Drei Wochen ohne TikTok: Schaffen Teenager das?

70.000 Schüler verzichten seit Mittwoch auf ihr Smartphone. Im GRG23 in Wien-Liesing ist die 4C dabei. Der KURIER begleitet sie.
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Am Ende wurden es zwei von 42. Zwei der 42 Schulklassen im GRG23 in Wien-Liesing verzichten auf ihr Smartphone. Rund um die Uhr, mit allen Nebenerscheinungen. Keine sozialen Medien wie TikTok oder Instagram, keine Handy-Navigation in den Öffis, kein WhatsApp.

Eine der beiden Klassen ist die 4C. Ihre Schüler gehören zu jenen gut 70.000 Jugendlichen in Österreich, die seit Mittwoch am „Handy-Experiment“ teilnehmen. Die Aktion ist eine Wiederholung eines bemerkenswerten Experiments, das der ORF jüngst in einem Gänserndorfer Gymnasium unternommen hat. Drei Wochen Smartphone-Verzicht führten eben dort zu signifikant positiven Ergebnissen: Der Schlaf wurde besser, die psychische Gesundheit stieg.

Unter der professionellen Beobachtung von Experten des Anton-Proksch-Institutes versucht jetzt eine enorme Anzahl an Teenagern, 21 Tage ohne Smartphone auszukommen. Sie führen Buch, füllen Fragebögen aus, beobachten sich und ihre Freunde.

Bildschirmzeit

Der KURIER begleitet den Feldversuch im GRG23 und wird die Schülerinnen und Schüler der 4C regelmäßig zu Wort kommen lassen. Denn: Die Herausforderung will nicht unterschätzt werden.

Trainings- und Matchpläne in Vereinen, Musikproben und Auftritte in Orchestern, Treffen mit Freunden oder die schlichte Frage, welche Unterrichtsstunden ausfallen: Im Jahr 2026 ist der Alltag von Teenagern von Apps und Smartphone-Funktionen geradezu durchdrungen.

Und das in einem Ausmaß, dass die Zahlen bei der „Bildschirmzeit“ längst verrückte Ausmaße annehmen: Auch in der 4C gibt es Schüler, die täglich mehr als acht Stunden am Bildschirm hängen; einzelne erzählen von 60 Stunden (!) Bildschirmzeit pro Woche.

Die jungen Menschen wissen längst, dass sie sich mit so viel „Screen-Time“ beileibe nichts Gutes tun.

„Ich merke, dass ich beim Fernsehen zum Handy greife und nicht mehr mitbekomme, worum’s in der Serie geht“, erzählt eine Schülerin. Eine andere kommt wegen des Smartphones oft nicht zum Lernen: „Wenn das Handy am Tisch liegt, dann denk ich mehr an das Handy als an meine Hausaufgabe.“

Als der KURIER die Klasse am ersten Tag des Experiments besucht, sind die Sorgen greifbar und vielfältig: Die Schüler erzählen von der „Angst der Langeweile“. Sie fürchten Kontaktverlust mit entfernteren Freunden oder „verloren zu gehen“, weil ihnen Google Maps fehlt.

Newsjunkie

Und dann gibt es noch die über allem schwebende Angst, (lebens-)wichtigen Informationen zu verpassen - „FOMO“, die „Fear of missing out“, heißt das. Die Teenager benennen sie ganz selbstverständlich beim richtigen Fach–Ausdruck. Wie gesagt: Sie sind reflektiert, wissen um die Versuchungen.

FOMO beschäftigt auch Direktor Markus Michelitsch. Er bezeichnet sich selbst als „Newsjunkie“, liebt Podcasts und Musik und hat für drei Wochen sein Smartphone gegen ein Klapp-Handy getauscht.

Fordernd ist das persönlich wie beruflich. „Mit der Schulverwaltung bewegen wir uns täglich auf vielen Plattformen“, sagt Michelitsch. ID Austria, also die Republik-eigene Authentifizierungsapp, ist in der Schulverwaltung Usus. Fällt sie weg, dann wird es zur Herausforderung, den Schulalltag von mehr als 1.000 Schülern zu regeln. „Aber auch dafür gibt es eine Lösung.“

„Back to the Roots“, lautet das Motto, das der Schulleiter den Schützlingen für das Handy-Experiment mitgeben will. Was ist gemeint? „Rausgehen in den Frühling, die Farbenpracht der Natur genießen, Sport machen, etwas analog lesen.“

Für die Schüler wünscht er sich, dass die „gute Klassengemeinschaft noch enger wird. Und dass die Jugendlichen einander durch die fordernde Zeit durchtragen.“

Die Vorzeichen dafür sind durchaus gegeben, denn: Die Schüler der 4C haben einen Plan und einige Vorkehrungen getroffen: Manche helfen sich mit Klapp-Handys, damit sie zumindest telefonisch erreichbar bleiben. Andere haben die für sie wichtigsten Telefonnummern und das Ticket für die Öffis auf Papier ausgedruckt und in der Schultasche verstaut. Und zudem sollte man nie den Ehrgeiz von Teenagern unterschätzen. „Ich hab mir vorgenommen, dass ich drei Wochen ohne Smartphone aushalte. Ich schaff das“, sagt eine Schülerin. „Und alle anderen werden es auch schaffen.“

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