Wirtshaustour: Was Wähler an den Grünen nicht so super finden
Man muss mit all dem beginnen, was fehlt. Eine Bühne? Gibt’s nicht. Mikrofone? Auch nicht. Und obwohl Leonore Gewessler gerade in einem Badener Wirtshaus von Tisch zu Tisch wandert, hängt an keiner Wand ein Plakat, um zu erklären: Zu diesem Abend haben die Grünen eingeladen.
Es gibt Roastbeef (vom Wirt selbst gemacht), Heringssalat, Verhackerts, Humus und Bauernbrot. Solide Hausmannskost. Man ist per Du, auch wenn viele hier weder Parteimitglied noch Funktionäre sind. Aber darum geht’s nicht. „Auf einen Spritzer mit Leonore“, heißt das hier. Es ist eine Wirtshaustour, die die Ex-Ministerin seit Monaten macht. Weil sie wissen will, wie’s besser geht; was schiefgelaufen ist.
Ist etwas schiefgelaufen?
Nun, die Grünen sind bei der Nationalratswahl von gut 14 Prozent auf 8,2 Prozent gefallen, Parteichef Werner Kogler sagte Adieu. Und Gewessler hat erlebt, was man „Fallhöhe“ nennt: Von einer NGO kommend, stieg sie direkt in die Regierung ein und zur wichtigsten Ministerin auf. Seit dem Juli 2024, als sie ohne Zustimmung der ÖVP dem Renaturierungsgesetz zugestimmt hat, kennt sie jeder politisch Interessierte. Heute hingegen backen die Grünen wieder kleinere Brötchen, wie es heißt. Gewessler reist ohne Kabinett, sie ist Chefin der kleinsten Oppositionspartei.
„Was führt Sie hierher?“, lautet die Frage, mit der die 48-Jährige das Gespräch gern anwirft. Ein früherer Bank-Mitarbeiter ist nach Baden gefahren, bei ihm daheim in Breitenfurt sollen 300 Wohnungen und ein Ärztezentrum Grünflächen verbetonieren. „Wir haben den Baumschutz, aber: Was ist mit dem Bodenschutz?“
Eine Frau, sie kommt aus Perchtoldsdorf, ärgert der Preis von Kerosin und Diesel: „Warum ist Fliegen und Autofahren so billig? Die Pendler sollen nicht bestraft werden. Sie sollen aber auch nicht mit dem Dieselprivileg bevorzugt werden. Bei den Steuern geht’s um Gerechtigkeit.“
Gewessler schmunzelt zustimmend. Das ist ihr Thema: Gerechtigkeit.
„Wir haben eine Petition für die Besteuerung der Super-Reichen“, antwortet sie. Aber sind Reichen-, Vermögens- und Erbschaftssteuern wirklich so eine tolle Idee? Die SPÖ hat das bei der Nationalratswahl gefordert – und wurde abgestraft. Gewessler bleibt dabei: „Die Frage, wie gerecht das Land ist, beschäftigt sehr viele. Vor allem im Mittelstand.“
Kein Thema ist für die Gäste an diesem Abend die Kritik der Bundesgleichbehandlungskommission. Sie hat jüngst eine Personalentscheidung in Gewesslers Amtszeit als parteiisch und unsachlich zerpflückt. Die Ex-Ministerin bleibt dabei, „es wurde zu 100 Prozent die richtige Person ausgewählt.“
Was kommt sonst an Kritik? Interessanterweise gefällt der Klima-Bonus auch hier nicht allen. „Der war Unsinn“, sagt ein Teilnehmer an seinem Bier nippend. „Ich hab den nicht gebraucht, der war sozial nicht treffsicher.“ Und ein Deutscher, der seit 30 Jahren in Österreich lebt, findet eine Grüne ganz und gar nicht toll: Lena Schilling.
„Wen will sie mit Aktionen wie am Opernball ansprechen? Das befriedigt vielleicht das Ego, aber: Wen abseits der 7 Prozent Stammwähler gewinnt man damit?“ „Ich fand das cool“, verteidigt Gewessler Schilling. „Menschen, die 10.000 Euro für einen Abend ausgeben können, sollten daran erinnert werden, dass sie vielleicht dort und da mehr zum Zusammenhalt leisten sollten.“
Was die Besucher außerdem stört, das sind die einfachen Dinge: Wenn die Grünen auf eMails nicht antworten. Oder wenn man nicht zurückgerufen wird. Die Parteichefin macht sich Notizen am Handy.
Ein Zuhörer aus Neunkirchen meint, die Menschen in seinem Ort würden erst jetzt langsam verstehen, was die Grünen in der Regierung verändert haben. „Jetzt sagen sie: Ja, die Förderungen für den Heizkessel-Tausch, die waren eigentlich eh gut.“
Das hilft Leonore Gewessler derzeit eher wenig. Dankbarkeit ist keine politische Kategorie. Aber spätestens 2029 wird ja wieder ein Parlament gewählt. Und bis dahin gehen sich auch noch ein paar Wirtshaustouren aus.
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