Erfolgstrainer Ilzer: "Entscheidend ist, die Kritik auszuhalten"

Hoffenheim-Trainer Christian Ilzer
Christian Ilzer fordert mit Hoffenheim die Bayern. Der Erfolgstrainer spricht über Persönlichkeitsentwicklung, Kritik und kurze Wege zum Tor.

Wenn die Bayern am Sonntag als Tabellenführer in München den Drittplatzierten Hoffenheim empfangen (17.30 Uhr, live DAZN), dann ist das eine Partie, die vor der Saison nicht als Spitzenspiel erwartet wurde.

Großen Anteil daran hat Christian Ilzer, 48, der den Klub von SAP-Milliardär Dietmar Hopp aus dem Abstiegskampf in der vorigen Saison nun ins Spitzenfeld geführt hat. Nach fünf Siegen in Serie und sieben ungeschlagenen Partien sind die Hoffenheimer auf Kurs Richtung Champions-League-Startplatz.

Der ehemalige Meistertrainer von Sturm Graz verrät, wie es dazu kam.

KURIER: Sebastian Prödl hat ein Auswärtsspiel bei den Bayern einst mit einem Zahnarztbesuch verglichen. Was ist es für Sie?

Christian Ilzer: Das haben sie in Österreich auch immer gesagt, wenn du nach Salzburg hast müssen. Das hab’ ich also schon oft gehört. Es ist ein besonderes Spiel, Bayern ist einfach besonders, unabhängig von der Tabelle oder den letzten Ergebnissen. Ich muss mich aber darum kümmern, was bei uns intern passiert. Der Fokus ist direkt an uns gekoppelt. Dass wir jeden Tag ein geiles Training machen, dass wir uns jeden Tag auf höchstem Level challengen. Was die mentale Komponente betrifft, braucht man nicht zu glauben, dass es das perfekte Spiel braucht. In München musst du es aushalten, viele nicht perfekte Momente zu erleben. Um dieses Spiel werden Dinge herum gesponnen. Wir müssen uns auf die Dinge konzentrieren, die wir beeinflussen können. Mit einem Zahnarztbesuch hat es für mich nix zu tun.

Was sagt diese Antwort über Sie als Trainer aus?

Dass es einfach um unsere Reise geht. Egal ob wir gegen Union Berlin oder Bayern spielen, ich gehe immer davon aus, dass unser Gegner sein bestmögliches Spiel zeigt. Es passiert nie irgendwas im Hoffen. Der Gegner zeigt sein bestes Gesicht, darauf gilt es zu antworten. Bayern ist eine der Mannschaften, die bei der Vergabe des Champions-League-Titels ein gewichtiges Wörtchen mitreden wird. Daher werden wir aus diesem Spiel, egal wie es ausgeht, sehr viel mitnehmen für unsere Entwicklung. Also sagt es über mich aus, dass wir uns ständig weiterentwickeln wollen.

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Alles spricht in dieser Woche von einem Highlight. Worauf müssen Sie in diesen Tagen bei sich selbst achten?

Je lauter rundherum gesprochen wird, desto mehr musst du darauf achten, dass der Fokus klein bleibt. Alles, was da rundherum schwebt, gehört zum Showbusiness. Ob es Kritik oder Lob ist, hat in etwa die gleiche Wirkung. Aktuell ist es viel Lob und ein Hochstilisieren zu einem Spitzenspiel. Andere Phasen haben wir ja auch schon erlebt. Ich bin dazu da, um das realistisch zu moderieren.

Sie sind Ideologe in Sachen Spielidee. Jeder weiß, wofür Christian Ilzer steht. Wie haben Sie selbst zu dieser Klarheit gefunden?

Du musst immer authentisch sein. Ich kann als Trainer ein Team oder einen Klub nur von etwas überzeugen, was ich ihn mir fühle. Für mich gilt es im Fußball einfach einen Weg zum gegnerischen Tor zu finden. Und wenn du zu lange dazu brauchst, hat der Gegner Zeit, sich zu formieren. Und wenn du nicht in einer hohen Frequenz angreifst, wirst du ihn nicht aus der Balance bringen. Das sind logische Dinge, ebenso, dass Geschwindigkeit ein Attraktivitätsmerkmal ist. Man darf aber als Trainer nie glauben, dass man am Ende ist. Und es macht ja den Trainerjob so spannend, dass in allen Bereichen Platz für Entwicklung ist. Bei der Spielidee genauso, wie bei der Persönlichkeit.

In der letzten Saison konnte man den Eindruck gewinnen, dass Sie in Hoffenheim nicht alle gleich von ihrem Weg überzeugen konnten. Etwa beim Rundumschlag von Stürmer Kramaric, der den ganzen Verein kritisiert hat. Wie haben Sie ihn ins Boot geholt?

Sein Interview war superwichtig, weil es danach ein stundenlanges Gespräch zwischen ihm und mir gegeben hat. Da ging es aber nicht um die Spielidee, sondern um etwas Großes, Vereinspolitisches. Weil Dinge verändert worden sind, die den Spielern zuvor Vertrauen und eine Basis gegeben haben. Das galt es zu verstehen. Und danach ging es darum, die Spieler zu überzeugen von den Dingen, von denen ich überzeugt bin, dass sie Erfolg im Fußball bringen.

Sie sind mittlerweile seit mehr als 20 Jahren durchgehend im Trainerjob tätig. Welche Seite an sich mussten Sie in dieser Zeit am stärksten entwickeln?

Alle Seiten. Du musst bereit sein, dich in deiner Persönlichkeit zu entwickeln. Ich habe in den unterschiedlichsten Sparten gearbeitet. Da war mir nur klar, dass ich an die Spitze will, aber noch nicht, in welcher Rolle. Beim SC Weiz in der Landesliga, ab 2012, wurde mir klar: Meine Rolle ist Cheftrainer. Dann habe ich die kommunikativen Prozesse in den Vordergrund gerückt. Für mich ist wichtig, dass ich sehr reflektiert bin. Ich habe einen sehr kleinen, aber guten Kreis an Menschen um mich herum, die mich sehr gut und auch hart reflektieren. Auf diesen Kreis habe ich mich immer verlassen können und ich habe ihn auch kaum verändert. Entscheidend ist dann, die Bereitschaft zu haben, die Kritik ohne Eitelkeit anzunehmen und auszuhalten.

FBL-GER-BUNDESLIGA-HOFFENHEIM-LEVERKUSEN

Was wäre der eine Tipp, den Sie heute einem jungen Trainer geben würden, der er es ebenso ganz hinauf schaffen will?

Den nächsten Schritt mit brutaler Überzeugung und ohne Angst und ohne Scheu zu setzen. Egal, wie groß und schwer er dir vorkommt: Geh’ den Schritt, er wir dir entscheidende Erkenntnisse und Erfahrungen bringen.

Was muss am Sonntag mit Schlusspfiff passiert sein, damit Sie zufrieden aus München nach Hause fahren?

Egal, was auf uns zukommt, egal wie groß die Wucht und die Herausforderung sind. Ich will, dass wir uns dem mit einer breiten Brust dem stellen. Und bei diesen Spielen ist immer entscheidend, wie du mit den Dingen, die du da erfährst, im unmittelbaren Nachgang umgehst. Wenn wir das mit Lernbegeisterung und Entwicklungsfreude aufnehmen, dann bin ich zufrieden.

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