Ex-EU-Kommissar Hahn: "Wir sollten nicht so pessimistisch sein"
Trotz seiner schillernden Karriere wirkte Johannes Hahn stets entspannt. Jetzt folgte er Harald Mahrer als Chef des Generalrats der Nationalbank nach.
KURIER: Wie ändert sich der Blick auf die heimische Politik, wenn man sie von außen betrachtet?
Johannes Hahn: Der Standort bestimmt oft die Relevanz des Themas. Man fragt sich durchaus auch bei anderen Ländern: Ist das wirklich das Wichtigste, womit sich die beschäftigen? Aus der Perspektive von Afrikanern oder Asiaten denkt man sich wahrscheinlich dasselbe über die gesamte EU.
Haben wir also zu viele Gartenzwergdebatten in Österreich?
Es gibt schon eine Neigung dazu.
Was sagen Sie zum EU-Parlamentsbeschluss, den Handelspakt Mercosur mit Südamerika an den EuGH zu delegieren, statt abzusegnen?
Das hat mich enttäuscht, aber nicht völlig überrascht. Es ging letztlich nur um 10 Stimmen bei über 700 Abgeordneten. Ich gehe davon aus, dass die Kommission den Handelspakt provisorisch in Kraft setzt.
Manche meinen, Europa werde zum „Freiluftmuseum“ für Touristen. Sehen wir gerade die EU als Wirtschaftsstandort untergehen?
Wir sollten nicht so pessimistisch sein. Es wurde immer wieder bewiesen, dass wir, gerade wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen, imstande sind zu „liefern“. Wir haben jahrzehntelang in drei Komfortzonen gelebt: Sicherheit, garantiert von den Amerikanern; billige Energie von Russland; günstige Technologie und seltene Erden aus Asien. Wir müssen uns nun auf eigene Beine stellen. Das ist kein leichter Weg, aber wir werden ihn bewältigen. Hinterher wird Europa stärker und resilienter sein.
Sind Sie besorgt über die besonders schlechte Performance des heimischen Wirtschaftsstandorts?
Wir brauchen Zukunftsprojekte, da ist in der Industriestrategie der Regierung einiges angesprochen. So hat vor 30 Jahren das damalige Duo im Finanzministerium – Ferdinand Lacina und Johannes Ditz – mit einem neuen Stiftungsrecht viel Geld nach Österreich gebracht. Jetzt könnte Österreich in Bezug auf Start-up-Finanzierung steuerliche Anreize schaffen und so innerhalb der EU zum Hub werden. Von der Forschungsqualität und der Manpower her hätten wir die Voraussetzungen. Wir brauchen Risikofinanzierung durch privates Kapital. Natürlich ist dafür auch eine Mentalitätsänderung nötig: Wenn man in Europa Schiffbruch erleidet, ist man persönlich, und manchmal sogar die ganze Familie, lebenslang stigmatisiert. In den USA oder Asien ist das Teil des Wirtschaftslebens, man muss nur wieder aufstehen.
Hat Ihre Partei, die ÖVP, zu wenig auf die Wirtschaft geschaut?
Man muss Wirtschaftstreibenden mehr zuhören. Das hängt aber auch oft vom Koalitionspartner ab. Die ÖVP könnte aktives Engagement bei der Vollendung des europäischen Binnenmarktes zeigen: Da geht es zum Beispiel um ein einheitliches Bahnnetz oder um eine eineinheitliche Autozulassung.
Was können Sie in Ihren neuen Job als Präsident des Generalrats in der Nationalbank einbringen? Internationale Perspektive, Erfahrung mit Administration, und ich hatte ja auch ein Vorleben in der Wirtschaft.
Ist ein Generalrat neben dem Direktorium denn wirklich nötig – noch dazu parteipolitisch besetzt?
Die Nationalbank ist letztlich auch ein Unternehmen, daher gibt es einen Aufsichtsrat, der hier eben Generalrat heißt. Der Eigentümer, die Republik, entscheidet über die Besetzung. Die Mitglieder garantieren eine Bandbreite fachlicher Zugänge.
Zum ausführlichen "Salon Salomon" mit Johannes Hahn
Sie waren auch einmal Wiener ÖVP-Obmann. Warum tut sich die ÖVP in den Städten so schwer?
