© Daniela Sonn

Interview
02/10/2021

Treichl: "Europas Erfolgsstory" fortschreiben

Andreas Treichl, langjähriger früherer CEO der Erste Group und neuer Präsident des Europäischen Forum Alpbach, über die Corona-Krise und den drohenden Bedeutungsverlust Europas.

von Rudolf Mitlöhner

Ein Vierteljahrhundert lang stand er an der Spitze der Erste Bank (vormals Erste österreichische Spar-Casse, ab 2008 Erste Group), seit 2020 ist Andreas Treichl (* 1952) als Nachfolger Franz Fischlers Präsident des Europäischen Forums Alpbach.

KURIER: Herr Treichl, ich möchte gleich mit Ihrer neuen Funktion beginnen. Das Europäische Forum Alpbach ist nach dem Krieg gegründet worden, um gewissermaßen Europa auch geistig neu zu denken, neu aufzubauen. Worin sehen Sie heute die Aufgabe von Alpbach?

Andreas Treichl: Diese Institution ist sicherlich heute genauso notwendig, wie damals. Sie hat schwierige Zeiten durchgemacht, auch als Institution. Ich finde es gerade zum jetzigen Zeitpunkt extrem spannend, die Präsidentschaft des Europäischen Forums zu übernehmen: weil wir jetzt, Anfang der 2020er Jahre, in einer Situation sind, in der wir im Begriff sind, vieles von dem, was Europa etwa bis zur Jahrtausendwende ausgemacht hat, zu verlieren. Es hat eine Zeit gegeben, da hat sich Europa schneller entwickelt, als sich das die Gründungsväter von Alpbach vorstellen konnten. Man könnte sagen, eine Zeit lang ist die Entwicklung den Ideen und Plänen von Alpbach fast davongelaufen. Jetzt ist es, umgekehrt, glaube ich, wieder sehr, sehr notwendig, dass aus Alpbach Impulse für Europa kommen.

Was wollen Sie denn grundsätzlich anders machen als Ihre Vorgänger Franz Fischler und Erhard Busek? Muss man Alpbach neu aufstellen?

Nein, man muss hier gar nichts neu aufstellen. Busek und Fischler haben große Stärken gehabt; sie waren zu sehr unterschiedlichen Zeiten und auch sehr lange Präsidenten von Alpbach und haben große Verdienste um das Europäische Forum. Jetzt geht es darum, dass wir es schaffen, in Alpbach konkrete Themen aufzugreifen und so weit zu entwickeln, dass wir die Politik dazu bringen können, dass sie diese Dinge auch tatsächlich umsetzt. Darauf möchte ich mich jetzt konzentrieren.

Das Thema des heurigen Forums – das erste unter Ihrer Ägide – lautet: „Die große Transformation“. Das ist natürlich gleichsam ein Allzeitthema. Aber was bedeutet es denn für die Gegenwart, worin besteht die große Transformation Europas, was sind hier die spezifischen Akzente?

Ich glaube, wir kommen jetzt – teils hoffentlich, teils leider – in die Phase, in der die wirtschaftlichen Aspekte der Corona-Krise stärker ins Gewicht fallen als die gesundheitlichen. Wobei das natürlich nicht nur für Europa gilt, sondern für die ganze Welt. Es steht zu hoffen, dass es die Medizin in den nächsten Monaten schaffen wird, die Pandemie soweit in den Griff zu bekommen, dass wir wieder ein halbwegs normales Leben führen können. Auf der anderen Seite werden in den nächsten Monaten die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise sehr viel evidenter werden. Die große Frage, die jetzt derzeit niemand beantworten kann, lautet: Wenn wir jetzt von Normalisierung reden, ist das eine Normalisierung in dem Sinn, dass die Welt im Jahr 2022 wieder so sein wird, wie sie im Jahr 2019 war? Oder wird sie eben anders sein? Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sie langfristig anders sein wird. In dem Sinn ist der Titel „Die große Transformation“ auch sehr, sehr passend, weil wir jetzt in einer Übergangsphase sind und eine Krise miterlebt haben und noch leider miterleben, welche die Welt und das Zusammenleben der Menschen langfristig grundsätzlich verändern wird.

