Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing, Freunde und Erfinder des europäischen Währungssystems

© APA/AFP/DPA/FRANZISKA KRAUFMANN

Politik Inland
12/03/2020

Valéry Giscard d’Estaing: Modernisierer und Visionär

Nachruf: Valéry Giscard d’Estaing starb mit 94 an den Folgen von Covid-19.

Von Simone Weiler, Paris

Er war der bis dahin jüngste französische Präsident der Fünften Republik. Einen modernen Liberalismus wollte er verkörpern und Volksnähe zeigen, trotz seiner elitären Ausbildung. Und blieb doch ein „Mann seines Milieus“, wie er selbst einmal sagte. Von der Bedeutung der europäischen Zusammenarbeit war er zutiefst überzeugt.

Die Rede ist nicht von Emmanuel Macron, sondern einem Mann, mit dem Macron oft verglichen wird: Valéry Giscard d’Estaing, Staatschef zwischen 1974 und 1981. Bei seinem Amtsantritt war er 48 Jahre alt (Macron sogar erst 39). Anschließend blieb „VGE“, wie sein Name gerne abgekürzt wird, 39 Jahre Alterspräsident – und stellte damit noch einen Rekord auf. Am späten Mittwochabend ist er im Alter von 94 Jahren an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung im Dorf Authon in der Nähe von Tours gestorben.

Währungsunion

„Europa ist eine Notwendigkeit“, hat Giscard d’Estaing einmal gesagt. Wollten die Europäer in einer Welt mit sechs Milliarden Einwohnern eine Rolle spielen, könnten ihre Staaten nicht alleine agieren. An der Seite des deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, mit dem ihn eine Freundschaft verband, brachte er den europäischen Integrationsprozess voran, die Entwicklung eines gemeinsamen Währungssystems auf den Weg und unterstützte regelmäßige Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs.

Später war er EU-Parlamentarier und beteiligte sich am Entwurf einer Europäischen Verfassung – deren Ablehnung durch die Franzosen und Niederländer 2005 ihn traf.

Geboren wurde er 1926 in Koblenz, wo sein Vater, ein Generalinspektor im Finanzministerium, der französischen Besatzungsarmee angehörte, wuchs aber in Frankreich auf. Beteiligte er sich als 18-Jähriger am Widerstand gegen die Nazi-Besatzer, so wurde Giscard d’Estaing kurz vor Kriegsende noch Soldat und rückte mit den Streitkräften des Freien Frankreichs bis nach Deutschland vor.

Nach dem Besuch zweier Elitehochschulen ging er bald in die Politik, wurde damals jüngster Abgeordneter in der Nationalversammlung, später wiederum jüngster Wirtschafts- und Finanzminister. Im Präsidentschaftswahlkampf 1974 versammelte er die bürgerlich-liberale Mitte hinter sich und siegte knapp gegen den Sozialisten François Mitterrand. 1981 unterlag er ihm.

Giscard d’Estaing war, ähnlich wie Macron, als Modernisierer und Erneuerer angetreten und traf damit sechs Jahre nach der 68-er Revolution einen Nerv. Unter ihm kamen das Recht auf Abtreibung, die einvernehmliche Ehescheidung, und die Volljährigkeit wurde von 21 auf 18 Jahre hinuntergesetzt. War seine Amtszeit zunächst geprägt von einem spektakulären Wirtschaftsboom, so führten die Ölkrisen zum Schock. Der Präsident reagierte darauf mit dem energischen Ausbau der Kernenergie.

Zwar gab er sich betont volksnah, ließ sich gern in legerer Kleidung mit seiner Frau Anne-Aymone und den vier Kindern ablichten, lud Mitarbeiter der Müllabfuhr in den Élysée-Palast ein und kam mit Kamerabegleitung bei Normalbürgern zum Essen vorbei. Dennoch haftete ihm, dem gebürtigen Aristokraten, der Ruf der Abgehobenheit an. Einen Anteil daran hatte auch ein Skandal um geschenkte Diamanten, die Giscard d’Estaing vom Diktator der Zentralafrikanischen Republik und späteren Kaiser Bokassa erhielt.

Fiktive Liebelei mit Diana

In späteren Jahren betätigte sich VGE als Schriftsteller und beschrieb in einem seiner vier Romane, „Die Prinzessin und der Präsident“, eine fiktive Liebelei mit Lady Diana. Dass er die Frauen mochte, war bekannt, doch irritierte es viele, als ihn im Frühjahr diesen Jahres eine deutsche Journalistin wegen sexueller Belästigung bei einem Interview anzeigte.

Die Bestattung soll auf seinen Wunsch im engen Familienkreis stattfinden. Auf ein großes Staatsbegräbnis wollte er verzichten.

 

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