Sie stellt in vielen Städten den Bürgermeister – aber das hängt sehr stark mit Personen zusammen. Die Wählerschaft ist gerade in den Städten sehr beweglich. Mit einem bürgerlich-liberalen Profil kann die ÖVP aber schon punkten.
Was in Wien offenbar fehlt.
Markus Figl ist in dieser Hinsicht vielversprechend. Für den bürgerlichen Menschen gilt: Er will maximale Sicherheit bei größtmöglicher Freiheit. Das ist manchmal durchaus ein Widerspruch.
Hat Sie Herbert Kickl in Ihrer Zeit als Kommissar jemals kontaktiert?
Ich hatte eine Begegnung mit ihm, als er Innenminister war. Das Gespräch habe ich aber hauptsächlich mit seinen Mitarbeitern geführt, weil er so beschäftigt war mit seiner Enttäuschung über mein schlichtes, deutlich weniger pompöses Büro als seines. Das gipfelte am Ende in seine Frage, ob das wirklich mein Büro sei.
Sie waren in Ihrem Leben vier Mal schwer an Krebs erkrankt. Wie verändert es das Leben?
Ich habe mit 21 Hodenkrebs bekommen, und dann gab es über 20 Jahre hinweg Rezidive. Das hatte eine doppelte Konsequenz: Einerseits habe ich dadurch eine gewisse Gelassenheit – manche Freunde haben mir damals sogar Phlegma vorgeworfen. Heute wird das sogar als „Asset“ gesehen. Andererseits habe ich lange Zeit kein Eigentum gebildet, um meine kleine, junge Familie nicht mit einer Verschuldung zu belasten, falls mir etwas passiert. Mit Anfang 20 konnte ich mir gar nicht vorstellen, jemals 40 zu werden.
Haben Sie mit diesem Schicksal gehadert?
Nein. Als mein Vater von meiner Krebsnachricht wie erstarrt war, habe ich beschlossen, für ihn zu kämpfen. Gott sei Dank hat das geklappt.
Was geht Ihnen von Brüssel ab? Pommes, Muscheln, Bier?
Meine Vorliebe für Mayonnaise hat sich durch Belgien noch einmal verstärkt. Aber meiner Frau zuliebe esse ich nur fettarme. Was mir wirklich abgeht, ist mein Team. Mein Kabinett bestand aus etwas mehr als 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus zwölf unterschiedlichen Nationen. Eigentlich sollten möglichst viele die Erfahrung machen dürfen, so zu arbeiten, weil man sieht: Es gibt unterschiedliche Kulturen und Erfahrungen, aber letztendlich versucht man, einen gemeinsam Zug zum Tor zu haben.
Sie sind in zweiter Ehe mit der ehemaligen Vizekanzlerin Susanne Riess verheiratet, die einst bei der FPÖ war. Wird bei Ihnen daheim heftig über Politik diskutiert?
Heftig nicht – aber wir diskutieren politische Phänomene mit Insiderwissen, ähnlich wie ehemalige Spitzensportler, die im Fernsehen Skirennen kommentieren. Ich verhehle nicht den Unterhaltungsfaktor für mich, wenn ich Politikwissenschaftern und Politikberatern beim Analysieren zuhöre.
Kommt bei Ihnen daheim wirklich „Hund vor Hahn“, wie Sie selbst scherzhaft behaupten?
Er spielt eine wichtige Rolle – auch für mich.
Sie blicken auf ein vielfältiges Berufsleben zurück. Fehlt etwas?
Ich bin zufrieden, es war sehr ordentlich. Irgendwann einmal hätte ich schon das Bedürfnis, nur noch Pensionist und Opa zu sein.
Wie viel Zeit nimmt das Nationalbankmandat in Anspruch?
Durchschnittlich zwei Tage die Woche – ich nehme das sehr ernst. Es passt!
Zur Person:
Der Wiener Johannes Hahn war ab 2010 bis Ende 2024 Mitglied der EU-Kommission: zunächst zuständig für Regionalpolitik, dann für europäische Nachbarschaftspolitik und Erweiterungsverhandlungen, später für Haushalt und Verwaltung. Seine Karriere startete er in der Jungen ÖVP, arbeitete für die Novomatic
und wechselte in die Wiener Stadtpolitik.
Er war Wiener ÖVP-Chef, bevor er 2007 zum Wissenschaftsminister ernannt wurde. Hahn ist mit Ex-Vizekanzlerin Susanne Riess verheiratet.
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