Sie haben es gerade angedeutet, es gibt die Diskussion, ob es ein „Zurück zur Normalität“ geben kann oder auch soll – oder aber, ob die Krise sich als der große Gamechanger erweisen wird. Sind aber mit diesen Vorstellungen eines Systemwechsels nicht teilweise unrealistische, überzogene Erwartungen verbunden – etwa im Sinne eines neuen Wirtschaftssystems jenseits von Konkurrenz und Wettbewerb?

Daran glaube ich gar nicht. Was ich meine, ist, dass sich durch die Krise das Verhalten der Menschen in ihrem Privatleben wie auch in ihrem Berufsleben verändern wird. Es ist ja beispielsweise mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass das Homeoffice nicht wieder verschwinden wird. Darüber hat man jahrzehntelang diskutiert, es ist aus vielen Gründen abgelehnt worden. In der Krise hat es praktisch nichts anderes gegeben als Homeoffice. Und jetzt sind eigentlich alle – meiner Meinung nach zu Recht – davon überzeugt, dass es dieses Homeoffice partiell auch künftig geben soll. Das bedeutet, dass sich das Leben in den Büros verändern wird. Es wird Auswirkungen auf die Mobilität der Menschen haben. Es wird eine dramatische Auswirkung auf den Wohnbau haben. Wenn viele Menschen nicht nur am Wochenende zuhause sind, sondern ein paar Tage unter der Woche zuhause arbeiten, wird es eine andere Wohnraum-Gestaltung geben. Es wird Auswirkungen haben auf den Reiseverkehr, insbesondere den Flugverkehr. Das alles wird einige Branchen begünstigen und einige Branchen benachteiligen.

Sie haben eingangs davon gesprochen, dass Europa in Gefahr ist, vieles von dem, was es ausgemacht hat, zu verlieren. Was wäre das genau?

Die große Erfolgsstory Europas von der Nachkriegszeit bis in die 2000er Jahre war ein unfassbar und unerwartet starker wirtschaftlicher Aufschwung, basierend auf extrem guter wissenschaftlicher Arbeit, extrem guter handwerklicher Arbeit, extrem guter industrieller Arbeit. Gleichzeitig hat sich Europa politisch in vieler Hinsicht gefestigt und geeinigt. Abgesehen vom Westbalkan hat es keine kriegerischen Auseinandersetzungen gegeben. Und überdies ist es gelungen, einen Kontinent zu schaffen, der im Verhältnis zu anderen Kontinenten gesellschaftlich doch viel ausgewogener ist. Ohne dass wir irgendeine Form von hard power entwickelt hätten, haben wir also seit 1945 stark an politischer Bedeutung gewonnen, weil wir wirtschaftlich sehr stark waren und weil durch die politische Entwicklung in Europa der weltweit größte Consumer-Markt entstanden ist. Seit 2000 nimmt diese Stärke ab, und wir müssen feststellen, dass Europa in vielen der modernen Industrien, die sich erst in den letzten 20 Jahren entwickelt haben, global keine wesentliche Rolle spielt. Dass daher viele junge Forscher und Unternehmer nach Amerika oder China gegangen sind und damit die wirtschaftliche Bedeutung Europas ebenso schwindet wie der politische Einfluss. So kommen wir in eine Welt hinein, die – wenn wir nicht gegensteuern – im Wesentlichen bipolar zwischen den USA und China entschieden wird.

Was ist da passiert, dass Europa diese Erfolgsstory nicht fortsetzen konnte?

