Martin Kocher, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS)

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Politik Inland
09/16/2020

IHS-Chef Kocher: "Wirtschaftlich noch keine zweite Welle"

Wirtschaftsforscher rechnet vorerst nicht mit weiterem Einbruch der Konjunktur. Arbeitsmarkt entlasten und Schulabgänger länger in Ausbildung halten.

IHS-Chef Martin Kocher rechnet trotz steigender Infektionen vorerst nicht mit dem weiteren Einbruch der Wirtschaft wegen der Coronakrise. "Im Moment sehen wir wirtschaftlich nichts von einer zweiten Welle", sagt Kocher im APA-Interview. Zur Entlastung des Arbeitsmarkts empfiehlt er, Schulabgänger länger in Ausbildung zu halten. Und trotz Krise sollte die Regierung den Pfad zu einer CO2-Steuer vorlegen.

Mit dem wegen der Corona-Pandemie verhängen Lockdown ist die Wirtschaft massiv eingebrochen. Von Mitte März bis Mitte April registrierte die Nationalbank einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um bis zu ein Viertel. Bis zum Sommer hat sich die Situation dann zwar wieder entspannt. Seit August deuten die Zahlen nun allerdings wieder auf eine Verlangsamung der Erholung hin.

Den ganzen Tag mit der Maske kann anstrengend werden

Den in den Zahlen der Nationalbank seit August zu beobachtenden Knick würde Kocher allerdings nicht überbewerten. Entscheidend wird aus Sicht des Wirtschaftsforschers sein, ob die wieder steigenden Infektionszahlen für negative Stimmung sorgen. Auch Einschränkungen bei Gastronomie, Hotellerie oder Schulschließungen wären ein gewisser wirtschaftlicher Rückschlag, meint Kocher: "Man kann nicht gleichzeitig arbeiten und die Kinder beaufsichtigen."

Für das kommende Budget empfiehlt Kocher, der neben seiner Funktion im Institut für Höhere Studien (IHS) auch Chef des Fiskalrates ist, einen Schwerpunkt auf aktive Arbeitsmarktpolitik. Als Beispiel nennt er etwa ein Nachfolgeprojekt für die unter Türkis-Blau gestoppte "Aktion 20.000" - allerdings "mit etwas anderen Vorgaben und effizienter als die Aktion 20.000".

Maßnahmen hält der Wirtschaftsforscher auch im Bereich Lehrlingsausbildung und Qualifikation für nötig. Außerdem sollte die Politik versuchen, die "Abschlusskohorte" - also die aktuellen Schulabgänger - im Bildungsbereich zu halten. "Man müsste versuchen, den Andrang am Arbeitsmarkt etwas zu entzerren." Beispielsweise könnten Pflichtschulabsolventen für ein Jahr an berufsbildende Schulen wie HTL, HBLA und HAK wechseln: "Im Idealfall bleiben die Leute sogar länger in der Ausbildung." Maturanten könnten verstärkt an Unis und Fachhochschulen gehen, anstatt gleich Jobs zu suchen.

In der Klimapolitik plädiert Kocher angesichts der Krise zwar nicht für eine rasche Einführung, aber doch für einen konkreten Fahrplan zu einer CO2-Steuer. "Man müsste einen Preispfad festlegen und ohnehin eine Übergangsfrist von ein bis zwei Jahren haben, bis das startet", meint der IHS-Chef. Ohne eine solche Maßnahme werde man nicht auskommen, denn ein nationaler Emissionshandel sei nicht praktikabel. "Letztendlich wird es teurer sein müssen, zu transportieren oder Auto zu fahren."

"Relativ wenig Sorgen" machen dem Chef des Fiskalrats, der die Einhaltung der EU-Budgetregeln überwacht, die in der Coronakrise steigenden Staatsschulden: "Wir kommen auf einen Schuldenstand, der ungefähr dem entspricht, was wir nach der Finanzkrise hatten. Wenn wir zum Beispiel 2023 wieder maastrichtkonform wären, dann hätten wir einen einigermaßen nachhaltigen Budgetpfad." Die Regierung sollte aus seiner Sicht in zwei Szenarien denken: Sollte Anfang nächsten Jahres eine Corona-Impfung zur Verfügung stehen, werde man die Wirtschaft gut über Wasser halten können und eine große Pleitewelle verhindern können. Sollte sich die Pandemie noch über zwei, drei Jahre hinziehen, dann werde es schwieriger und die Regierung werde ihre Maßnahmen anpassen müssen.

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