U-Ausschuss: "Mama, was ist eigentlich ein Pilnacek?"
Der suspendierte Sektionschef des Justizministeriums ist in der Nacht auf Freitag im Alter von 60 Jahren gestorben.
Irgendwann, als die Befragung schon Stunden dauert und die Abgeordneten ermattet sind, fällt der Name „Hans W.“.
Was? Warum Hans W.? Warum lächelt die Auskunftsperson?
Es ist der 7. Tag im Pilnacek-U-Ausschuss. Und diesmal haben die Abgeordneten einen IT-Experten der Justiz eingeladen.
Er hat Pilnaceks Smartwatch und Laptop ausgewertet, es geht um Sensoren Logfiles und Ähnliches. Das ist alles komplex – bis auf triviale Episoden wie jene des Hans W. Warum also lächelt der Zeuge? „Weil es eine Abkürzung ist: für Hans Wurst“, sagt er. Er könne sich daran erinnern, das stehe in seinem Bericht. Da hat sich also wirklich jemand einen Scherz erlaubt – vielleicht Pilnacek selbst? – und Dateien als „Hans Wurst“ im Laptop angelegt. Und dieser „Name“ wurde später in den Akten auf „Hans W.“ anonymisiert. Den Forensiker amüsiert so etwas.
Bahnbrechend sind die Wurst-Dateien nicht. Doch die Episode steht stellvertretend für die Erwartungshaltung, die an IT, Forensik und Daten-Forscher gestellt werden. Auch von den Abgeordneten.
Bluetooth
In der Praxis ist alles schwieriger. Ein Beispiel ist die Smartwatch des Toten: Nachgewiesene 75 Mal hat sie sich in der Todesnacht mit bluetooth-fähigen Geräten verbunden bzw. versucht, sich zu verbinden. Wo genau diese Geräte gelegen oder gestanden sind, kann niemand sagen, auch nicht der IT-Fachmann. Wars eine bluetooth-fähige Boje auf der Donau? Wars ein im Gestrüpp verlorener Kopfhörer? Vieles ist denkbar, aber: wissen wird man es nie, denn: Bereits die Gerätekennungen sind verschlüsselt.
Auch Detail-Fragen wie „Wann registriert der in der Smartwatch verbaute Sensor einen Sturz?“ kann endgültig nur der Hersteller der Smartwatch beantworten. Es ist ein koreanischer Konzern. Und dessen Wiener Rechtsabteilung gab dem IT-Experten sinngemäß die Antwort: Wir haben kein technisches Know-how, wir verkaufen in Österreich nur die Geräte. Man müsste wohl im Mutter-Konzern nachfragen – also in Korea .
Noch ein Wort zum Laptop: Bei diesem ist erwiesen, dass Daten abgezogen wurden. Konkret wurde die „Powershell-History“, eine Art Befehlsprotokoll, gelöscht.
„Eine gängige Methode, um Spuren zu löschen“, sagt der IT-Experte. Auch seien USB-Sticks an den nicht Passwort-geschützten Computer angesteckt worden. Aber das überrascht nicht. Denn wie mehrfach berichtet, ging der Laptop über Monate durch die Hände von verschiedenen Privatpersonen, ehe er am Ende bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft gelandet ist.
Beeinträchtigt
Nach dem IT-Fachmann war jene Polizistin geladen, die den Einsatz bei der Leichenbergung geleitet hat. Kontrollinspektorin S. schildert detailliert, wie sehr die Causa Pilnacek ihr Leben verändert hat. „Ich werde täglich darauf angesprochen. Mein Privatleben und mein Dienst sind beeinträchtigt.“ So werde ihr ausgerichtet, inkompetent und unfähig zu sein. Und das liegt daran, dass Parlamentarier die Erzählung nähren, S. und ihre Kollegen würden im Sinne der ÖVP agieren oder sogar Fakten unterschlagen.
Dieser Vorwurf trifft S. nicht nur in ihrer Berufsehre. Er entbehrt auch nicht einer gewissen Komik. Denn S. ist nicht nur nicht ÖVP-nahe, sie ist sogar SPÖ-Mitglied und dort Personalvertreterin. Vor allem aber ist sie auch Mutter. Sie erzählt, dass ihr kleiner Sohn längst verstanden habe, wie sehr die Vorwürfe an ihr nagen. Und weil er die Ursache des Übels kennen will, hat er einmal gefragt: „Mama, was ist eigentlich ein Pilnacek?“
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