Also man muss ja deswegen nicht in eine tiefe Depression verfallen. Europa ist noch immer der lebenswerteste Kontinent, den es gibt, und wird das wahrscheinlich auch in zehn, zwanzig Jahren noch sein. Man muss schlicht und einfach zur Kenntnis nehmen, dass in früheren Jahrzehnten etwa die Stahlindustrie oder die pharmazeutische Industrie, wo Europa sehr stark war, von großer Bedeutung waren. Europa war auch führend in der Automobilindustrie, und bis in die neunziger Jahre hat es noch europäische Finanzinstitute gegeben, die weltweit eine große Rolle gespielt haben. Aber in der digitalen Industrie, in der IT-, Kommunikations-, Unterhaltungsbranche spielt Europa leider nur mehr eine untergeordnete Rolle. Wenn ich in eine Cloud gehen will, kann ich mir zwischen amerikanischen und vielleicht auch chinesischen Anbietern etwas aussuchen. Wenn ich streamen oder mir die neuesten Filme anschauen will, habe ich Netflix, Walt Disney etc. Das ist vielleicht, hoffentlich, eine vorübergehende Erscheinung, aber es ist ganz einfach so. Das kann man aber nicht einfach hinnehmen, sondern man muss sich überlegen: Warum ist es so weit gekommen? Und: was tun wir dagegen? Wir hatten das ja schon ein paar Mal. Irgendwann hat es einen Zeitpunkt gegeben, wo man gesagt hat: Boeing wird uns jetzt zu groß, wir hauen uns auf ein Packel und bauen eine wirklich starke Flugzeugindustrie in Europa auf. Das ist gelungen – und solche Sachen muss man halt jetzt wieder machen.

Es gibt sehr unterschiedliche Vorstellungen, in welche Richtung sich Europa entwickeln soll. Wir sehen Bruchlinien zwischen Nord und Süd ebenso wie zwischen Ost und West. Wir hatten die Konfrontation zwischen den „frugalen Vier/Fünf“ und dem „Club Méditerranée“. Es gibt die strukturellen Spannungen zwischen den „liberalen“ und den „illiberalen Demokratien“ der Visegrád-Länder. Wie schätzen Sie diese Themen ein?

Natürlich, da steckt extrem viel Konfliktpotenzial drinnen, aber das ist ja nicht neu, das haben wir schon seit geraumer Zeit. Und es sind zwei sehr unterschiedliche Themen: Was die Unterschiede zwischen den nördlichen und den südlichen Ländern betrifft, so wird hier oft gegengesteuert. Und da hat es ja auch Erfolgsgeschichten gegeben: Es ist ja nicht so, dass Italien eine reine wirtschaftliche Misserfolgsgeschichte wäre. Im übrigen gibt es auch innerhalb Italiens einen „Nord-Süd-Konflikt“. Und Ähnliches gilt für Osteuropa: In den baltischen Staaten und in Polen schaut es sehr anders aus als in Rumänien und Bulgarien. Das ist eine Konfliktsituation, mit der wir in Europa schlicht und einfach fertig werden müssen. Und damit fertig werden können wir nur, wenn wir gemeinsam daran arbeiten und die Mobilität wesentlich erhöhen. Dazu wird es auch notwendig sein, dass wir in einigen Angelegenheiten, insbesondere in finanziellen, effizienter und schlagkräftiger und einiger werden. Man kann ja nicht den italienischen Süden aufgeben und sagen, das sind alles nur Mafiosi und faule Leute. Es gibt halt noch keine wirkliche europäische Regionalpolitik. Was die „illiberalen Demokratien“ betrifft: Ja, da gibt es ein paar Politiker – nicht nur, aber derzeit vornehmlich im Osten – die damit erfolgreich sind. Aber das halte ich für eine Zeiterscheinung, die hoffentlich vorübergehen wird.

Wie sehen Sie Österreich in diesem innereuropäischen Spannungsgefüge positioniert?

Ich würde mir wünschen, dass Österreich eine stärkere Rolle in Europa spielt, als es das derzeit tut. Ich glaube, dass Österreich aber in vieler Hinsicht ein ziemlich gutes Beispiel dafür ist, wie man gut leben und wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Wir liegen in der Mitte. Wir haben ein bisschen was vom Norden, ein bisschen was vom Süden; wir haben auch einiges vom Westen und einiges vom Osten. Eine, wie ich finde, extrem sympathische Mischung. Wir sind vermutlich von den westeuropäischen Ländern jenes, welches Osteuropa am besten versteht. Es wissen wahrscheinlich viele Österreicher, dass Wien östlich von Prag liegt, obwohl wir uns als Westeuropa bezeichnen und Tschechien als Osteuropa. Wir könnten also einiges dazu beitragen, die innereuropäischen Konflikte und Spannungen auszugleichen. Und da würde ich mir wünschen, dass wir mehr tun, als es tatsächlich der Fall ist.

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