Energieexperte: "Physikstunde für alle Politiker"
Die Politik wisse, wohin die Reise geht, sagt Bernd Vogl in der Milchbar, dem Innenpolitik-Podcast des KURIER und, woran es hapert.
KURIER: Vielleicht sagt der Klima- und Energiefonds nicht jedem etwas. Was ist Ihr tägliches Brot? Und wie viel Geld haben Sie zur Verfügung?
Bernd Vogl: Wir sind eine Fördereinrichtung des Bundes. Das Geld, das er uns zur Verfügung stellt, geben wir großteils als Förderungen an private Unternehmen, Gemeinden und Städte aus. Ziel ist es, Klimaschutzprojekte zu unterstützen und Österreich auf dem Weg in die Klimaneutralität zu begleiten. 2024 hatten wir mit 650 Millionen Euro das meiste Budget, derzeit liegt es ungefähr bei 300 Millionen Euro.
Klima- u. Energiefonds ist eine Fördereinrichtung des Bundes mit derzeit circa 45 Mitarbeitern. Derzeit verfügt der Fonds über 300 Millionen Euro.
Bernd Vogl ist seit 2023 Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds. Der Umweltökonom (Studium der Betriebswirtschaft zum Schwerpunkt Umweltökonomie) war u. a. von 2011 bis 2022 Leiter der Energieplanung im Magistrat der Stadt Wien.
Hat der Rückgang der Mittel damit zu tun, dass die Grünen nicht mehr in der Regierung sind und es auf EU-Ebene keinen Green Deal mehr gibt?
Natürlich haben sich die politischen Schwerpunkte ein bisschen verschoben. Aber ich glaube, das hat vor allem mit der Budgetknappheit zu tun. Der Klimafonds agiert als Förderinstitution zwischen der Forschung und der Marktförderung.
Was erwarten Sie sich von der Industriestrategie, was muss diese jedenfalls beinhalten?
Wenn wir das Energiesystem auf Erneuerbare umstellen wollen – und das werden wir wollen, weil es uns unabhängiger macht – dann fördert das die Wirtschaft. Wir sehen wegen der Krisen in der Welt, dass das die einzige Möglichkeit ist, resilienter zu werden.
Welche Erneuerbaren Energien kann sich Österreich besonders nutzen?
Das fossile Energiesystem baut sich um in ein Stromsystem durch erneuerbare Energien. Die größten Potenziale liegen in Sonne- und Windkraft: Weltweit reden wir von 60 bis 70 Prozent Sonnenenergie bis ins Jahr 2050/ 2060 und 20 Prozent Windenergie. Dann kommt noch Biomasse und Wasserkraft dazu. Österreich hat sehr viel Biomasse und Wasserkraft, bei Wind gibt es Länder mit besserem Potenzial wie Deutschland oder Holland.
Im Gespräch mit Josef Gebhard und Johanna Hager
Die USA setzen derweil auf Erdöl und profitieren davon wirtschaftlich.
Du bist wirtschaftlich immer dann stark, wenn Du Deine eigenen Ressourcen nutzt. Man braucht nur in die Vergangenheit zu schauen: Früher hat es an den Flüssen Fabriken gegeben, weil die Energie dort nutzbar und günstig war. Die industrielle Produktion folgt in gewisser Weise den Energiequellen. Wir sind gut beraten, die vielen Möglichkeiten, die wir in Europa haben, zu nutzen, um damit auch langfristig günstige Energie für die Wirtschaft zu haben. Mit Öl und Gas werden wir das nicht schaffen, weil wir dadurch immer von anderen abhängig sind.
Gibt es Berechnungen, wann Erdöl nicht mehr der wichtigste Energieträger ist?
Laut der Internationalen Energieagentur wird sich das Ganze rund um 2040 drehen. Die Energiemengen, die aus Energieträgern wie Sonne und Wind gewonnen werden, gehen erst langsam nach oben. Was die wesentlichen Technologien betrifft – Wind, Sonne, Batterien auch für Elektroautos – geht die Kurve exponentiell nach oben.
Atomkraft stellt für einige eine Alternative dar, weil sie kein CO2 emittiert.
Wir haben bei Atomkraft immer noch das Problem des radioaktiven Atommülls. Zurzeit kommen fünf Prozent der Weltenergie aus Atomenergie. Überlegen wir mal, wie viel Atomkraftwerke wir errichten müssten, um auf 100 Prozent zu kommen. Großbritannien baut gerade ein Werk. Der Einspeisetarif liegt bei 22 Cent. In der Wüste von Marokko wird derzeit für unter 2 Cent aus Photovoltaik-Anlagen produziert. Wenn wir uns die Preisentwicklung bei Batterien ansehen, dann ist der Photovoltaikstrom aus der Batterie deutlich günstiger als Atomenergie. Alle Prozesse gehen in diese Richtung – da braucht man keine Klimaschützer und keine Ökos, denn das wird der Markt erledigen.
