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Altersvorsorge
12/13/2015

Als es noch keine Pensionen gab

Renten und Pensionen wurden erst im 20. Jahrhundert eingeführt.

von Georg Markus

Wir wissen noch nicht, was uns mit der angekündigten Pensionsreform erwartet, da Rot und Schwarz einander diesbezüglich einmal mehr in den Haaren liegen. Eine Einigung soll es im kommenden Jahr geben. Anlass für einen Blick zurück in düstere Zeiten, als es noch gar keine Renten gab, als Alter und Krankheit für die meisten Menschen auch Not und Elend bedeuteten.

Den Tod herbeigesehnt

Eine eindrucksvolle Beschreibung der Zustände, die in jenen Tagen herrschten, stammt von Adelheid Popp, die 1869 als fünfzehntes Kind einer Weberfamilie in Inzersdorf bei Wien geboren wurde. Zehn ihrer Geschwister starben früh, als dann ihr Vater krank wurde, verschlangen ärztliche Hilfe und Medikamente die ohnehin kargen Einkünfte. "So oft ich mit einem Rezept in die Apotheke geschickt wurde", schreibt Adelheid Popp in ihren Jugenderinnerungen, "klagte meine Mutter, wie lange das noch dauern würde" – Kranksein war mit so großen wirtschaftlichen Opfern verbunden, dass der Tod des Angehörigen geradezu herbeigesehnt wurde.

Kein Pensionsanspruch

Als mit Vater Popp dann der einzige Erwerbstätige in der Familie starb, konnte die Mutter ihre fünf Kinder, die überlebt hatten, nicht mehr ernähren, da es damals keinerlei Pensionsanspruch gab. Also mussten Adelheid und ihre Geschwister arbeiten gehen. Das Mädchen war noch keine zehn Jahre alt, als es seine ersten Dienste als Hausgehilfin, Näherin und Fabriksarbeiterin antrat, weshalb sie die Schule abbrechen musste. Die Mutter hatte keine andere Wahl, als die gesetzliche Schulpflicht ihrer Kinder zu missachten und dafür von Zeit zu Zeit für mehrere Stunden in den Arrest zu gehen.

Das Schicksal der Familie Popp ist kein Einzelfall, Kranksein und Altwerden waren im 19. Jahrhundert für viele Menschen mit Betteln und Hausieren verbunden.

Im Jahr 1889 wurde zwar endlich eine verpflichtende Krankenversicherung eingeführt, doch Pensionsanspruch gab es noch immer keinen. Allerdings wären ohnehin nicht allzu viele Menschen in den Genuss einer Rente gekommen, da die durchschnittliche Lebenserwartung zur Jahrhundertwende immer noch bei 40 Jahren lag – nur eine Minderheit hätte also die Pension erlebt.

Für Menschen, die ein reiferes Lebensalter erreichten, gab es keine Gesetze, die besagten, ob man mit 60, 65 oder 70 aus dem Arbeitsprozess gezogen würde, sie arbeiteten vielmehr – im wahrsten Sinne des Wortes – "bis zum Umfallen".

Hungersnot

Wer nicht mehr arbeitsfähig war, wurde "ins Ausgedinge" geschickt, womit er auf die Unterstützung seiner Kinder angewiesen war – diese waren gesetzlich verpflichtet, ihre bedürftigen Eltern zu versorgen. Hatte man keine Kinder oder waren sie nicht in der Lage zu helfen, fiel man der öffentlichen Armenpflege anheim. Während die Großfamilie im ländlichen Bereich relativ gut für ihre Alten sorgte, führte das fehlende Sozialnetz in den Städten im Zeitalter der Industrialisierung zu unvorstellbarer Hungers-und Wohnungsnot, zu Massenausspeisungen und Elendsquartieren.

Die Beamtenpension

Abgesehen von einigen wenigen Fällen freiwilliger betrieblicher Altersvorsorge gab es in der Donaumonarchie nur einen Berufsstand, der ein Anrecht auf Pension hatte: die Beamten. Also herrschte trotz oft jahrelanger Wartezeiten und meist erbärmlicher Entlohnung ein derartiges "Griss" um jeden Staatsposten, dass sich bis zu 50 Praktikanten um eine einzige Kanzlistenstelle rauften. Sie allein bot die Garantie, im Alter abgesichert zu sein. Der Kabarettist Hermann Leopoldi hat noch in den 1920er-Jahren dem diesbezüglichen Privileg, aber auch der miserablen Besoldung der Beamten ein populäres Lied gewidmet:

Am besten hat’s ein Fixangestellter,Mit Pensionsberechtigung,

Mit Pensionsberechtigung.Und wird er auch dabei täglich älter,Die Pensionsberechtigung, die hält ihn jung.Er hat am Ersten nix, er hat am Zweiten nix,Doch was er hat, das hat er fix...

Die ersten Pensionen für nicht beamtete Staatsbürger wurden 1909 den so genannten "Kopfarbeitern," also höheren Angestellten, gewährt. Doch "sozial" konnte sich auch diese Regelung nicht nennen, da die Altersrente nur bekam, wer mindestens 600 Kronen jährlich verdiente – wodurch die "kleinen Leute" erst recht durch den Rost fielen. 1914 wurde im Parlament endlich ein Gesetzentwurf für eine Invaliditäts- und Arbeiter-Rente eingereicht, deren Realisierung jedoch durch den Ersten Weltkrieg verhindert wurde.Die unter so tristen Umständen aufgewachsene Adelheid Popp machte sich noch in den letzten Jahren der Monarchie als Frauenrechtlerin einen Namen, ehe sie 1919 sozialdemokratische Abgeordnete zum Nationalrat wurde.

Bismarcks RentenNach Beamten und "Kopfarbeitern" gelang es 1927 den Handelsangestellten, ihre Pensionsansprüche durchzusetzen. Die ersten Arbeiter erhielten ihre Renten nach dem "Anschluss" an Hitlerdeutschland – aber nicht, weil die Nazis so sozial waren, sondern weil Reichskanzler Otto von Bismarck bereits in den 1880er-Jahren Kranken-, Invaliden- und Rentenversicherungen eingeführt hatte. Zum vollen sozialen Schutz im heutigen Sinn kam es in Österreich erst in der Zweiten Republik.

Das neue Buch von Georg Markus

Soeben erschienen: Das neue Buch von Georg Markus "Apropos Gestern", in dem der Autor seine "Geschichten hinter der Geschichte" erzählt.

Er erinnert sich an historische Themen aus der k. u. k. Zeit, an Begegnungen mit Habsburgern, Künstlern, mit Politikern, Stars und anderen Großen aus unseren und aus vergangenen Tagen.

Amalthea Verlag, 300 Seiten, zahlreiche Abbildungen, € 24,95.

Erhältlich im Buchhandel oder – handsigniert vom Autor – im kurierclub.at