg eh nicht."

Ein anderes Video zeigte diesen Sommer einen sichtlich betrunkenen Hinteregger am letzten Abend des Augsburger Trainingslagers beim Besuch eines Dorffests im Tiroler Bad Häring.

Aber schon vorher war Hinteregger nostalgisch geworden. "Ich wäre viel lieber Profi in den 80er-Jahren gewesen. Man konnte auch mal über die Stränge schlagen, ohne dass man sofort mit dem Handy fotografiert wurde. Das Geld wäre mir egal. Die Spieler mussten damals auch nicht für einen Hungerlohn arbeiten gehen."

Das ist Balsam auf die kapitalistischen Wunden der Fanszene. Also widmete sich das deutsche Fußballmagazin 11 Freunde in seiner letzten Ausgabe der Person Hinteregger samt nostalgischem Fotoshooting. Hinteregger mit Vokuhila, Hinteregger mit Schnurrbart. Hinteregger steht dabei für die Style-Sünden aus den 80ern – zumindest vor der Kamera.

Kritik an Leipzig

Noch eine Aktion Hintereggers machte ihn bei Fußballfans zum Helden. Im Sommer 2016 ging er nicht zu Leipzig, sondern nach Augsburg. "Aus Respekt vor den Salzburger Fans." Weil Leipzig Salzburg kaputt mache. Dietrich Mateschitz ist für beide Klubs existenziell und offenbar Hinteregger-Fan. Der Spieler hat eine Leidenschaft, die Jagd. Er durfte im Revier vom Red-Bull-Chef auf die Pirsch gehen und Gämsen jagen.

Martin Hinteregger spielte im Nachwuchs von Sirnitz, der 285-Einwohner-Ort ist Katastralgemeinde von Albeck im Kärntner Bezirk Felkirchen. Vater Franz war bei der SGA Sirnitz Nachwuchsleiter – und ist es seit 2016 wieder. Zudem trainiert er die U12, Martins Schwester Christina trainiert die U 11.

Im Juli 2006 wechselte er in den Nachwuchs von Red Bull Salzburg. 2010 spielte er erstmals für die Salzburg Juniors. Unter Trainer Huub Stevens spielte er am 16. Oktober 2010 erstmals in der A-Mannschaft, bereits fünf Tage danach spielte er im Europacup gegen Juventus Turin.

Unter Marcel Koller spielte er am 19. November 2013 beim 1:0 gegen die USA erstmals im Nationalteam. Im Jänner 2016 ging er nach Mönchengladbach. Sein Bundesliga-Debüt gab er gegen Dortmund. Im Sommer wechselte er zu Augsburg. Seit Jänner spielt er bei Frankfurt.

Zu seiner Liebe zur Natur passt auch der Hang, neue Techniken zu verweigern. Lange Zeit besaß er nur ein Klapphandy. Hinteregger wäre nicht Hinteregger, wenn er nicht doch ein Hintertürchen für die Nostalgieflucht gefunden hätte. In Augsburg hatte er den jungen Teamspieler Kevin Danso als Informanten, wenn etwas über WhatsApp verschickt wurde. Aber weil der Jung-Österreicher nicht immer greifbar war, kaufte sich Hinteregger schließlich doch noch ein Smartphone. "Ich wusste oft von nichts und kam oft zu spät. Als ich am Monatsende meine Strafen sah, merkte ich, dass ein neues Handy günstiger wäre."

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