Warum gibt es dann immer noch so viele Windkraftgegner in Österreich und warum läuft die Erneuerbaren-Wende so schleppend?
Das ist eine fast philosophische Frage, denn, wenn es den Menschen gut geht, dann wollen sie nichts verändern. Doch langsam erkennen wir, dass andere Länder, die aufstrebend sind, auf andere Energien setzen. Wir müssen innovativ bleiben. Wenn wir weiter auf das Alte setzen, dann werden uns die Dinge von außen überfahren. Dann heißen die Autos Tesla oder kommen aus China.
Aber das tun sie ja schon!
Ja! China hat eine 5-Jahres-Strategie, die immer upgedated wird. China setzt bewusst auf Speicher, Photovoltaik und E-Autos, weil das die Wachstumsmärkte sind.
Worauf soll Österreich setzen?
Wir haben sehr viele gute Unternehmen im Bereich Wind, Biomasse und Solar und innovative Unternehmen wie Fronius, die sich aber am europäischen Markt schwertun, weil sie gute Unterstützung brauchen, damit die Konkurrenz aus China, die subventioniert wird, sie nicht aus dem Markt verdrängt. Mein Plädoyer an die Politik: Wir wissen, wo es langgeht!
Scheinbar nicht...
Ich sage Ihnen ein Beispiel: In den 1980ern hat Europa bei Luftreinhaltung klare Rahmenbedingungen gesetzt, haben europäische Unternehmen Innovationen entwickelt, von denen wir heute noch profitieren, weil Technologien weltweit verkauft wurden.
Wie geht es Ihnen dann damit, dass viele Klimaziele aufgeweicht wurden und mehr vom Aus vom Verbrenner-Aus die Rede ist?
Mir ist es schon besser gegangen. Ich bin für Technologieoffenheit, aber wir wissen, wohin die Reise geht: Der Energieträger der Zukunft wird Strom sein.
Kaum werden in Österreich die Förderungen für Heizkesseltausch und PV-Anlagen zurückgefahren, bricht die Nachfrage ein. Geht der Umstieg ohne Förderung nicht?
Wir müssen in Österreich von dem „Wir fördern ewig weiter“ weg kommen, denn vieles rechnet sich schon.
Das sagt der Chef des Klima- und Energiefonds?!
Absolut! Wir merken durch die Förderung, wie sich die Märkte verändern. Man muss erkennen, wann der Impuls durch die Förderung gelungen ist und man aus dem Markt muss. Wir haben die Elektroautos im Klimafonds gefördert. Mittlerweile sind die E-Autos am Markt billiger als vorher abzüglich der Förderung.
E-Mobilität ist also für Sie die Zukunftstechnologie. Wie sieht es mit E-Fuels aus?
Ich würde Physikstunden für alle Politiker vorschreiben, weil: Natürlich kann ich auf E-Fuels setzen, die wir wahrscheinlich im Flugverkehr brauchen werden. Für E-Fuels muss ich aber die siebenfache Energiemenge aufbringen. Das heißt: Ich kann entweder sieben E-Autos betreiben oder ein E-Fuel-Auto. Sie müssen bedenken, dass es bei Erneuerbaren keine Energieknappheit gibt. Um den Weltenergieverbrauch zu produzieren, brauchen sie eine PV-Fläche von 1.000 mal 1.000 km in der Wüste. Das ist nicht unmöglich. Wir haben genug Energie, wir müssen sie nur von energiereichen in energiearme Zonen bringen. Die Frage ist: Wie transportieren und speichern wir Energie? Österreich ist ein Speicherland.
Inwiefern?
Wir haben Wasserkraftspeicher, zum Glück, wir haben Gasspeicher, die man auch mit Erneuerbaren füllen kann und wir liegen geografisch strategisch extrem günstig. Daraus kann man was machen. Im Mittelalter hätten sie eine Maut verlangt.
Warum hat die Regierungen wie Österreich dann derart mit den Energiepreisen zu kämpfen?
Weil wir nicht schnell genug skalieren. Bei den Innovationen sind wir weiterhin wie Europa top. Wir müssen nur etwas daraus machen.
Wien will bis 2040 bei den privaten Heizungen klimaneutral werden. Kann sich das noch ausgehen?
Ich bin immer ein Fan von ambitionierten Zielen, weil sie geben Orientierung. Es ist nicht wichtig, ob die Stadt 2040, 2045 oder 2050 klimaneutral ist. Es geht darum, einen Rahmen zu setzen und Strategien vorzugeben, damit auch die Unternehmen Orientierung haben.
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